Sie reisten von Burg zu Burg

Signau/Eggiwil

In den letzten Jahren hat Jonas Glanzmann im oberen Emmental sechs bisher unbekannte Burgstellen entdeckt. Der Hobbyarchäologe kann heute einen Zusammenhang mit den Verkehrswegen nachweisen.

Jonas Glanzmann lenkt den Blick von oberhalb Signaus Richtung Emmenmatt. Früher mäandrierte die Emme durch die Talsohle. Reisende näherten sich im Mittelalter deshalb nicht durchs Tal, sondern nahmen den Weg über die Hügel.

Jonas Glanzmann lenkt den Blick von oberhalb Signaus Richtung Emmenmatt. Früher mäandrierte die Emme durch die Talsohle. Reisende näherten sich im Mittelalter deshalb nicht durchs Tal, sondern nahmen den Weg über die Hügel.

(Bild: Hans Wüthrich)

Susanne Graf

«Das höre ich zum ersten Mal», staunt Martin Wyss. Der Signauer Gemeindepräsident nimmt teil an einer Exkursion der Offiziersgesellschaft Langnau und Umgebung. Dabei präsentiert deren ehemaliger Präsident Jonas Glanzmann neue Erkenntnisse. Der in Langnau aufgewachsene Mitarbeiter einer Immobilienfirma hat sich der Erforschung alter Zeiten verschrieben.

Und immer wieder macht er Entdeckungen, die den Archäologen bisher verborgen geblieben sind. Deshalb wusste Martin Wyss auch nicht, dass auf dem Erdhügel hinter dem Haus, in dem er aufgewachsen ist, dereinst eine Burg stand: im Schächlihubel hinter Eggiwil. Wer von Entlebuch her ins Emmental gereist sei, sei im Mittelalter ebenso an dieser Stelle vorbeigekommen wie die Adelsgeschlechter aus dem Berner Oberland, die in Eggiwil Alpen besessen hätten, erklärt Glanzmann.

Auch im Schächlihubel hinter dem Dorf Eggiwil stand einst eine Festung. Denn wer vom Oberland ins Emmental kam, musste an dieser Stelle vorbei. Bild: Hans Wüthrich

Viel genutzte Route

Ausgangspunkt der Exkursion ist jedoch Signau. Glanzmann steht oberhalb der Hochebene von Mutten und lenkt den Blick auf das Tal der Emme, die einst nicht in einem festen Flussbett dahinzog, sondern breit durch die Talsohle mäandrierte, gesäumt von Auenwäldern. Kein sicheres Gebiet für Reisende sei das gewesen. Trotzdem ist Glanzmann überzeugt, dass die wichtigste Transitroute zwischen Nord und Süd im frühen Mittelalter durch das Emmental führte.

Wegen der Angst vor dem Wasser zogen die Reisenden nicht durchs Tal, sondern über die Hügel. «Burgen waren wichtige Wegbegleiter», sagt Glanzmann. Weil das Gebiet des oberen Emmentals umkämpft gewesen sei, da hier die Alemannen und Burgunder aufeinandergetroffen seien, seien hier zur Sicherung der Routen viele Burgen gebaut worden.

Glanzmann hat in den letzten drei Jahren in den ehemaligen Ämtern Trachselwald und Signau nicht weniger als sechs bisher unbekannte Burgstellen entdeckt. So kann er heute nachweisen, dass ein wichtiger Verkehrsweg von Solothurn her über Burgdorf, Lützelflüh, Rüderswil, Lauperswil, von dort über die Gemmi nach Signau und weiter via Mutten und Röthenbach Richtung Oberland geführt hat. «Man wusste, dass in diesem Gebiet im Mittelalter viele Burgen errichtet wurden, aber dass sie im Zusammenhang stehen mit der über­regionalen Verkehrsroute, war neu», erklärt Glanzmann seinen jüngsten Beitrag zur Geschichtsschreibung.

Mit den Augen des Kenners

Dass auf dem Schweinsberg, am Eingang zum Eggiwiltal, eine solche Verteidigungsanlage stand, ist historisch Interessierten bekannt. Doch Glanzmann war der Erste, der eine Burgstelle weiter hinten im Tal gründlich untersuchte, nämlich oberhalb der Diepoldswil-Brücke.

Wo der von Neuenschwand her kommende Wanderer beim Hof Hinterbürg bestenfalls ein schlichtes «Högerli» im Wald wahrnimmt, hat das Auge des Hobbyarchäologen die von Menschenhand vorgenommenen Veränderungen im Terrain erkannt: eine dreistufige Terrassierung des Vorlandes, einen Graben um den Burghügel herum und dass Letzterer mit dem Aushub aufgeschüttet worden sei, damit die Burgherren Höhe und Übersicht hätten gewinnen können.

Auf dem Hügel sind noch Überreste eines aus Erde und Holzlatten gebauten Gebäudes zu sehen. «Hier wurde noch nie mit schwerem Gerät Holz geerntet», sagt Glanzmann. Sonst wären die Spuren der mittelalterlichen Besiedelung verschwunden.

Das ist nicht bloss ein «Högerli», sondern ein von Menschenhand ­ auf­geschütteter Erdhügel bei Hinterbürg, auf dem einst eine Burg stand. Bild: Hans Wüthrich

Vergessener Fund

Auch als hinter dem Eggiwiler Heidbühl die Spitze des Hügels im Schächlihubel ausgeebnet wurde, wird wohl niemand geahnt haben, dass im Boden noch Zeugen zu finden wären, die vom einstigen Leben der «von Eggiwil»-Schultheissen berichten könnten. Denn erst ab etwa 1300 nach Christus habe man mit Steinen gebaut, erklärt Glanzmann.

Seine ganze Freizeit investiert der gelernte Hochbauzeichner in die Frage, wie das Emmental wurde, was es ist. In diesem Zusammenhang ist er im historischen Museum in Bern auf einen Fund gestossen, der dort aufbewahrt, aber nie genauer unter die Lupe genommen worden war. In den 1960er-Jahren sei der prähistorische Fund entdeckt und im Museum deponiert worden.

Dank ihm weiss Jonas Glanzmann nun, wo die Besiedelung des oberen Emmentals ih­ren Anfang nahm: auf der Matte oberhalb des Bahnübergangs zwischen Signau und Schüpbach. Nächsten Frühling will der Freizeitforscher seine Entdeckungen und Erkenntnisse in einem Buch präsentieren. Mehr dazu gibt es auf www.historiarum.ch.

Berner Zeitung

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