Affoltern

Sagenumwoben und erdenschön

AffolternDer Weiler Heiligenland ist eine eigentümliche Gegend. Wie heilig der schöne Flecken Erde wirklich ist, darum ranken sich etliche Mythen und Legenden.

Im Heiligenland auf Spurensuche. Wieso heisst der Ort so? Hans Sägesser (links) und Heinz Leuenberger versuchen die Frage zu beantworten. 

Im Heiligenland auf Spurensuche. Wieso heisst der Ort so? Hans Sägesser (links) und Heinz Leuenberger versuchen die Frage zu beantworten.  Bild: Olaf Nörrenberg

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Wer kann schon von sich sagen, er lebe in einem heiligen Land, ohne gleich weiss nicht was für Stirnrunzeln auszulösen? Heinz Leuenberger und Hans Sägesser dürfen das. Ihre Adresse: Heiligenland 5 und 7, 3416 Affoltern. Ein spezielles Gefühl? «Also schön ist es hier schon», sagt Hans Sägesser.

«Aber ich kenne auch nichts anderes.» Sägesser ist hier aufgewachsen und wohnt seit 1946 an diesem Hang unterhalb der Lueg. Nachbar Heinz Leuenberger ist auch in dem Weiler geboren, 1955, aber erst später, um 1964, endgültig hierhergezogen.

Erdenschön, so nennen es die Leute, die hier schon einmal vorbeispaziert sind. Und ja, erdenschön, so darf man diesen rund 20 Hektaren grossen Flecken Erde durchaus bezeichnen. Der Blick geht weit bis an die Berner Alpen. Drum herum nur saftige Hänge, Wälder und die liebliche Ruhe einer Emmentaler Abgeschiedenheit.

Heiligenland liegt auf 800 Meter über Meer, meist gleich oberhalb der Nebelgrenze. «Wir sind hier selber ein kleines Dorf», sagt Elisabeth, die Frau von Hans Sägesser. «Und wir haben es alle sehr gut miteinander. Vielleicht macht uns das ja ein bisschen heilig.» Zumindest im Vergleich, was man sonst so höre von Nachbarschaftsstreitigkeiten.

Seit je dreissig Leute

Ein bisschen eine eingeschworene Truppe sind sie schon, die Leute aus Heiligenland. In den letzten rund fünfzig Jahren sind laut Heinz Leuenberger gerade mal zwei Wohn- und vier Ferienhäuser dazugekommen. Die Einwohnerzahl liegt jedoch seit je bei rund dreissig. Der Grund ist simpel: Heute leben dreizehn Familien hier. Früher gab es nur vier Bauernhöfe. Zwar eher kleine Betriebe, dafür waren die Familien grösser.

Inzwischen sind nur noch Sägessers vollumfänglich in der Landwirtschaft tätig. Und eine Familie betreibt sie noch im Nebenerwerb. Fast alle, die hier wohnten, sagt Heinz Leuenberger, seien irgendwie mit dem Ort verbunden, hätten Angehörige hier oder hätten die Häuser der Eltern oder der Grosseltern übernommen.

Etwas weiter östlich von Heiligenland sorgt die Luegarena regelmässig für Schlagzeilen. Im Westen verbraucht die Schaukäserei dann und wann Druckerschwärze. Dass der Weiler selber kaum je in der Zeitung vorkommt, ist eigentlich erstaunlich. Denn interessant ist seine Geschichte allemal, ja gar sagenumwoben.

Die einzige Strasse, die durch den Ort führt, ist Teil des Jakobswegs. In den Jahren, als sich gerade jede dritte Hausfrau auf den Weg nach Santiago de Compostela gemacht hatte, kamen an schönen Tagen bis zu sieben Pilger in Heiligenland vorbei, wie von Hans Sägesser zu vernehmen ist.

Die Kapelle

Die Leute, die sich da auf Wallfahrt befanden, hatten den Weg durch Heiligenland aber nicht etwa nur wegen der pittoresken Aussicht gewählt, sondern auch wegen eines Gebäudes, das auf Heinz Leuenbergers Grundstück steht. In seinen Worten: «Wenn wir rund um den Speicher herum mehr als einen halben Meter in die Tiefe graben wollen, müssen wir den Archäologischen Dienst kommen lassen.»

In diesem Sinn ist das also schon mal heiliger Boden. Denn der Speicher, den Heinz Leuenberger heute als Festhütte benützt, steht auf Gemäuer, das aus dem Mittelalter stammt. Die Legende sagt, dass es sich dabei um eine Kapelle gehandelt hat, wahrscheinlich aber um eine heidnische, wohl keltischen Ursprungs. Das zeige schon die Ausrichtung der Türe gen Osten, sagt Leuenberger. Das sei unüblich. Normalerweise seien sie gegen Westen gebaut worden.

Es gibt sie, die Recherchen und einschlägige Internetseiten, die sich mit dem Ort und der Kapelle  beschäftigen. Gesichert sind die Informationen aber nicht. Das sagt auch Heinz Leuenberger, der sich durchaus für die Geschichte von Heiligenland interessiert.

Im Buch «Heimiswil, Heimatbuch einer bernischen Landgemeinde» findet sich etwa «Die Sage von den Wallfahrten». Und dort steht der Satz: Noch «vor der Reformation wallfahrteten die Pilgerzüge mit Kreuz und Fahne, Litaneien singend und Gebete murmelnd, zu dem berühmten, wundertätigen Marienbild in der Kapelle von Heiligenland bei Affoltern». Offenbar waren mit den Wallfahrten sogenannte Krützgänge gemeint, bei denen man Gott um gutes Wetter bat.

Im Heimatbuch steht aber auch, dass die Kapelle in keiner Urkunde erwähnt wird. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um eine sogenannte Feldkapelle mit einem einzigen Heiligenbild. Diese wurde nach der Reformation um 1530 aber auf Weisung der Regierung abgebrochen. Jene in Heiligenland wurde später, so um 1580, wohl als Speicher wieder aufgebaut.

Der Teufel

Auch im Buch «500 Jahre, eigenes ständiges Pfarramt Affoltern» kommt er vor. Wiederum handelt es sich um eine Sage. Die Geschichte erzählt von drei Bauern, die im «sehr alten» und inzwischen eben «entheiligten» Speicher Schnaps tranken und einen Jass klopften. Als einer der Spieler, wohl bereits etwas angesäuselt, fluchte und sagte: «Dr Tüfu söll mi näh», sei doch tatsächlich ein Teufelsbockfuss aus dem Holzboden heraus gewachsen.

Ob das Land dort zwischen Affoltern und Heimiswil nun heilig oder gar verflucht ist oder nichts von alldem: Oberhalb von Heiligenland steht das Lueg-Denkmal – errichtet für die im Ersten Weltkrieg gestorbenen Kavalleristen. Die danebenstehende Linde gilt als Kraftort. Unter dieser Linde spürt Heinz Leuenberger etwas. «Dort oben kann ich runterfahren», wie er sagt. Immerhin.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 14:48 Uhr

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