Liebliches Fäustchen im kalten Siechenhaus

Die Szenerie Burgdorf bringt Goethes «Faust» ins ­Siechenhaus. Beziehungsweise einen kleinen Teil der grossen Tragödie. Hausautor Hans Herrmann schrieb das «Fäustchen» – ein unterhaltsames Stück mit viel Poesie.

Er hat seine Seele verkauft: Um der Liebe willen ging Dr.?Faust (Stefan Schädler) einen Pakt mit dem Teufel (Lilo Lévy-Moser) ein.

Er hat seine Seele verkauft: Um der Liebe willen ging Dr.?Faust (Stefan Schädler) einen Pakt mit dem Teufel (Lilo Lévy-Moser) ein. Bild: Hans Wüthrich

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Es ist eine kalte Angelegenheit. Man tut gut daran, den Wintermantel noch einmal aus dem Schrank zu holen, wenn man sich die fünfte Inszenierung der Szenerie Burgdorf zu Gemüte führen will. Denn sie spielt im Siechenhaus, in einem über 500-jährigen Sandsteinhaus, das nicht geheizt werden kann und in dem es zieht. Der Theaterverein stellt Woll­decken zur Verfügung, um die Kälte zu mindern – und er bringt ein Stück auf die Bühne, das von innen wärmt.

Zwar hat das Stück einen durchaus ernsten Hintergrund, geht es doch darum, dass der Mensch für Befriedigung, Anerkennung und Erfolg alles zu ­opfern bereit ist, gar seine Seele. Fäustchen jedenfalls liefert sich der als Arlecchino auftretenden Teufelin aus. Denn der hoch­gelehrte Dr.?Faust sieht keinen Sinn mehr in seinen Studien, sie vermögen ihm die wahre Lebensfreude nicht länger zu vermitteln. Während Goethes Faust mit dem Teufel um Allwissen und Erkenntnis rang, beschränkt sich das Fäustchen in Burgdorf auf den Wunsch nach der Liebe einer Frau. Lilo Lévy-Moser, der die Rolle des verführerischen Arlecchino auf den Leib geschrieben scheint, entführt das Fäustchen nun auf eine Reise in verschiedene Zeiten.

So macht Dr.?Faust nun Bekanntschaft mit Figuren verschiedener Epochen: mit Hexen ebenso wie etwa dem Sonnen­könig oder einem gewissen jungen Werther. Während gerade der von Nadja Noldin verkörperte Werther den Theaterabend immer wieder mit Ergüssen höchster Dichtkunst bereichert, hat das Publikum viel zu lachen, bis Faust in der von Trix Binggeli sympathisch dargestellten Margarete seine Liebe findet. Stefan Schädler bringt einen Dr.?Faust auf die Bühne, dem allen Studien zum Trotz etwas Naives anhaftet – ein Fäustchen, das man einfach gernhaben muss.

Premiere des Regisseurs

Unter der Leitung von Patrick Sommer, der sich erstmals nicht als Schauspieler, sondern als ­Regisseur betätigte, hat die ­Szenerie Burgdorf ein vielschichtiges, unterhaltsames Stück auf die Siechenhaus-Bühne gebracht. Dem Bühnenbauer hat Autor Hans Herrmann mit seinen Zeitreisen allerdings keine leichte Aufgabe gestellt. Doch unter der Leitung von Erich Affolter entstand eine wirkungs­volle Kulisse, die den Zuschauer dank raffiniertem Einsatz modernster Hilfsmittel ohne Stolpersteine von Epoche zu Epoche führt. So gingen die kalten Füsse glatt vergessen.

Fäustchen in Berlin Es handelte sich dabei aber nicht um die Uraufführung von Hans Herrmanns Stück. Wie der Autor verriet, wurde «Fäustchen» bereits in einem kleinen Theater in Berlin gespielt. Auf die Bühne gebracht hatte es Marcel Schmutz, der in den 90er-Jahren in Burgdorf das ­Cabarettheater Cabavari geführt hatte.

Weitere Aufführungen im Siechenhaus: Fr, 6., Sa, 7.?Mai, je 20 Uhr, So, 8.?Mai, um 11.30 Uhr, Fr, 13., Sa, 14., Fr, 20., und Sa, 21. Mai, je 20 Uhr. Mehr Infos gibt es hier. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.05.2016, 06:42 Uhr

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