«Lofts sind eine Erfolgsstory»

Burgdorf

Für Architekturprofessor Peter Berger ist klar: Wenn alle Gebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Aebi abgebrochen werden, gehen Identität und vielfältignutzbare Räume für immer verloren.

75 Interessierte wollten sehen und hören, warum der Heimatschutz den Abbruch von ehemaligen Werkhallen verhindern will (im Hintergrund rechts eine der beiden Hallen).

75 Interessierte wollten sehen und hören, warum der Heimatschutz den Abbruch von ehemaligen Werkhallen verhindern will (im Hintergrund rechts eine der beiden Hallen).

(Bild: Andreas Marbot)

Der Berner Heimatschutz hat gegen das Gesuch der Zuger Immobilienunternehmung Alfred Müller AG, welche die ehemaligen Werkhallen der Maschinenfabrik Aebi allesamt abreissen will, Einsprache erhoben. Gibt es reale Gründe die Industriebrache zu schleifen?Peter Berger: Tatsächlich verbinden mich mit dem Heimatschutz nicht nur positive Erfahrungen. Im Fall von zwei Gebäuden der früheren Maschinenfabrik Aebi bin ich jedoch der Meinung, dass man diese Hallen optimal und vielfältig neu nutzen könnte und müsste. Wir hatten ja einst die Absicht, die Architekturabteilung der Berner Fachhochschule in diesen Räumen unterzubringen, doch entschied sich der Kanton Bern bekanntlich dafür, das Ingenieurwesen und die Architektur in Biel zu konzentrieren. Aus diesem Grund kenne ich diese Hallen und weiss um die Qualität des Baus.

Welche Qualität meinen Sie? Die Qualität besteht darin, dass es in diesem ehemaligen Industriebau Räume hat, die man heute fast nirgendwo mehr findet. Ich spreche damit vor allem die Raumhöhe an. Hohe Räume können unwahrscheinlich vielfältig genutzt werden. Wenn hier – notabene in der Wohnstadt Burgdorf – Wohnungen entstehen könnten, die Mischnutzungen wie Wohnen, Büros und Ateliers ermöglichen, ist dies auch aus ­sozialer Sicht spannend. Dies, weil die Art der Bewohnerinnen und Bewohner unterschiedlich ist. Wir erreichen das, was sich jeder Soziologe für eine funktionierende Stadt vorstellt: eine soziale Durchmischung.

Burgdorf ist nicht Zürich. Die Mieten für Wohnungen und Ateliers in einem Berner Landstädtchen müssen «bezahlbar» sein. Das ist der ganz grosse Vorteil der neuen Nutzung des Aebi-Areals: Ausser den 65-jährigen Hallen werden alle Gebäude der ehemaligen Maschinenfabrik abgebrochen und durch Neubauten ersetzt. Dies bietet die Möglichkeit, die Ausnützung zu erhöhen und dadurch mehr Fläche zu generieren. Hierzu müsste die Stadt dann natürlich Hand bieten. Will heissen: Weil die Umnutzung der alten Hallen etwas teurer kommt, wird in den Neubauten etwas mehr Nutzfläche erlaubt, damit die Rendite stimmt. Sonst ist kein Investor bereit, solch ein Projekt zu realisieren.

Trotzdem: Die Kaufkraft in Zürich und Burgdorf ist nicht vergleichbar. Und nicht jeder, der ein ­Atelier einrichten will, ist ein Picasso. Das ist richtig. Entscheidend wird sein, ob man die früheren Produktionshallen sanft oder aufwendig saniert. Kommt dazu, dass man dann bau- und energietechnische Vorschriften vernünftig und dem Altbau entsprechend anwendet. Vernunft ist das Wort der Stunde.

Die Alfred Müller AG begründet, man wolle die Hallen wegen der Altlasten abreissen. Die Altlastensanierung muss so oder so gemacht werden – ob die Gebäude stehen bleiben oder abgebrochen werden. Die Hallen müssen sicher nicht wegen der Altlasten abgebrochen werden. Aber wenn man sie stehen lässt, wird es etwas komplizierter. Ein Abbruch ist einfacher als eine Renovation. Allerdings: Wird beispielsweise in einem Haus Asbest gefunden, muss zuerst die Sanierung abgeschlossen sein, bevor es abgebrochen werden darf.

Die Renovation dürfte teurer werden als ein Neubau. Eine Renovation wird tatsächlich etwas mehr kosten. Nur erhält der Investor dadurch ein Produkt, das er anders vermieten kann. Der Immobilienmarkt ist gesättigt von uniformen Wohnungen. Fakt ist doch, dass Mieter und Käufer weit häufiger als früher das Besondere suchen und bereit sind, dafür etwas mehr zu bezahlen.

Warum sollen gerade diese beiden 1952 erbauten Werkhallen erhalten bleiben? Wir Architekten sprechen von guten Räumen. Gesucht sind Räume, mit denen man fantasievoll umgehen kann. Der Investor, der in Konkurrenz mit anderen Anbietern steht, muss sich fragen: Welche Objekte gebe ich auf den Markt? Wenn er Wohnungen baut, die überall zu haben sind, wird er auf dem zunehmend gesättigten Markt Mühe haben, diese zu vermieten. Loftwohnungen dagegen sind seit Jahren eine Erfolgsstory, die jederzeit vermietet werden können. Denn es hat immer Leute, die mehr Geld dafür ausgeben, um nicht 08/15 wohnen zu müssen.

Die Lofts in der ehemaligen Schuhfabrik Hug in Dulliken SO sind da wohl eine Ausnahme? Tatsächlich war die Vermietung der Lofts anfangs schwierig. Das Problem bei diesem ehemaligen Industriebau ist die sehr schlechte Lage, sodass das Verhältnis zum Mietzins nicht stimmt. Trotzdem: Die Lofts konnten letztlich dank ihrer aussergewöhnlichen Qualität vermietet werden. In Burgdorf ist die Ausgangslage viel besser: Das Aebi-Areal liegt nicht einmal fünf Minuten vom Bahnhof entfernt, und die Fahrzeit mit dem Zug nach Bern beträgt nur zwölf Minuten.

Was ginge verloren, wenn man die heutige Industriebrache Aebi dem Erdboden gleich­machen würde? Die Identität des Ortes ginge für immer. Auf dem Papier hiesse es zwar immer noch Aebi-Areal, doch die Identifikation mit der schweizweit bekannten Landmaschinenfabrik Aebi würde gänzlich fehlen.

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