Langnau

Offenes Ohr für die Jugend

LangnauSeit Juli leitet die 24-jährige Nadine von Allmen die offene Kinder- und Jugendarbeit in Langnau. Ihr Ziel ist es, dem Jugendtreff zu einem positiveren und professionelleren Image zu verhelfen.

Nadine von Allmen will offen sein für Wünsche und Anregungen von Kindern und Jugendlichen.

Nadine von Allmen will offen sein für Wünsche und Anregungen von Kindern und Jugendlichen. Bild: Marcel Bieri

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Wann hatten Sie als Jugendarbeiterin zum letzten Mal ein Erfolgserlebnis?
Nadine von Allmen: Ich habe immer wieder Erfolgserlebnisse, wenn Kinder und Jugendliche unsere Angebote nutzen. Zum Beispiel letzthin am Spielnachmittag: Es war cool, die Jugendlichen mal nicht an ihren Handys herumdrücken, sondern gemeinsam spielen zu sehen.

Wie alt waren die Teilnehmer?
Zwischen 8- und 14-jährig.

Ist es Ihr Ziel als Jugendarbeiterin, mit Jugendlichen «coole» Nachmittage zu erleben?
Mein persönliches Ziel ist es, neue Projekte aufzugleisen, mit diesen Kinder und Jugendliche anzusprechen, auf ihre Wünsche und Bedürfnisse einzugehen und mich für sie einzusetzen.

Deckt sich das mit dem Auftrag der Gemeinde?
Sicher. Unser Auftrag ist es, die Kinder und Jugendlichen zu vertreten.

Sie nennen sich «offene Kinder- und Jugendarbeit». Worauf bezieht sich das «offen»?
Es bedeutet, dass jeder zu uns kommen und kostenlos von unseren Angeboten profitieren kann. Sie sind niederschwellig und offen für alle.

Wie würden Sie die Kinder charakterisieren, die von Ihren Angeboten Gebrauch machen?
Am Sonntagnachmittag und -abend, wenn wir zusammen kochen und essen, sind es eher Jüngere, meist mit einem Migrationshintergrund. Aber sie sprechen alle Berndeutsch oder höchstens mal Hochdeutsch miteinander.

Doch die Einheimischen kommen nicht?
Ja, aber das erkläre ich mir damit, dass in Schweizer Familien traditionell mehr Wert darauf gelegt wird, am Sonntag gemeinsam zu essen. Bei den übrigen Anlässen sind Kinder aus allen Familien und aus ganz Langnau vertreten.

Was ist der Zweck dieser Freizeitangebote? Wollen Sie Kinder und Jugendliche von der Strasse wegbringen und vor dem Drogenkonsum bewahren?
Das ist sicher auch ein Ziel. Aber wir können den Jugendlichen nicht hinterhergehen und Polizist spielen. Wir können ihnen bloss unsere Angebote zur Verfügung stellen.

Gibt es im Jugendhaus strikt keinen Alkohol?
Letzthin haben wir in einem Pilotprojekt einen Versuch gemacht mit dem Verkauf von Bier an über 16-Jährige. Das brauchte Bewilligungen und ein aufwendiges 10-seitiges Konzept. Ältere Jugendliche, die wir eher schlecht erreichen, hatten ein entsprechendes Bedürfnis geäussert. Es wurde dann allerdings weder Bier konsumiert, noch hatten wir einen grösseren Zulauf. Vielleicht hatte es mit dem schönen Wetter und anderen Anlässen im Dorf zu tun, aber wahrscheinlich ist das Bedürfnis eben doch nicht so gross.

Auf Jugendliche, die mit Alkohol und anderem experimentieren wollen, wirkt ein Jugendtreff wohl ohnehin nicht sehr anziehend.
Deshalb nehmen wir die mobile Jugendarbeit wieder auf. Wir wollen nicht warten, bis jemand zu uns kommt, sondern gehen ins Dorf, sprechen Jugendliche an, stellen uns vor, laden sie ein...

... damit sie nicht irgendwo rumhängen?
Ja. Oder um ihnen aufzuzeigen, dass schlecht über die heutige Jugend gesprochen wird, wenn sie Abfall liegen lassen, beispielsweise.

Rechnen Sie damit, offene Ohren zu finden?
Ich hoffe es. Wir gehen ja nicht als autoritäre Jugendarbeiter auf sie zu, sondern begeben uns in ihre Lebenswelt und nehmen eine akzeptierende und wertschätzende Haltung ein. Falls sie aber finden, es sei für sie eine gute Form der Freizeitgestaltung, im öffentlichen Raum rumzuhängen und zu chillen, müssen wir das akzeptieren.

Wurde diese Form der aufsuchenden Jugendarbeit bisher in Langnau noch nicht praktiziert?
Doch, das gab es von 2008 bis letztes Jahr bereits. Laut der Polizei haben die Brennpunkte, an denen sich die Jugendlichen zusammenrotten, seither abgenommen. Die Treffen hätten sich – auch dank Whatsapp – stark in den privaten Bereich verlagert, sagte man uns.

Arbeiten Sie mit den Schulen zusammen? Erfahren Sie von den Lehrern, wenn es Probleme gibt mit einem Kind?
Es wäre schön, wenn sie auf uns zukämen. Aber das ist bisher nicht der Fall. Das hängt vielleicht mit unserem Ruf zusammen, den wir nun korrigieren wollen.

Was sagt man dem Jugendtreff denn nach?
Als ich anfing, war von einem Jugotreff die Rede und davon, dass bei uns gekifft werde. Dieses Bild, das überhaupt nicht der Realität entspricht, müssen wir aus den Köpfen rausbringen. Unser neues Logo ist auch Zeichen für einen Neuanfang: Wir sind nicht schmuddelig, sondern professionell.

Aber wie können Sie einem «schwierigen» Kind helfen?
Im kleinen Rahmen können wir selber auch Beratungsgespräche anbieten. Aber wir können es vor allem an die richtige Adresse verweisen. Wir können den Jugendlichen aber auch bei der Berufswahl, beim Aufdecken von Stärken und Schwächen oder etwa bei Bewerbungen helfen. – Immer vorausgesetzt, sie wollen das. Unsere Angebote sind immer freiwillig. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.09.2015, 08:45 Uhr

Ein komplett neues Team

Im Frühling/Sommer nahm in der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Langnau ein komplett neues Team seine Tätigkeit auf. Die 24-jährige frisch ausgebildete Jugendarbeiterin Nadine von Allmen aus Grünenmatt übernahm die Leitung. Sie teilt sich die 150 Stellenprozente mit dem 63-jährigen Alex Muheim und der 39-jährigen Tanja Schmid.

Thomas Erhard, der vorherige Leiter, hat nach lediglich einem Jahr bereits wieder gewechselt. Das sei aber nicht auf Unzufriedenheit zurückzuführen, sondern darauf, dass ihm der Unihockey-Verband im Schiedsrichterwesen eine Stelle angeboten habe, die er offenbar nicht ausschlagen konnte. «Unihockey ist seine Welt», erklärt die für das Sozialwesen zuständige Gemeinderätin Susanne Kölbli. Eine andere Mitarbeiterin habe im Zuge ihrer Ausbildung gewechselt.

Trotzdem konnte das neue Team nicht gänzlich ohne Vorbelastungen starten. Susanne Kölbli bestätigt das von Nadine von Allmen im Interview erwähnte angeschlagene Image des Jugendtreffs. Dieser sei mit leichten Drogen und Alkohol in Verbindung gebracht worden. «Wie viel stimmte, weiss ich nicht, das war vor meiner Zeit», sagt sie.

Susanne Kölbli ist seit drei Jahren Mitglied des Gemeinderates. Sie betont: «Jetzt müssen wir mit allen Mitteln versuchen, dieses Image zu korrigieren.»
Das will das neue Team zunehmend mit der Organisation einzelner Projekte machen. «Denn das klassische Jugendtreffkonzept funktioniert nicht mehr», sagt Susanne Kölbli. Bei den Jugendlichen sei es nicht mehr gefragt, in einem Jugendtreff ein bisschen zusammenzusitzen, etwas zu trinken und zu schwatzen. Wenn aber etwas organisiert werde, wie Spielnachmittage oder Filmabende beispielsweise, «dann kommen sie», weiss die Gemeinderätin.

Neu laufen in Langnau auch die Midnight-Games unter der Leitung der Jugendarbeit. Nach den Herbstferien bis im Frühling 2016 wird die Turnhalle der Sekundarschule den Jugendlichen wieder jeden Samstagabend für Spiel und Sport geöffnet. Das Angebot wird Langnau auch diesen Winter nichts kosten. Es wird über einen Fonds finanziert, der seit den auf 2014 eingeleiteten Sparmassnahmen der Gemeinde Langnau von freiwilligen Spendern geäufnet wird.

Für die offene Kinder- und Jugendarbeit hat der Gemeinderat im Budget für das Jahr 2016 netto einen Aufwand von gut 170'000 Franken eingesetzt.

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