Burgdorf

Palaver ist ihm ein Dorn im Auge

Burgdorf Christoph Wyss wünscht sich mehr Effizienz und keine unnötigen politischen Vorstösse im Parlament. Der 49- jährige Unternehmer und BDP-Mann leitete gestern Abend zum ersten Mal die Sitzung des Stadtrates.

«Burgdorf zu repräsentieren und den Stadtrat zu führen, ist für mich eine Ehre»: Christoph Wyss, BDP.

«Burgdorf zu repräsentieren und den Stadtrat zu führen, ist für mich eine Ehre»: Christoph Wyss, BDP. Bild: Thomas Peter

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Das gab es wohl noch nie in Burgdorf: Der Stadtpräsident und der Stadtratspräsident haben fast das Gleiche gelernt und an der gleichen Fachhochschule das Gleiche studiert. Stadtpräsident Stefan Berger machte eine Lehre als Metallkundelaborant, Stadtratspräsident Christoph Wyss lernte Chemielaborant – beide studierten am Tech Burgdorf Chemie. Berger ist seit 1. Januar Berufspolitiker, Wyss seit 2003 Geschäftsleiter und Alleinaktionär der Immobilienfirma Lubana AG.

Gestern Abend leitete der 49-jährige Christoph Wyss zum ­ersten Mal die Sitzung des 40-köpfigen Stadtrats. Er ist ein Burgdorfer durch und durch. Hier geboren und aufgewachsen, hat er hier die Lehre gemacht, hier studiert und danach ein Nachdiplom in Unternehmensführung und Betriebswirtschaft erworben. «Zum Glück bin ich noch etwas weggekommen», sagt Wyss lachend und meint damit seine fünf Wanderjahre, die ihn nach Zug und Frankfurt führten.

Zurück in der Heimat, erhielt er nach zweijähriger Schnupperzeit die Chance, die von seiner Mutter gegründete Immobilienfirma Lubana zu übernehmen. «Ich merkte rasch, dass mir diese Branche gefällt und ich von der betriebswirtschaftlichen Seite noch etwas mehr herausholen konnte», erklärt Wyss. Das war im Jahr 2003. 6 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählte die Firma damals, heute sind es an den Standorten im Fischermätteli in Burgdorf und in Solothurn 23.

Unterwegs in der Oberstadt

Zeit für Familie, Freizeit und Sport bleibt für den Vater einer Tochter und eines Sohnes wenig. Mit einem Handycap von 35,5 gehört Christoph Wyss auf dem Golfplatz noch nicht zur Spitze, besser sieht es im Skifahren aus: «Vermehrt fahre ich mit meiner Tochter über das Wochenende in Adelboden Ski.» Zur Freizeit gehört für den amtierenden Präsidenten der Burgergemeinde auch, dass er in der Oberstadt – etwa im OSO oder in der Metz­gere – ein Bierchen trinkt. Die Oberstadt ist es denn auch, die Wyss als seinen Lieblingsort in Burgdorf nennt. Und wenn er in die Ferien fährt, dann heisst das Ziel oft Ungarn. Das Land ist die Heimat seiner Frau.

«Sensibilisieren will ich die Stadt­rätinnen und -räte dafür, nicht un- nötige Vorstösse einzureichen.»

Christoph Wyss

Ist er stolz, in diesem Jahr Stadtratspräsident und damit quasi höchster Burgdorfer zu sein? «Ja», sagt der Mann, der seit zehn Jahren Mitglied des Stadtparlaments sowie Präsident der Bau- und Planungskommission ist, «dieses Amt auszuüben, den Rat zu führen und Burgdorf zu ­repräsentieren, ist für mich eine Ehre: Ich repräsentiere gerne, doch lange Reden sind nicht mein Ding.

Oft kann man mit wenigen Worten mehr sagen.» Zum Handkuss als Parlamentspräsident kam er, weil in diesem Jahr die BDP an der Reihe ist und in seiner Fraktion die Ehre dem Amtsältesten zukam. Weitere politische Karriereziele habe er nicht. Eine Kandidatur für den bernischen Grossen Rat oder den Nationalrat sei für ihn kein Thema, betont Christoph Wyss. Nachdem er in den letzten Jahren täglich oft bis zu fünfzehn Stunden gearbeitet habe, wolle er als bald 50-Jähriger eher etwas reduzieren.

Vollgas geben

Als Stadtratspräsident will er aber Vollgas geben. «Sensibilisieren will ich die Stadträtinnen und -räte dafür, nicht unnötige Vorstösse einzureichen», betont Christoph Wyss und ergänzt: «Gerade im letzten Jahr – einem Wahljahr – meinten viele, sie müssten Vorstösse machen, um dadurch möglichst in den Medien zu kommen.» Unnötig sind für ihn etwa Vorstösse, die oft mit einem einzigen Telefonanruf bei der Verwaltung vermieden werden könnten. Zum Beispiel? Die Fraktion der Grünen reichte eine Interpellation ein, um in Erfahrung zu bringen, «ob es in Kunstrasen von neuen Fussballfeldern giftige Stoffe hat».

Der obligate Umtrunk

Und noch etwas würde Wyss gerne ändern: «Ich möchte den Rat etwas straffer führen, damit zum Beispiel bei Interpellationen nicht zu viel Zeit ‹verplämperlet› wird. Gesagt werden darf einzig, ob man von der Antwort des ­Gemeinderates befriedigt oder nicht befriedigt ist. Fertig.» In der Vergangenheit sei immer wieder versucht worden, Nachfragen zu stellen oder gar eine Diskussion vom Zaun zu brechen. In einem Punkt will der neue Stadtratspräsident aber an der Tradition festhalten und das angenehme politische Klima pflegen: «Selbst wenn in den Debatten auch einmal mit harten Bandagen gekämpft und dem politischen Gegner nichts geschenkt wird, gehen wir nach der Sitzung stets zusammen ins Stadthaus zu einem Umtrunk.»

Budget frühzeitig korrigieren

Bleibt die Frage: Macht der Stadtrat seine Sache als Gesetzgeber gut, oder könnte er mehr tun, um den Standort Burgdorf schneller und qualitativ besser vorwärtszubringen? «Wir Parlamentarierinnen und Parlamentarier könnten sicher noch aktiver sein. Wir sind ja von der Bevölkerung gewählt worden, also sollten wir deren Begehren auch verstärkt in die Ratsarbeit einbringen», sagt Wyss selbstkritisch. Dies soll sich nun zum Besseren wenden. Eine Kommission, der alle Fraktionen angehören, sei gebildet worden, um dem Stadtrat aufzuzeigen, wo noch verstärkt Einfluss genommen werden könne: «Mit einer mittelfristigen Investitionsplanung und einer Legislaturplanung können wir zum Beispiel eingreifen, wenn noch Zeit dazu ist.» Will heissen: solange der Stadtrat auf das Budget noch Einfluss nehmen kann. Jüngst hatten die Bürgerlichen bei der Behandlung des Voranschlags quasi in letzter Minute versucht, durch Sparmassnahmen beim Stadtpersonal Einsparungen zu erzielen. Vergeblich.

«Investitionen muss man tätigen, aber vielleicht nur noch solche, die nachhaltig sind.»

Christoph Wyss

Selbst wenn sich Christoph Wyss als Stadtratspräsident in der politischen Diskussion im Parlament etwas zurückhalten will, so steht für ihn doch fest, dass die Bürgerlichen in der laufenden Legislatur konsequenter zusammen­stehen sollten. Dies, weil sie als Verlierer aus den Stadt- und Gemeinderatswahlen von Ende November 2016 hervorgegangen waren. Bereits vor den Fraktionssitzungen wollen die Parteispitzen zusammenkommen, um beispielsweise das Abstimmungsverhalten festzulegen oder zu ­koordinieren, «nicht dass wir uns gegenseitig blockieren». Bei den aktuellen politischen Kräfteverhältnissen im Stadtrat sei es allerdings schwierig, Begehrlichkeiten der Bürgerlichen durchzubringen. Stratege Wyss blickt bereits voraus: «Mit einem geeinten Bürgerblock haben wir bei den Wahlen 2020 intakte Chancen, die Sitzverteilung im Gemeinde- und im Stadtrat wieder zu unseren Gunsten zu korrigieren.»

Schwerwiegende Probleme

Zeitlich weit näher liegen einige Probleme, die der Stadtrat zu lösen hat. «Die Finanzen sind ein Dauerbrenner», sagt Betriebswirtschafter Wyss. Von einem gänzlichen Investitionsstopp hält er allerdings nichts. Diesen Fehler habe Burgdorf vor Jahren auch schon gemacht. Das daraus resultierende Loch habe dann wieder gestopft werden müssen. Wyss hat ein anderes Rezept: «Investitionen muss man tätigen, aber vielleicht nur noch solche, die nachhaltig sind.» Zudem sollen keine Projektabklärungen gemacht werden, die keine Realisierungschancen haben.

Und dann wäre da noch ein ­gewichtiges Problem, das einer Lösung harrt: die Sanierung der Pensionskasse der Stadt Burgdorf. «Da habe ich gar keine Freude, wie und was da abläuft. Allein für den Primatwechsel wurden Steuergelder in Höhe von 6,8 Millionen Franken ausgegeben. Und jetzt hat die Pensionskasse eine Unterdeckung», moniert Christoph Wyss. Diese Sanierung sei ein so heisses Eisen, dass die Verwaltung und die Politik, namentlich auch Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch als Chefin, zu lange weggeschaut hätten. Wyss ist überzeugt, dass eine Lösung nur mehrheitsfähig ist, wenn sich auch die Arbeitnehmer an der Sanierung beteiligen werden.

Das Fazit am Jahresende

Stadtratspräsident Christoph Wyss wird sich in diesem Jahr über zu wenig Arbeit im Parlament nicht zu beklagen haben. Was möchte er Ende Jahr sagen können, wenn er das Zepter seinem Nachfolger übergibt? «Dass ich den Rat straffer geführt habe, die Mitglieder sich kritisch äussern durften, dass es gesittet zu- und herging, die Sitzungen nicht unnötig in die Lange gezogen wurden und die Stadtratsmitglieder Vorstösse einreichten, die Burgdorf und dessen Bevölkerung vorwärtsbringen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.02.2017, 09:12 Uhr

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