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Sie rasten gern im Emmental

Touristen, die mit dem Wohnmobil reisen, würden gerne im Emmental Halt machen. Doch sind dort sind Stellplätze dünn gesät. Dabei könnten gerade die Landwirte profitieren.

Nachdem sie stundenlang auf der Autobahn Richtung Süden fuhren, machen Touristen aus nördlichen Nachbarländern gern im Emmental halt.
Nachdem sie stundenlang auf der Autobahn Richtung Süden fuhren, machen Touristen aus nördlichen Nachbarländern gern im Emmental halt.
Thomas Peter

Sie lernt das Emmental von seiner schönsten Seite kennen. «Einfach fantastisch», sagt die Norddeutsche, während sie entspannt in einem Campingstuhl sitzend in Richtung der Berner Alpen blickt, die eben noch von der untergehenden Sonne beschienen in mildem Abendrot zu sehen waren.

Rasch wird es dunkel – und kühl. Doch die Reisende und ihr Begleiter bleiben sitzen und erfreuen sich an der Leuchtkraft der Sterne, die hier von keiner Strassenlaterne konkurrenziert wird. Sie lauschen den entfernt bimmelnden Glocken weidender Kühe. Alle paar Minuten taucht am Horizont das Licht eines Traktors auf. Ein Landwirt macht Nachtschicht.

Als sich das deutsche Paar auf der Reise nach Marokko mit seinem Wohnmobil der Schweizer Grenze näherte, wusste es noch nicht, dass es die Nacht im Emmental verbringen würde. Sie habe im Bordatlas nach einem Stellplatz gesucht, berichtet sie. Dabei sei ihr sofort aufgefallen, dass ­solche Ecken, auf denen Wohnmobilisten ausdrücklich willkommen geheissen würden, in der Schweiz wesentlich dünner gesät seien als in Deutschland und Frankreich.

Ihre Wahl fiel dann auf Blueberry Hill, den Platz, den Peter und Brigitte Bracher in Brunnen, Gemeinde Dürrenroth, neben ihrer Heidelbeerplantage zur Verfügung stellen. Fünf Wohnmobile haben hier Platz. Die Übernachtenden können sich auf der Anhöhe an einen massiven Holztisch setzen oder eine mit Bänken umrundete Feuerstelle nutzen. Zudem stellt ihnen das Bauernpaar Strom- und Wasseranschluss sowie Entsorgungsmöglichkeiten zur Verfügung. ­

Sanitäre Anlagen aber zählen nicht zum Angebot auf Blueberry Hill, es richtet sich ausschliesslich an Wohnmobilisten mit mitgeführter Toilette. Doch aus eigener Campererfahrung weiss Peter Bracher, welches Bedürfnis ein Stellplatz in erster Linie befriedigen muss: Die Reisenden suchen einen Ort, an dem sie ihr Gefährt abstellen und sich mit ruhigem Gewissen ins Bett legen können, ohne befürchten zu müssen, mitten in der Nacht von Grundeigentümern oder der Polizei weg­gejagt zu werden.

Vor sieben Jahren haben Peter und Brigitte Bracher deshalb ein entsprechendes Angebot geschaffen. Seit der Platz in verschiedenen Verzeichnissen aufgeführt sei, werde der Weiler Brunnen immer öfter angepeilt, sagt der Bauer, der sein Geld mit der Produktion von Heidelbeeren, Schaumweinen und Randensalat verdient. Wohnmobilisten bezahlen pro Nacht 10 (mit Strombezug 12) Franken in ein bereitgestelltes Kässeli.

Reservationen nimmt die Familie keine entgegen. «Es ist erst zwei- oder dreimal vorgekommen, dass jemand weiterfahren musste, weil es bei uns keinen Platz mehr hatte», sagt Peter Bracher. Die meisten seiner Gäste bleiben für eine Nacht. Viele unternehmen eine Wanderung oder eine Velotour und besuchen etwa die von Brunnen aus sichtbare Emmentaler Schaukäserei in Affoltern.

Regionale Produkte

Die Frau aus Norddeutschland hat ihren Mann auf den Bauernhof gelotst, weil sie hoffte, hier auch einen Hofladen vorzu­finden, in dem sie sich für die Weiterfahrt mit regionalen Produkten eindecken können würde. Nun, in Brunnen konnte sie immerhin ein paar Flaschen Schaumwein erstehen.

Wohnmobilisten seien knauserig, würden bloss Abfall, aber kein Geld in der Region liegen lassen, lautet eines der Vorurteile, die ­offenbar davon abhalten, mehr Stellplätze einzurichten. Bracher kann das nicht bestätigen, im Gegenteil: Abfallprobleme kenne er nicht, und im Direktverkauf profitiere er von den Touristen.

Auf dem Blueberry Hill steht den Campern auch eine grosszügige Brätlistelle zur Verfügung. Bild: Thomas Peter
Auf dem Blueberry Hill steht den Campern auch eine grosszügige Brätlistelle zur Verfügung. Bild: Thomas Peter

Reich machen ihn die fünf Stellplätze zwar nicht. Dennoch sind sie ihm wertvoll. «So kommen wir in Kontakt mit vielen interes­santen Menschen, die wir sonst nicht kennen lernen würden», sagt er. Und oft erhalte er Ge­legenheit, die Reisenden über die Emmentaler Landwirtschaft aufzuklären. «Die Leute sind sehr ­interessiert, sie wollen wissen, was die Bauern auf ihren Feldern machen.»

Gesetzliche Hürden

Obwohl gerade Landwirte, die bestimmte Produkte direkt vermarkten und zu diesem Zweck Hofläden betreiben, von den in- und ausländischen Gästen pro­fitieren könnten, sind Stellplätze für Wohnmobile in der Schweiz Mangelware. Die Regionalkon­ferenz Emmental und die Region Oberaargau möchten, dass sich das in ihrem Gebiet ändert.

Deshalb haben sie die gesetzlichen Grundlagen zur Schaffung von Stellplätzen erarbeitet, ein Merkblatt verfasst und im Frühling eine Informationsversammlung durchgeführt. Ihr Ziel war es, die Entstehung neuer Stellplätze zu fördern. «Gerade aus den Kreisen der Wohnmobilisten hatten wir sehr gute Reaktionen», stellt ­Adriano Miceli, stellvertretender Geschäftsführer der Regionalkonferenz Emmental, fest.

Gleichzeitig seien die vom Raumplanungs- und Umweltgesetz vorgegebenen Hürden aber als gross erachtet worden. Miceli weiss denn auch bloss von einem neuen Stellplatz, der seit Frühling geschaffen wurde.

«In unserer Region hat es durchaus noch Potenzial für weitere Stellplätze», ist Peter Bracher indes überzeugt. Das hört er aus den Reaktionen seiner Kunden. Und er weiss, dass die nörd­lichen Nachbarn das Emmental lieben. Wenn sie müde von der Reise vor ihren Wohnmobilen sitzen, den Blick über die grünen Hügel streifen lassen und sich am Horizont sogar noch die Berner Alpen zeigen, «dann flippen die Holländer jeweils fast aus», sagt der Bauer.

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