Langnau

Podiumsgespräch unter Freunden

LangnauEs war ein gemütlicher Abend, der aber auch aufzeigte, wie stark Langnau im Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt steckt: Die vier Kandidaten für das Gemeindepräsidium trafen sich zum Podiumsgespräch.

Neo1-Redaktor Reto Wiedmer und die vier Kandidaten im Gespräch über Gott und die Welt und Langnau dazwischen.

Neo1-Redaktor Reto Wiedmer und die vier Kandidaten im Gespräch über Gott und die Welt und Langnau dazwischen. Bild: Thomas Peter

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Der Weg auf den Thron ist gesäumt von neugierigem Volk. Das durften die vier Kandidaten für den Posten des Gemeindepräsidenten in Langnau die letzten Monate am eigenen Leib erfahren. Am Mittwochabend machten Walter Sutter (SVP), Niklaus Müller (SP), Thomas Gerber (BDP) und Christoph Utiger (EVP) halt im Hirschensaal in Langnau. Das Lokalradio Neo1 lud zum Podiumsgespräch.

In gemütlicher Runde diskutierten die Kandidaten mit Neo1-Redaktor Reto Wiedmer über Gott und die Welt und Langnaus Rolle darin. Etwas härter zur Sache ging es zwischendurch, wenn sich die Herren auf dem sogenannten heissen Stuhl während 100 Sekunden den bissigen Fragen von Redaktor Simon Keller stellen mussten. Gut 70 Besucher hatten den Weg an das Podium gefunden. Ein Grossteil davon Politiker und Mitarbeiter der ­Gemeinde inklusive Anhang. Nichtsdestotrotz war der Abend ein Erlebnis und gab Gelegenheit zu kleinen Charakterstudien.

«Kein 08/15-Job»

Ehe es losging, bekam erst einmal jener das Wort, der die letzten 24 Jahre das Zepter geschwungen hatte: der amtierende Gemeindepräsident Bernhard Antener. Zu Beginn noch etwas widerwillig, liess der SP-Mann im kurzen Gespräch dann aber doch ein Bild von sich zeichnen. Eines, das ihn als jemanden zeigt, der weniger ein Visionär, dafür aber ein starker Stratege mit sehr gutem Gedächtnis ist.

Als einen, der bei jedem der über 2000 Geschäften in seiner Amtszeit mitreden konnte und das auch gerne tat. Als einen der sich für die Kultur, den Sport und für die SCL Tigers einsetzte. Und auch als einen unermüdlichen Arbeiter, der 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr Gemeindepräsident ist. Und das war es dann auch, was er zum Schluss seinem Nachfolger mit auf den Weg gab: «Das hier ist kein 08/15-Job. Es braucht Herzblut.»

Danach überliess der Präsident das Feld den vier Anwärtern: dem gemütlichen Landwirt aus der SVP, dem netten Nachbarn (BDP), dem «roten Hund» (SP) und dem Mann mit dem Mahnfinger aus der EVP. Sie setzen sich hin, griffen gelassen zum Mikrofon und wirkten dabei so, als täten sie dies zum tausendsten Mal.

Was folgte, war eine gute Stunde mehr oder weniger harmonische Plauderei über die aktuellen Themen, von der zweiten Eishalle über den Verkehr bis zum Dorfkern. Alles, was schon im Radio Thema war, in dieser Zeitung stand und am Stammtisch diskutiert wurde. Nötig war es, klar, aber auch nicht sehr spannend.

Von Polterern und Vegetariern

Aufregender wurde es, wenn es um die Menschen hinter den Parolen ging. Etwa, wenn der Gesprächsleiter den Kandidaten Thomas Gerber fragte, ob er eigentlich nicht zu lieb sei für den Job eines Gemeindepräsidenten. «Laut werden bringt nichts», sagte Gerber. Und ob es in dieser Position einen Polterer brauche, lasse er mal dahingestellt.

«Bescheidenheit ist schon 56 Jahre lang in meinem Wesen.»Walter Sutter
Kandidat der SVP

Oder wenn Walter Sutter erzählte, dass er nichts mit seiner Favoritenrolle anfangen könne. Und der Moderator erwiderte: «Sie sind bescheiden» und Sutter entgegnete: «Bescheidenheit ist schon 56 Jahre lang in meinem Wesen.» Oder wenn Niklaus Müller verriet, dass ihn der aus seiner Zeit bei der Gewerkschaft Unia gebliebene Übername «roter Hund» nicht wahnsinnig stolz mache und er rückblickend als hitzköpfiger 30-jähriger vielleicht einmal mehr eine Nacht über eine Entscheidung hätte schlafen sollen.

«Vielleicht hätte ich früher die eine oder andere Nacht mehr über eine Entscheidung schlafen ­sollen.»Niklaus Müller
Kandidat der SP

Brisant wurde es gar, wenn Christoph Utiger auf dem heissen Stuhl äusserte, dass er nichts von Gleichgeschlechtlichenehen halte. Und zu lachen gab etwa, als man erfahren konnte, dass sich Walter Sutter durchaus über einen Vegetarier als Schwiegersohn freuen würde, weil dann mehr für ihn übrig bleibe.

Die Sache mit dem Wachstum

Etwas ernster wurde es zum Schluss, als jeder Einzelne seine eigene Vision von Langnaus Zukunft kundtun durfte. Denn so wurde auch klar, womit «das schöne Dorf im Emmental» im Kern zu kämpfen hat: mit dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt.

Wirklich viel Industrie anlocken könne Langnau nicht mehr, glaubt Niklaus Müller, man müsse den Fokus auf den Dienstleistungssektor legen und auf begrenztes Wachstum durch Verdichtung setzen. Mit der Parole «Wachsen um des Wachsens willen bringt nichts» stiess Thomas Gerber ins selbe Horn. Neue Steuerzahler könne man auch mit Schönheit anlocken.

Für Christoph Utiger wiederum ist es wichtig, dass Langnau kein Schlafdorf wird, wo die Leute am Abend von der Arbeit heimkommen, nur kurz in einem Fast-Food-Restaurant einkehren und dann am nächsten Tag wieder zur Arbeit fahren. «Wir müssen interessante Arbeitsplätze im Ort behalten.»

Dafür müsse halt auch das eine oder andere geschützte Haus weichen. Walter Sutter scheute sich indes nicht, auf die Bremse zu treten: «Wir haben in Langnau bereits ein hohes Level erreicht», sagte er, dies halten zu wollen, sei auch visionär. «Wir haben gerade genug Wachstum.»

Und so fand ein netter Abend unter Freunden sein gebührendes Ende: ohne grosses Tamtam. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2017, 18:44 Uhr

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