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Oberburg verliert die Poststelle

Wieder eine Gemeinde, die auf die Poststelle verzichten und wohl mit einer Agentur vorliebnehmen muss. Diesmal hat es Oberburg erwischt. Gemeinderatspräsidentin Rita Sampogna will das nicht einfach so hinnehmen.

Martin Burkhalter
Oberburgs Gemeinderatspräsidentin Rita Sampogna kämpft gegen die Post-Schliessung.
Oberburgs Gemeinderatspräsidentin Rita Sampogna kämpft gegen die Post-Schliessung.
Thomas Peter

Schon wieder hat es eine erwischt: diesmal die Poststelle in Oberburg. Wieder ist eingetroffen, was die Bevölkerung in zahlreichen Schweizer Dörfern seit Oktober befürchtet.

Dazumal hat die Post ankündigt, bis 2020 schweizweit 600 Poststellen zu schliessen. Die Gründe sind immer die gleichen: Die Poststellen rentieren wegen Strukturwandel, Digitalisierung und der neuen Kundenbedürfnisse nicht mehr. Seither ist kaum eine Poststelle mehr sicher.

Der Zufall will es, dass diese Zeitung durch eine Umfrage zur Lage im Emmental auch an Oberburg gelangt ist und dort von Rita Sampogna, der Gemeinderatspräsidentin, die schlechte Nachricht vernommen hat. Eine erste Kontaktaufnahme seitens der Post sei bereits letzten August erfolgt. Weil in der Gemeinde aber ein Legislaturwechsel bevorstand, wollte Sampogna das heikle Geschäft erst mit dem neuen Rat behandeln. Damit war die Post noch einverstanden. Doch bereits in der ersten Sitzung 2017 seien die Vertreter anwesend gewesen und hätten die Schliessung auf Ende Jahr aufgegleist, sagt Sampogna. Die Filiale soll wohl durch eine Agentur ersetzt ­werden.

Die Strategie 2020

Das passt zur Strategie der Post. Sie schliesst zwar 600 Poststellen im ganzen Land, schafft aber auch 300 neue sogenannte Zugangsmöglichkeiten in Form von Agenturen, Hausservice, My-Post-24-Automaten, Aufgabe- und Abholstellen. Alles kostengünstige Alternativen zu den Poststellen. Doch in Oberburg lässt man sich dies nicht auf­drängen.

«Wir sind nicht bereit, die geplante Schliessung einfach so hinzunehmen», sagt Gemeinderatspräsidentin Sampogna. «Wir haben entschieden, für unsere Postfiliale zu kämpfen.» Dafür ruft sie die Bevölkerung auf, an der geplanten Informationsveranstaltung Anfang April teilzunehmen und im Voraus mit Briefen an die Post aktiv zu werden.

Dass sich die Oberburger Behörde so angriffig gibt, hat auch mit der Art und Weise zu tun, wie die Verantwortlichen der Post auf die Gemeindevertreter zugegangen sind. Sampogna sagt es so: «Die Post spricht immer von einem Dialog. Doch sie lässt ja gar keine andere Meinung zu. Das hat für mich nichts mit Dialog zu tun.» Mit anderen Worten: Ist eine Filiale zum Abschuss freigegeben, ist sie nicht mehr zu retten. Da bringt auch Widerstand in der Bevölkerung nichts mehr. Gesehen hat man das etwa letztes Jahr in Wynigen, wo über 800 Unterschriften zur Erhaltung der Poststelle zusammengekommen sind, sie dann trotzdem durch eine Agentur ersetzt wurde.

Faktisch kein Rückzug

Derzeit gibt es im Emmental 14 Poststellen, 17 Agenturen, und in 24 Ortschaften gilt der sogenannte Hausservice. Noch vor vier Jahren waren es 25 Poststellen, 7 Agenturen und 23 Orte mit Hausservice. Faktisch hat sich die Post also nicht aus dem Emmental zurückgezogen. Aber: der Service ist nicht mehr der gleiche. Eine Agentur etwa bietet kaum die gleichen Leistungen wie eine Filiale. Meist können nicht mehr als 500 Franken Bargeld bezogen werden, oft ist ein Massenversand nicht mehr möglich, es gibt weniger Platz für die Paketabgabe, und man kann auch kein Kleingeld wechseln.

Dieses Schicksal sieht Rita Sampogna nun auch auf Oberburg zukommen. Sie befürchtet einen Serviceabbau oder gar ein Wegfallen der Grundversorgung. Dies, weil sie keinen Ort sieht, wo allenfalls eine Agentur eröffnen könnte. Dazu kommt die Verkehrslage rund um die Gemeinde am Burgdorfer Stadtrand. Sampogna findet es eine Zumutung, wenn die Oberburger künftig nach Burgdorf oder Hasle fahren müssten, um ihre Pakete abzuholen. Gerade um die Feierabendzeit sei der Verkehr enorm dicht.

Und sowieso kann Sampogna die Schliessung nicht nachvollziehen. In einer Mitteilung, die bald im Informationsblatt der Gemeinde publiziert wird, liefert die Gemeinde Nutzungszahlen zur Poststelle aus dem Jahr 2015. Durchschnittlich verzeichnet die Filiale 267 Einzahlungsbelege pro Tag, 25 Sendungsabholungen sowie den Versand von 244 Briefen und 45 Paketen.

Verglichen mit den Zahlen von 2011 nahm zwar der Briefversand um 37 Prozent ab, dafür wurden 9 Prozent mehr Pakete aufgegeben und 5 Prozent mehr Einzahlungen getätigt. Fast jede zweite Einzahlung werde laut dem Gemeinderat bar vorgenommen. Letzteres könne eine Agentur nicht bieten. Das betreffe also einen grossen Teil der Bevölkerung.

Auch die Post liefert Zahlen und Argumente, jedoch gleich im gesamtschweizerischen Kontext. Der klassische Postschalter verliere an Bedeutung, schreibt sie auf Anfrage. Seit 2000 seien in der Schweiz 65 Prozent weniger Briefe, 46 Prozent weniger Pakete über die Schaltertheken gegangen, und die Einzahlungen hätten sich um 40 Prozent reduziert. Insgesamt bedeute das ein jährliches Defizit von 110 Millionen Franken.

Was Oberburg angeht, schreibt die Post weiter, dass sie neue Lösungen für die Versorgung prüfe. Man stünde dort aber am Anfang. Entscheide seien noch keine gefallen. Die Post lade die Bevölkerung und auch Firmen in betroffenen Gemeinden jeweils zu Dialoganlässen ein. An diesen würden die alternativen Zugangsmöglichkeiten und Dienstleistungen detailliert erklärt. Die Post vermeide ersatzlose Schliessungen. «Wir stellen in jedem Fall alternative Lösungen zur Verfügung.»

Kampf gegen Windmühlen

Dass es gerade Oberburg trifft, ist kein Zufall. Der Grund sind die posteigenen Beurteilungskriterien, die über die Existenz einer Poststelle entscheiden. Es zählt dabei etwa, ob es sich um einen Kantons- oder Bezirksort handelt oder ob die Gemeinde mindestens 20'000 Einwohner hat. All das erfüllt Oberburg, wie fast alle hiesigen Gemeinden, nicht. Dazu kommen die gesetzlichen Vorgaben zur Grundversorgung, die vorsehen, dass 90 Prozent der Bevölkerung die nächste Poststelle innert 20 Minuten erreichen kann, zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr. Oberburg ist einfach zu nah an Burgdorf dran.

Würde die Post im Emmental streng nach ihren Kriterien und den gesetzlichen Vorgaben handeln, sähe es hier bald ganz anders aus. Davon ist die Gewerkschaft Syndicom überzeugt. Sie hat das Szenario für die gesamte Schweiz mittels interaktiver Karte durchgespielt. Im Emmental wäre nur die Poststelle in Langnau noch gesichert. Die Post verurteilt diese «Spekulation». Die publizierte Karte schüre Angst und Unsicherheit. Dies sei nicht konstruktiv, teilt sie mit.

Auch wenn die Post die gesetzlichen Vorgaben wohl nicht so rigoros durchsetzen dürfte, ist es doch ungewiss, wie die hiesige Poststellenlandschaft in vier Jahren aussehen wird. Zumal der Kampf gegen Schliessungen einer gegen Windmühlen ist. Erfahrungsgemäss wird die Post ihre 600 Poststellen so oder so schliessen, wenn nicht jene in Oberburg, muss eine andere dran glauben.

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