Langnau

Naiv gestartet, mutig unterwegs

LangnauAm Sonntag wird Manuela Grossmann in ihr Amt als neue Pfarrerin eingesetzt. Die 26-Jährige ist getrieben von der Liebe zu den Menschen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, mit Ängsten aufzuräumen, und plädiert für eine mutigere Kirche.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie ist in «ganz normalen Arbeiterverhältnissen» aufgewachsen. Manuela Grossmanns Vater war Zimmermann. Heute präpariert er an der Uni Bern Leichen für Lehre und Forschung. «Ich bewundere ihn.» Aber über den Tod spreche sie mit ihrem Vater nicht, sagt sie. «Für ihn sind Tote eine Materie.» ¨

Manuela Grossmann dagegen hat es im beruflichen Alltag häufig mit dem Leid der Hinterbliebenen zu tun. Sie ist Pfarrerin und feiert morgen in Langnau, wo sie aufgewachsen ist, ihre Amtseinsetzung.

Naiv ins Studium

Als die Oberfrittenbacherin das Gymnasium besuchte, hatte sie noch den Plan, einmal Medizin zu studieren. Mit der Kirche hatte sie nicht mehr gemein als das Gros der zwar nicht ausgetretenen aber distanzierten Mitglieder. Doch während des Gymnasiums half sie kirchliche Lager leiten, in denen auch Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen oder mit besonderem Betreuungsaufwand teilnahmen.

Die soziale Arbeit gefiel ihr. Also entschied sie sich für das Theo­logiestudium. Um mit Alten, Jungen und Menschen in heraus­fordernden Lebenssituationen arbeiten zu können. «Ich war naiv», sagt Manuela Grossmann heute. «Ich habe nicht bedacht, dass dahinter auch die Bibel und der Glaube stehen.»

«Biblische Geschichten erzählen davon, wie Menschen Gott einst erfahren haben. Aber sie sind in ihrem historischen Zusammenhang zu lesen.»Manuela Grossmann

Viele ihrer Studienkollegen seien denn auch sehr bibelsicher aufgetreten und hätten sich stark mit dem Glauben auseinandergesetzt. Während sich andere über Gott und Jesus völlig im Klaren gewesen seien, «fühlte ich mich am falschen Ort».

Theologische Diskussionen über die Auferstehung und die Erlösung fand sie zwar spannend, «aber es berührte mich nicht». So geriet Manuela Grossmann in Seelennöte, als es hiess, «ein persönlicher Glaubensweg wäre schon auch noch wichtig in diesem Beruf».

Durchs Militär zu Gott

Die junge Frau unterbrach ihr Studium – und absolvierte eine Rekrutenschule als Spitalsanitäterin. «Ich wollte mit Menschen ausserhalb des akademischen Milieus Zeit verbringen. Und auch Menschen kennen lernen, die vielleicht nicht in einem so behüteten Familienverbund aufgewachsen sind wie ich.»

Das Militär erfüllte die Erwartungen der jungen Frau, die gern in den Ausgang geht und nebst anderem auch Metal-Musik hört. Kaum sagte sie jemandem, dass sie Theologie studiere, war sie mittendrin in einem Gespräch über die Kirche, den Glauben, Gott und das Leben.

«Die Leute reagieren jeweils ganz erstaunt, wenn ich sage, dass auch ich oft in Gottesdiensten wenig von Gott spüre.»Manuela Grossmann

«Mein Rucksack als Seelsorgerin hat mir so viele Begegnungen eröffnet», stellt sie rückblickend dankbar fest. Die Menschen hätten wohl gespürt, dass sie sich ehrlich dafür interessiere, was sie bewege. «Dort begann mein persönlicher Glaubensweg», sagt die Frau, die morgen mit 26 Jahren in ein Pfarramt eingesetzt wird.

In diesen Begegnungen sei sie berührt worden von dem, was sie sich unter Gott vorstelle. «Da ist etwas an Liebe und Frieden entstanden, über das man nicht verfügen kann.» Seither fühle sie sich frei, auszusortieren, was sie nicht berühre, und sich an dem zu freuen, was sie von der christlichen Tradition anspreche.

Gleichzeitig hüte sie sich davor, auf die Menschen ihrer Gemeinde ihre subjektiven Erfahrungen übertragen zu wollen. «Ich sage ihnen nicht zuerst, was die Bibel über Gott sagt. Und auch nicht, wie ich Gott spüre. Ich frage sie, wie sie ihn erleben», erklärt die Theologin. «Biblische Geschichten erzählen davon, wie Menschen Gott einst erfahren haben. Aber sie sind in ihrem historischen Zusammenhang zu lesen.»

Auch ihre eigene Geschichte stehe in einem bestimmten Zusammenhang. So teile sie auch nicht die Haltung vieler Pfarrkollegen, die sagen: «Wenn ein Mensch nicht an Gott glaubt, ist er religiös unmusikalisch.» Vielmehr frage sie ihn nach dem Tragenden in seinem Leben. «In seinen Antworten suche ich nach dem Göttlichen.»

«Ich wollte auch Menschen kennen lernen, die vielleicht nicht in einem so behüteten Familienverbund aufgewachsen sind wie ich.»Manuela Grossmann

Sie habe keine Bekehrungs­erfahrung gemacht, sie verlasse sich auf ihr Gefühl, sagt Manuela Grossmann. Ihre Richtschnur sei dabei das Gebot Jesu, der sagte, das Wichtigste sei die Liebe zum Nächsten und zu sich selbst. «In dieser Liebe wird die Gottesliebe konkret.»

Manuela Grossmann betrachtet es als ihre Aufgabe, Ängste und Druck abzubauen. Etwa die Angst, «wenn ich nicht in den Gottesdienst gehe, bin ich ein schlechter Christ». Diese sei immer noch weit verbreitet, meint die junge Seelsorgerin und stellt fest: «Die Leute reagieren jeweils ganz erstaunt, wenn ich sage, dass auch ich oft in Gottesdiensten wenig von Gott spüre. für mich sind das spannende Erwachsenenbildungsangebote.»

Mutig für die Suchenden

Mit solchen Aussagen wird sich Manuela Grossmann nicht bei allen Kirchenmitgliedern Freunde machen. Dessen ist sie sich bewusst. Aber sie findet generell, die Kirche müsse mutiger werden. «Eine mutlose Kirche verlassen die Leute», sagt sie. Und sie legt nach, indem sie sich pointiert für die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare starkmacht.

«Mir wäre eine Kirche sympathisch, die sich öffentlich gegen die Diskriminierung von Minderheiten einsetzt», sagt Manuela Grossmann. Gleichzeitig weiss sie, dass sie traditionsliebende Kreise vor den Kopf stösst. «Aber wir können es ohnehin nicht allen recht machen.» Die meisten Menschen gingen heute auf Distanz zur Kirche. «Ich spüre bei vielen Leuten eine Sehnsucht nach Liebe, Frieden und einem Mehr im Leben.» Die junge Pfarrerin bekennt: «Für diese Menschen wage ich es, mich mutig zu äussern.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.01.2018, 07:19 Uhr

Manuela Grossmann will zuhören und in den Antworten der Menschen «nach dem Göttlichen» suchen. (Bild: Thomas Peter)

Artikel zum Thema

«Sollen doch die anderen»

Einige Kirchgemeinden tun sich schwer bei der Suche nach neuen Ratsmitgliedern. Dass das nicht direkt mit der Kirche zu tun hat, zeigen die Absageargumente von angefragten Kandidaten. Mehr...

Flüchtlingshilfe im Alltag

Langnau Ursula und Peter Kläntschi haben einen eigentlich einfach Wunsch: Sie möchten, dass mehr Schweizerinnen und Schweizer mit Flüchtlingen sprechen. Das muss nicht zwingend im Café International sein. Mehr...

Er geht in Pension und häufiger nach Berlin

Langnau Über zwanzig ­Jahre lang führte Hanspeter Buholzer das Werbebüro ­Publiform in Langnau. Aber er hat auch die Fasnacht, das Kino in der Kupferschmiede und den Cartoon-Weg ins Leben gerufen. Jetzt hört der 65-Jährige auf. Mehr...

Paid Post

Freizeit und Reisen

Viele Ausflugsziele für den «goldenen Herbst» finden Sie in der aktuellen SBB Zeitungsbeilage «Freizeit und Reisen».

Kommentare

Blogs

Blog: Never Mind the Markets Was ist los in den USA?

Mamablog Wie binär denken unsere Kinder?

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Haar um Haar: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel aus Dachshaar. Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...