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Seriöse Berner, fidele Luzerner

Auf dem Napf müssten sie erkennbar sein, wenn es Unterschiede gäbe zwischen den Bernern und den Luzernern. Und es gibt sie tatsächlich: Nur die Luzerner steigen unter der Woche mal eben für ein Feierabendbier auf den Gipfel.

Cartoon: Max Spring

Im oberen Emmental grenzt der Kanton Bern an den Kanton Luzern. Mehrheitlich Reformierte treffen hier auf mehrheitlich Katholische – wenn sie sich denn überhaupt begegnen. Ein Punkt, an dem sich Emmentaler und Entlebucher über den Weg laufen könnten, befindet sich auf dem Napf. Im gleichnamigen Bergrestaurant oder etwas weiter unten im Alpbeizli Stächelegg. Unterscheiden sich Berner und Luzerner eigentlich voneinander? Sollte es nebst dem Dialekt Andersartigkeiten geben zwischen ihnen, müssten sie sich dort oben manifestieren. Also hinauf auf den Napf.

An heissen Sommertagen kä­men die meisten Gäste erst nach Feierabend, warnt Stefan Hirschi vom Berghaus Napf vor einem vergeblichen Rechercheausflug über die Mittagszeit. An Tagen, in denen das Thermometer in Langnau auf 30 Grad klettert, ist es abends um halb sechs hinter der Mettlenalp, zuhinterst im Truber Fankhausgraben, immer noch drückend heiss. Vielleicht ist das der Grund, warum man beim Überwinden der rund 400 Höhenmeter mutterseelenalleine bleibt.

Das haben Berner und Luzerner, die auf den Napf wollen, übrigens mit Sicherheit gemeinsam: Dass sie ins Schwitzen kommen. Bahn gibt es keine, von beiden Seiten führt ein ­steiler Weg hinauf. Eine minimale Fitness bringen also alle Gäste mit, ob reformiert oder katholisch.

Kurz vor dem Ziel hört der Wald auf, ein frisches Lüftchen weht. Der Blick zurück streift über weiche Emmentaler Hügel und bleibt an den Schneebergen hängen. Weiter rechts die Jura-Kette. Weiter links, unter der Schratten, präsentiert sich die Entlebucher Landschaft, die sich kaum von jener des Emmentals unter­scheidet. Nur, dass ein paar Windräder auffallen. Solche sind auf Berner Boden rundherum keine zu sehen. Weil es hier weniger windet? Oder weil die Berner etwas langsamer sind? Doch Schluss jetzt mit Werweissen. Gewissheit über allfällige Unterschiede gibt nur die Beobachtung vor Ort.

Auf dem Napf ist es still. Ein Pärchen sitzt an einem Tisch vor dem Restaurant, ein anderes geniesst auf einer Bank die traumhafte Aussicht, und drei junge Männer repetieren die Namen der Berge. Eine repräsentative Aussage zum Unterschied zwischen Bernern und Luzernern wird sich angesichts des bescheidenen Gästeaufkommens schwerlich machen lassen. Zu­mal das eine Paar dann noch aus dem falschen Kanton kommt.

«Wir sind Zürcher»,sagt er. Den Napf habe er mit seiner Frau erklommen, weil sie ihn von zu Hause aus sehen könnten. Interessant. Aber für unsere Unter­suchung leider irrelevant. Das Gespräch mit dem Mann, der eben noch mit seiner Frau die Aussicht bewundert hat, bringt auch nicht die erhoffte Erkenntnis: Sie seien aus Basel und würden in mehreren Etappen den Grenzpfad Napfbergland erwandern, der von Langenthal über den Napf bis zum Brünig führe, erklärt er.

Zwei sportliche Männer in schicken Velodresses kämpfen sich hinter dem Haus mit ihren Bikes den Hang empor. «Grüezi», keuchen sie. Berner sind das also nicht, sonst hätten sie «Grüessech» gesagt. Über die Matte nähert sich von Luzerner Seite ein verschwitzter Mittfünfziger mit Walkingstöcken. Zehn Jahre sei er wohl nicht mehr auf dem Napf gewesen, lacht er – erleichtert, das Ziel nun erreicht zu haben. Aber heute wolle er sich hier mit ein paar Freunden zum Feierabendbier treffen. Früher hätten sie das ab und zu so gemacht.

Der Mann aus Luzern gesellt sich zur fröhlichen Schar, die sich inzwischen auf der Terrasse eingefunden hat und in den nächsten Minuten weiter anwächst. Zum Aperitif bestellen sie im Restaurant erst einmal eine Flasche Weisswein. Sie scheinen sich auf einen ausgelassenen Abend einzustellen. Auf die Frage, wie lange sie sich für so ein Feierabendbier denn in der Regel Zeit nähmen, antwortet eine Frau: «Ach, es ist auch schon vorgekommen, dass wir geblieben sind, bis es dunkel war.» Aber heute hätten sie die Fackel nicht dabei.

Es ist schwierig, eine Vergleichsstudie zwischen Bernern und Luzernern anzustellen. Die Luzerner bleiben unter sich. Nur ein Mann mit einem Cornetglace in der Hand grüsst auf Berndeutsch. An einem gewöhnlichen Tag unter der Woche den Abend auf dem Napf zu verbringen, gehört allerdings auch für ihn nicht zur Routine. «Ich musste flüchten. Meine Frau hat zu Hause Frauenbesuch», erklärt er die Ausnahme lachend.

Doch offenbar präsentiert sich an diesem Donnerstagabendkeine aussergewöhnliche Situation auf dem Napf. Während Stefan Hirschi vom Berghaus Napf generell keine grossen Unterschiede zwischen Bernern und Luzernern ausgemacht haben will, erklärt Christian Hirschi auf der Stächelegg das beschriebene Bild als typisch.

Berner kämen abends kaum je auf den Napf, unter der Woche schon gar nicht. Der Landwirt und Betreiber des Alpbeizlis beschreibt die Berner als seriös sowie auf Beständigkeit und Sicherheit bedacht. «Wenn wir nur von ihnen leben müssten, wären wir längst verlumpt», sagt er. Nur 10 Prozent seiner Gäste seien Berner.

Einträglicher für die Beizer auf dem Napfund der Stächelegg sind die Luzerner. Nicht nur, weil sie in grösserer Zahl einkehren. «Die Luzerner sind Festhütten, sie lassen es gerne krachen», stellt Walter Bärtschi, Christian Hirschis Partner auf der Stächel­egg, fest. Und ja: Sie tränken den Kaffee gern so stark mit Schnaps verdünnt, «dass sie durch das Glas hindurch fast Zeitung lesen könnten», bestätigt Hirschi ein gängiges Klischee.

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