«Ohne Rücksicht auf Verluste»

Nachdem die SCL Tigers den Aufstieg in die NLA geschafft hatten, beschossen Rapperswiler Chaoten Polizisten in Langnau mit Knallkörpern, Flaschen und Leucht­fackeln. Nun wurden die Randalierer verurteilt.

Nach dem Spiel vom 9. April 2016 kam es vor dem Stadion zu gewaltsamen Zwischenfällen, neun Personen wurden verletzt.

Nach dem Spiel vom 9. April 2016 kam es vor dem Stadion zu gewaltsamen Zwischenfällen, neun Personen wurden verletzt.

(Bild: zvg)

Johannes Hofstetter

Für die SCL Tigers und deren Fans war es der Abend des Jahres: Mit einem 5:1-Sieg gegen die Rapperswil-Jona Lakers gelang den Emmentaler Eishockeyanern am 9. April 2015 die Rückkehr in die Nationalliga A.

Nach dem Spiel beschossen Hooligans aus dem Umfeld der gleichzeitig abgestiegenen Rapperswiler die Berner Kantonspolizisten mit Flaschen, Raketen, Magnesiumfackeln und Knallpetarden. Mehrere Ordnungshüter erlitten irreparable Hörschäden.

Blanke Vorstrafenregister

Die Staatsanwaltschaft zitierte vier Krawallbrüder wegen versuchter einfacher oder schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruchs sowie Gewalt und Drohung gegen Beamte vor das Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Zwei Chaoten legte die Anklagebehörde zusätzlich Verstösse gegen das Vermummungsverbot zur Last. Einer der Randalierer hatte nach Ansicht der Ermittler auch einen Hausfriedensbruch begangen, als er als Persona non grata ein Lakers-Spiel in Langenthal besuchte. Ein fünfter Beschuldigter wurde von der Teilnahme an dem Verfahren entbunden (siehe Kasten).

Wer aufgrund der massiven Vorwürfe davon ausging, dass vor Richter Manuel Blaser grenzdebile Hardcore-Desperados Platz nehmen würden, sah sich getäuscht: Bei den Angeklagten handelte es sich um sehr durchschnittlich wirkende junge Männer mit blanken Vorstrafenregistern, die einer geregelten Arbeit nachgehen oder studieren.

«Ich gehe davon aus, dass Sie aus dieser Sache gelernt haben.»Richter Manuel Blaser 

Zwei Angeklagte räumten ein, «Teil dieser gewaltbereiten Zusammenrottung», wie es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift formuliert hatte, gewesen zu sein. Plausible Gründe für ihr Verhalten nannten sie keine. Der eine sagte, er habe sich durch die Gummischrotsalven der Polizei provoziert gefühlt, sich vermummt und anderthalb Minuten später «im Affekt» eine Flasche geworfen. Der andere behauptete, sich «nur gewehrt» zu haben. Das sei «ein menschlicher Instinkt».

Beide entschuldigten sich bei den Beamten, die dem Prozess als Privatkläger beiwohnten, für die Verletzungen, die ihnen – von wem auch immer – zugefügt wurden. Welche Rolle sie bei der Randale gespielt hatten, behielten die Angeklagten – die ohne rechtlichen Beistand vor Gericht erschienen – für sich. Zwei Beschuldigte verweigerten Aussagen zur Sache, «weil das unser Recht ist», wie sie dem Vorsitzenden patzig mitteilten. In ihren Schlussworten beteuerten sie, es tue ihnen leid, dass es an dieser Veranstaltung Leute gegeben habe, die andere Menschen verletzten.

Fotos und Videoaufnahmen

Dass zu diesen «Leuten» die Angeklagten gehörten, stand für einen Szenekenner der St. Galler Kantonspolizei ebenso ausser Frage wie für das Gericht, das sich bei der Wahrheitsfindung auf Fotos und Videoaufnahmen stützen konnte. Der Polizist aus der Ostschweiz berichtete, dass die Beschuldigten vor zweieinhalb Jahren «ganz klar» zum harten Kern der Rapperswiler «Fan»- Szene gezählt hätten. Seither seien sie nicht mehr negativ aufgefallen. Das, ergänzte er, habe möglicherweise auch damit zu tun, dass drei der vier Angeklagten von Sportvereinen und der Polizei mit Stadion- und Rayonverboten belegt worden seien. Der vierte im Bunde verhalte sich bei seinen Matchbesuchen «korrekt».

Manuel Blaser verurteilte die Männer zu bedingten Geldstrafen zwischen 18 000 und knapp 30 000 Franken. Dazu kommen Bussen im mittleren vierstelligen Bereich plus die Verfahrenskosten, die pro Person nochmals ­einige Tausend Franken aus­machen. Die Genugtuungs- und Schadenersatzforderungen von zwei Berner Kantonspolizisten verwies er auf den Zivilweg. Am 9. April 2015 hätten die Rappi-Randalierer «keine Grenzen mehr gekannt» und «ohne Rücksicht auf Verluste ein ganzes Arsenal von zum Teil sehr gefährlichen Gegenständen auf Polizisten und unbeteiligte Dritte geschossen», sagte Blaser. Bei allem Verständnis für den Frust über den Abstieg ihres Lieblingsvereins: Was sie sich als «Fans» geleistet hätten, sei «durch nichts zu entschuldigen».

Härtere Strafen möglich

Der Richter hätte die offenbar geläuterten Chaoten statt mit Geld- auch mit bedingten Freiheitsstrafen zwischen 7 und 12 Monaten sanktionieren können. Doch davon sah er mit Blick auf ihr juristisch ansonsten unbeflecktes Vorleben ab. Darüber hinaus anerkannte er, dass sie sich seit den Ausschreitungen bei der Ilfishalle nichts mehr zuschulden hatten kommen lassen. Vor diesem Hintergrund und weil er davon ausgehe, dass sie «aus dieser Sache gelernt» haben, stelle er ihnen eine gute Prognose, bemerkte Blaser, bevor er die Frischverurteilten mit einem «Auf Wie­dersehen» in den sich friedlich über Burgdorf senkenden Abend entliess.

Berner Zeitung

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