Mit der Motorsäge zum Fabelwesen

Lützelflüh

Fabel- und Zwitterwesen bevölkern momentan die Umgebung des Gotthelf-Zentrums. Geschaffen hat sie der Bildhauer ­Werner Neuhaus.

Inspirationsquelle Jeremias Gotthelf und Sigmund Freud: Die Figuren des Bildhauers provozieren und regen zum Nachdenken an.

Inspirationsquelle Jeremias Gotthelf und Sigmund Freud: Die Figuren des Bildhauers provozieren und regen zum Nachdenken an.

(Bild: Marcel Bieri)

Werner Neuhaus’ aussagekräf­tige Holzfiguren standen schon im Aussenbereich des Museums Franz Gertsch in Burgdorf oder auf dem Viehmarktplatz in Langnau. Mittlerweile sind die archaischen Fabelwesen und die organisch anmutenden «gelochten» Baumstammstücke rund um das Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh zu sehen. Ursprünglich vorgesehen war, die einzelnen Figuren im ganzen Dorf zu verteilen. Leider habe die Gemeinde dafür keine Bewilligung gegeben, bedauert der Künstler.

«Nicht nur heile Welt»

Trotz heftiger Gewitter vielerorts fand letzten Freitagabend eine kleine Gruppe von Interessierten den Weg an die Vernissage. Die Laudatio hielt der Grafiker und Kunstvermittler Reto Mettler aus Langnau. Er brachte die Werke von Werner Neuhaus bereits nach Langnau und Burgdorf. Zuvor aber sprach Heinrich Schütz vom Leitungsteam des Gotthelf-Museums zu den Gästen. Einmal mehr betonte er, mit einem kleinen Seitenhieb zu den noch auf der Gotthelf-Wiese stehenden «idealisierten» Bronzefiguren von Freddy Air Röthlisberger: «Gotthelf ist nicht nur heile Welt.» Ähnlich verhält es sich mit den aussagestarken, zuweilen polarisierenden Holzfiguren von Neuhaus.

«Viele Leute hier im Emmental dürften Geschliffenes meinen grob gehauenen Figuren vorziehen.»Werner Neuhaus

Reto Mettler hielt seine Rede in Hochdeutsch, der Künstler lauschte im Arbeitstenü und mit russgeschwärzten Händen dessen Worten. Neuhaus provoziere mit seinen Werken und gebe zugleich Denkanstösse, so Mettler, nicht ohne einen Bogen zu Gotthelfs Werken und dessen Schaffensphilosophie zu schlagen. Die Symbolik der Tiere beim Psychoanalytiker Sigmund Freud war ein weiterer Brückenschlag Mettlers zu Neuhaus’ Holzskulpturen.

Was durchaus nachvollziehbar ist. Sind doch die meisten seiner mit der Motorsäge aus Eichenholz gesägten Figuren Fabel- oder Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier. Ob Vogel- oder Krokodilmensch, die nackte Frau mit dem Wolfskopf oder die liegende rote Kuh mit dem Blähbauch und der Schweineschnauze – sie berühren unmittelbar.

Wild und archaisch

Die grob gehauenen Figuren sind wild und archaisch. Und dennoch hat jede einzelne eine ganz eigene Ausstrahlung, die zum Denken anregt. Und genau diese Reflexion will der Bildhauer aus Zollbrück mit seinen Werken erreichen, wie er betont. Gleichzeitig weiss er auch, dass er gerade hier im Emmental mit seinen grob gehauenen, polarisierenden Fabelwesen unterschiedlichste Gefühle auslösen könnte. «Viele Leute hier dürften Geschliffenes meinen grob gehauenen Figuren vorziehen», sagt Neuhaus. Nein, geschliffen sind seine Skulpturen nicht. Kalt jedoch lassen sie niemanden.

Ausstellung bis 15. Dezember beim Gotthelf-Zentrum. Vom 3. bis zum 8. November sind die Werke auch in der Kulturmühle zu sehen.

Berner Zeitung

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