Trubschachen

Rauch vor dem Heimatmuseum

TrubschachenDoris Wicki hat beim Heimatmuseum einen kleinen Kohlenmeiler angezündet. Ihr Projekt ist Teil des Emmentaler Brauchtums­festes, das am Sonntag seinen Höhepunkt erreicht.

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Das müssen einsame Stunden sein. Während seine Familie im Bauernhaus drüben schläft, darf Markus Wicki sein Werk auch des Nachts nicht sich selber überlassen. Mindestens alle zwei Stunden benötigt der rauchende Kohlenmeiler, den er gut hundert Meter vom Haus entfernt aufgebaut hat, seine volle Aufmerksamkeit.

Der 50-Jährige schläft deshalb jeweils während zweier bis dreier Wochen in einem alten Bauwagen. Durch ein Fenster kann er vom Bett aus beobachten, wie sich der Rauch verhält. Der erfahrene Köhler erkennt, wann es Zeit ist, neue Löcher in die Deckschicht zu stechen und andere mit Kohlenstaub zu schliessen.

Im Innern der Halbkugel darf die Glut nie erlöschen. Sie darf aber auch nicht mit zu viel Sauerstoff genährt werden, weil sonst Flammen züngeln und das Holz verbrennen würden. Wickis Ziel ist es, aus Holz Kohle herzustellen. Er gehört zum Köhlerverbund Romoos, in dem ein gutes halbes Dutzend Entlebucher Bauern vereint sind und auf traditionelle Weise Grillkohle herstellen.

Rentieren tut das nicht

Das Handwerk habe er von seinem Vater gelernt, erklärt Wicki. Der habe 1976 wieder mit der Köhlerei angefangen. Davon leben kann der Landwirt nicht. Aber immerhin kann er sich damit einen Nebenerwerb sichern, ohne dafür auswärts arbeiten zu gehen. Auch wenn Otto’s als Abnehmer einen guten Preis bezahle und gerne noch mehr Grillkohle beziehen würde, wird der Landwirt seine Produktion nicht steigern. Sonst müsste er dafür Leute anstellen und Löhne – sogar mit Nacht- und Wochenendzuschlag – einkalkulieren. «Aber für die Arbeit darf ich nichts rechnen», sagt der Bauer. Die Liebe zum Handwerk an und für sich muss also gross sein, wenn man es mit so viel Aufwand betreibt, obwohl kein gebührliches Entgelt dabei herausschaut.

Coiffeuse sattelte um

Und diese Liebe hat auch des Bauern Schwester Doris Wicki ergriffen. Seit 2004 macht die gelernte Coiffeuse im Sommerhalbjahr nichts anderes mehr, als Interessierten die Kunst der Köhlerei näherzubringen.

Sie ist es denn auch, die gestern in Trubschachen einen Meiler in Betrieb genommen hat. Einen winzigen allerdings im Vergleich zu dem, was Markus Wicki gegenwärtig Tag und Nacht pflegt. Er habe für den seinen etwa 60 Ster Holz geschichtet, sie werde am Brauchtumsfest in der Nähe des Heimatmuseums Trubschachen aber mit bloss 5 Ster arbeiten. Denn Doris Wicki hat nicht vier bis fünf Wochen Zeit, bis sie die Kohle herausnehmen kann. Gestern angezündet, wird dem Meiler im Rahmen des Handwerkermarkts «Läbigs Bruuchtum» bereits am kommenden Sonntag sein Produkt entnommen.

In Kegelform aufschichten

Doch ob gross oder klein: Der Aufbau ist immer gleich. Etwa einen Meter lange Scheite – vorzugsweise aus Buchenholz – werden auf einem Rost zu einem Halbrund oder in Kegelform aufgeschichtet. In der Mitte bleibt ein Schacht frei, in den der Handwerker später Kohle schütten wird. Der fertige Holzstapel wird erst mit Tannästen, dann mit Kohlestaub zugedeckt, sodass weder Luft noch Wasser ins Innere dringen können.

Ist die Kohle in der Mitte einmal entzündet, besteht die Aufgabe des Köhlers darin, den Prozess des Verkohlens am Laufen zu halten, indem er zur rechten Zeit am rechten Ort neue Luftlöcher in die Decke sticht und andere schliesst. «Es geht darum, gezielt Sauerstoff zuzuführen», erklärt Doris Wicki.

Die 60-Jährige hat sich zur Botschafterin für das uralte Handwerk entwickelt. Sie wird eingeladen von Gemeinden und Vereinen, baut ihre Meiler vor Ort auf, macht Führungen und gibt viel altes Wissen weiter. Doris Wicki ist auch Vizepräsidentin der europäischen Köhlervereinigung. Und sie weiss, dass in der Schweiz ausser bei der Kartause Ittingen und auf dem Ballenberg nur noch die Landwirte im Entlebucher Romoos Kohlenmeiler betreiben.

In Trubschachen nächtigt auch Doris Wicki in einem Schlafwagen neben dem Meiler. Obwohl sie alles daransetzen wird, dass keine Funken sprühen, haben die Organisatoren vorgesorgt: «Wir haben einen Feuerwehrschlauch gelegt», sagt OK-Präsident Simon Bichsel. Angesichts der Trockenheit wollte der Ex-Regierungsstatthalter ganz sichergehen.

Das Emmentaler Brauchtumsfest «Läbigs Bruuchtum» findet diese Woche zum zweiten Mal statt. Ihren Höhepunkt erreicht die Festwoche am Sonntag mit dem grossen Markt mit traditionellem Handwerk. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.08.2018, 10:33 Uhr

«Läbigs Bruuchtum» zum Zweiten

Der einzige Weissküfer kommt auch

Vor zwei Jahren waren zwischen 6500 und 7500 Besucherinnen und Besucher nach Trubschachen gepilgert. Nun wollen die Organisatoren an diesen Erfolg anknüpfen und führen diese Woche zum zweiten Mal das Emmentaler Brauchtumsfest «Läbigs Bruuchtum» durch. Wieder treten als Organisatoren die Stiftung Hasenlehn, die das Heimatmuseum betreibt, zusammen mit Vereinen aus dem Dorf auf. Während der ganzen Woche kann der Kohlenmeiler auf der Hasenlehn-Matte besichtigt werden. Auf Anmeldung bietet die Köhlerin Doris Wicki auch Führungen an.

Ab 18 Uhr wird jeweils eine Festwirtschaft mit Unterhaltungsprogramm geboten. Es treten Musik-, Gesangs- und Volkstanzgruppen aus dem Dorf und der Umgebung auf, am Samstag gibt die Volksmusikgruppe Hiesix ab 20 Uhr ein Konzert.

Ihren Höhepunkt erreicht die Festwoche am Sonntag, wenn wieder ein grosser Markt mit traditionellem Handwerk und regionalen Spezialitäten stattfinden wird. An über 50 Ständen werden alte Techniken gezeigt wie etwa das Filochieren, Glanderieren oder Gaufrieren. Auch das Töpfern und Trachtenschneidern wird zu sehen sein. Zudem wird der einzige Weissküfer, der diesen Sommer die Lehre abgeschlossen hat, sein Handwerk vorstellen. (pd/sgs)

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