Burgdorf

Lichtblicke im Burgerwald

BurgdorfIst der Burgerforst gesund? Mit Ja oder Nein könne die Frage nicht beantwortet werden, sagt Oberförster Werner Kugler. Sorgen ­bereiten die Eschen. Doch das Waldsterben ist passé.

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«Bei einem Waldökosystem ist es wie bei einer Tinguely-Maschine: bewegt man ein Rad, dreht sich an einem anderen Ort ein anderes», antwortet Werner Kugler auf die Frage, wie es dem Wald der Burgergemeinde Burgdorf geht. Will heissen: An einem Ort geht es gut, an einem anderen treten Probleme auf.

Der 61-jährige Oberförster kennt seinen Wald. Dieser gehört mit einer bewirtschafteten Fläche von total 791 Hektaren zu den grösseren Forstbetrieben im Kanton. 595 Hektaren entfallen allein auf das Stadtgebiet. Weitere Burgerwälder befinden sich in den Nachbargemeinden Wynigen, Heimiswil, Oberburg, Hasle, Kirchberg, Lützelflüh und Rüdtligen-Alchenflüh.

Dynamisches Gleichgewicht

Die Frage nach dem Zustand des Waldes sei auch darum nicht mit einem simplen «gesund» oder «krank» zu beantworten, weil das Waldökosystem relativ viel verkraften könne. Ein Beispiel: Die trockenen und heissen Sommer in den Jahren 2003 und 2015 hatten Einfluss auf die Lebensgemeinschaft im Wald. Die minimale Wasserversorgung der Bäume hatte Folgen: Jene Bäume, die schon vorher unter Stress standen, weil sie nicht ganz gesund waren, hatten noch mehr Stress. Oft führte dies zum Absterben. Mit der Folge, dass Lebensraum für neue Organismen entstand. «Man kann den Wald nicht statisch betrachten, denn er ist stets in einem dynamischen Gleichgewicht», erklärt der gebürtige Zürcher, der an der ETH Forstwissenschaften studiert hat. Deshalb sei es auch so schwierig zu sagen, ob der Wald gesund sei.

«Die Angst ging um»

War das Thema Waldsterben in den 80er-Jahren omnipräsent, spricht heute niemand mehr davon. Die Prophezeiung, dass der Wald unrettbar krank und in dreissig Jahren aus dem Landschaftsbild verschwunden sei, bewahrheitete sich zum Glück nicht. «Heute geht man mit dem Begriff differenzierter um», betont Kugler. Nach dem Bericht im «Spiegel» vor bald vierzig Jahren, wonach die Wälder dem Tod geweiht seien, «wurden viele Förster hellhörig und stellten tatsächlich Kronenverlichtungen fest. So kam es zu einem Hype. Die Angst ging um.» Immerhin: Für die Wissenschaft hatte dies positive Folgen. Forschungsgelder in Millionenhöhe wurden bewilligt.

Tatsächlich grosse Sorgen bereitet den Förstern heute das ­sogenannte Eschentriebsterben (siehe Box). «Wir befürchten, dass wir sämtliche Eschen verlieren», sagt Kugler. Entlang des Weges an der Emme, von der Localnet-Arena bis nach Hasle, seien sämtliche Eschen gefällt worden – aus haftungsrechtlichen Gründen. Und dies, obwohl die Esche an feuchten Stellen wie den Auenwäldern ein sehr wichtiger Baum sei.

Problem Wildverbiss

Sorgenfalten bilden sich bei Oberförster Kugler auch beim Thema Wildverbiss. Durch das Abbeissen von Knospen, Blättern und Zweigen durch Rehe und Hirsche wird der Zustand von Jungwald arg in Mitleidenschaft gezogen. Wald und Wild hätten verschiedene Eigentümer, die auf der gleichen Fläche etwas bewirtschaften wollen: «Wir wollen Holz produzieren, die Jagdverwaltung will einen schönen Wildbestand.» Weil diese Ziele nicht kompatibel seien, werde seit hundert Jahren nach Lösungsansätzen gesucht, sinniert Kugler.

Werde der Wilddruck zu gross, «machen wir zusammen mit dem Wild- und Jagdschutzverein Burgdorf eine Treibjagd – bisher mit gutem Erfolg.» Die Förster seien nicht a priori gegen das Wild, jedoch müssten die Schäden an den Bäumen in einem für die Waldbesitzer tragbaren Mass bleiben. «Wenn wir junge Bäume nicht schützen, gehen wir das Risiko ein, dass die Investitionen praktisch zu 100 Prozent abgeschrieben werden müssen», betont der Oberförster.

Ein Verlustgeschäft?

Der Entscheid der Burgergemeinde Burgdorf, die knapp 800 Hektaren grosse Waldfläche selbst zu bewirtschaften, hat auch finanzielle Folgen. Die Löhne von derzeit einem Förster, fünf Forstwarten und zwei Lehrlingen, der Unterhalt von 68 Kilometern Waldwegen sowie der Betrieb der Maschinen geht ins Geld. «Wir müssen die Kosten praktisch ausschliesslich durch den Verkauf von Holz decken, was aber nicht möglich ist», erklärt Kugler. Bei einer Jahresnutzung von 8000 Kubikmetern und einem durchschnittlichen Ertrag von 73 Franken pro Kubikmeter Holz fliessen jährlich gegen 600'000 Franken in die Kasse.

Der Wald als Verlustgeschäft? Rein monetär betrachtet, sei diese Feststellung richtig, sagt Kugler. Die Burgergemeinde habe jedoch eine andere Sichtweise: «Weil der Wald als Erholungsraum für die Bevölkerung von Burgdorf ein riesiger Gewinn ist, ist der Burgerrat bereit, das Defizit bei der Waldbewirtschaftung zu decken.» Jahr für Jahr sind dies 50'000 bis 100'000 Franken.

Langfristige Investition

Dass der Wald für die Burgergemeinde Burgdorf einen grossen Stellenwert hat, zeigt sich auch darin, dass immer wieder neue Forstgebiete zugekauft werden. Aktuell kostet ein Quadratmeter Wald 1 bis 1.50 Franken sowie je nach Baumbestand noch einmal bis zu 3.50 Franken pro Quadratmeter. Zentral ist dabei, dass Flächen, die bereits in Burgerbesitz sind, arrondiert werden können. Wald werde gekauft, erklärt Kugler, «weil wir einen langfristigen Horizont haben. Heute resultiert kein Gewinn, aber in fünfzig Jahren.»

Übrigens: Würde der Burgerwald heute kapitalisiert, ergäbe dies einen Betrag von gut 20 Millionen Franken. Den Burgerinnen und Burgern sei es ein hohes Anliegen, dass der Wald gepflegt und dann in einem noch besseren Zustand der nächsten Generation übergeben werden könne.

In wenigen Jahren wird Werner Kugler, der nach dem Studium vier Jahre an der Universität in Madagaskar gelehrt und einen Doktorandenlehrgang aufgebaut hat, in Pension gehen. Was will er dannzumal als Oberförster der Burgergemeinde erreicht haben? «Ich möchte meinem Nachfolger einen Wald übergeben, von dem man sagen kann: daraus lässt sich etwas machen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.10.2017, 08:38 Uhr

Die Wälder

Innerhalb der Gemeinde Burgdorf bedecken die burgerlichen Forsten als Schachenwälder schmale Streifen links und rechts der Emme, sie liegen aber zur Hauptsache auf den Kuppen und Hügeln rings um die Stadt. Mit 595 Hektaren machen die Wälder auf Stadtgebiet etwa 75 Prozent des gesamten burger­lichen Forstbesitzes aus.

Mit den beiden Waldreservaten Gisnauflüe und Wintersey- und Oberburgschachen wurden über 50 Hektaren des Burgerwaldes aus der Bewirtschaftung entlassen. Langfristige Verträge mit dem kantonalen Amt für Natur sorgen dafür, dass sich in diesen Wäldern natureigene Entwicklungsprozesse abspielen können.

Die Krankheit

Das Eschentriebsterben ist eine schwere Baumkrankheit, die durch einen aus Ostasien eingeschleppten Pilz verursacht wird. Die Pilzsporen infizieren die Blätter der Esche, von wo aus der Erreger in die Triebe vordringt. Dort entwickeln sich gemäss Waldwissen.net die typischen, olivbraun bis orange verfärbten Rindennekrosen, die zum Absterben der Triebe führen. Erstmals in Europa wurde dies in den frühen 1990er-Jahren in Polen beobachtet. In der Schweiz wurde das Eschentriebsterben erstmals 2008 in den Kantonen Basel und Solothurn festgestellt. Bis heute sind keine wirkungsvollen Massnahmen gegen das Eschentriebsterben bekannt.

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