Mit 85 läuft sie am Frauenlauf mit

Burgdorf

Edith Gammen­thaler läuft als älteste Walkerin am 32. Frauenlauf in Bern mit. Die 85-Jährige fühlt jünger, Altersbeschwerden hat sie keine, und sie strotzt vor Lebensfreude.

Mit Sport könne sie ihren Hyperaktivismus bändigen, sagt die 85-Jährige – und läuft und läuft.
Claudia Salzmann@C_L_A

Am Dienstag Aquafit, am Mittwoch Ladyfit und am Donnerstag Walking – so sah der Trainingsplan von Edith Gammenthaler diese Woche aus. Und am Sonntag ist die 85-Jährige am Frauenlauf dabei. «Auch nach 20 Jahren bin ich vor dem Lauf nervös», erzählt die Burgdorferin. Dieses Jahr nahm sie auch am Grand Prix wieder teil, 2 Jahre musste sie wegen ihrer Schultern pausieren. Die linke ist operiert, die rechte mit einem künstlichen Gelenk ersetzt. «Sonst habe ich Glück und bin auch von Krankheiten verschont geblieben.»

Zum 80. Geburtstag begleitete ihre Familie sie an den Grand Prix, nun an ihrem 18. Frauenlauf ist sie mit ihrem Alter Rekord­halterin bei den Walkerinnen. «Meine Tochter und zwei Freundinnen kommen mit», freut sich die ausgebildete Walking-Ins­truktorin. Dass sie die fünf Kilometer Walking-Distanz bewältigen kann, daran zweifelt sie gar nicht. Erst einmal habe sie auf­gegeben, in Lausanne, wobei sie im Nachhinein gemerkt habe, dass ihre Pulsuhr falsche Werte angezeigt habe.

Sie spörtlet, er käfelet

Gammenthaler, die von sich sagt, dass sie mit Sport ihren Hyper­aktivismus bändigen könne, unterrichtete 40 Jahre lang Sport: In der Mädchenriege, im Frauenverein und in der kaufmännischen Berufsschule. Diese Leitungen hat sie mehr und mehr abgegeben, aber trainiert selber weiter. «Ein Training bei den Seniorinnen kommt für mich nicht infrage, das wäre mir zu wenig streng», sagt sie. Dies, obwohl sie vor 40 Jahren einen Bandscheibenvorfall hatte.

«Mit den Seniorinnen zu trainieren, kommt für mich nicht infrage.»Edith Gammenthaler

Ganz auskuriert ist der nicht, gesteht sie. Man müsse zum Körper Sorge tragen und immer aktiv sein, so lautet ihr Motto. Ins Training fährt sie mit dem Velo – «natürlich mit einem normalen» – und im Winter fährt sie ihr Mann Kurt, mit dem sie seit 62 Jahren verheiratet ist, mit dem Auto. Er geht dann mit Kollegen Kaffee trinken.

Vielleicht habe sie diese Woche etwas übertrieben, sie spüre den Schleimbeutel am Knie. Deshalb nicht zu starten, ist aber kein Thema. Für den Grand Prix trainierte Edith Gammenthaler an einem Anstieg im Quartier, Hanteln nimmt sie auch mal auf den Walk mit. Und die Ladys stemmen auch mal Gewichte. «Fit halten mich auch unser Haus, der Gemüsegarten, meine Gross- und Urgrosskinder.»

Knackiger Körper

Schon als kleines Mädchen wollte sie in die Mädchenriege, was ihr die Mutter aber verbot. «Ich brauchte lange, um ihr zu ver­zeihen», erzählt Gammenthaler. 1997 startete sie mit den Läufen, 1998 starb die Mutter. Wenn die 85-Jährige hört, dass es Frauen früher verboten war, an Läufen teilzunehmen, weil angeblich die Gebärmutter rausrutschen könnte, verdreht sie die Augen.

Die Stimmung am Frauenlauf sei super, am liebsten ist ihr der Abschnitt auf der Monbijou­brücke. Allgemein bedeutet ihr der Lauf sehr viel: «Es ist ein Tag nur für die Frauen, die alle das Gleiche machen. Die Männer kommen mit, hüten die Kinder und schauen uns zu», sagt sie. Auch ihr Kurt kommt mit nach Bern. «Beim Müesli am Morgen ist mir immer etwas flau im Magen, und – das dürfen Sie aber nicht schreiben – mir wäre lieber, Kurt käme nicht mit, dann wäre ich vielleicht weniger nervös», sagt sie augenzwinkernd.

Edith Gammenthaler ist fit, vif und witzig. Mit dem Älterwerden hat sie kein Problem. «Ich finde, ich bin in einem knackigen Alter», sagt sie, «alles an meinem Körper knackt.» Im Kopf fühle sie sich viel jünger, und manchmal frage sie sich, ob das alles im Leben gewesen sei. Gesund weiterleben und auch so sterben, das ist ihr Lebenstraum. Und eines will sie noch ausprobieren: «Kanu fahren, das habe ich noch nie gemacht.»

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