Signau

Langlauf ist ja gar nicht langweilig

SignauZum fünften Mal hat der Signauer Sekundarlehrer Lukas Jutzi eine Schülergruppe mit seiner Begeisterung für den Langlauf infiziert. Eifrig trainieren die Jugendlichen für den Engadiner Skimarathon. Wenn man ihnen zuschaut, könnte man meinen, auf den dünnen Latten die Balance zu halten, sei keine Kunst. Aber Vorsicht!

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Früher dachte man zwar noch nicht unbedingt in den Kategorien «cool» und «uncool». Dennoch gab es Sachen, die man nicht machte. Langlauf zum Beispiel. Das war etwas für Alte und Langweiler. Etwas für Leute, denen der Speuz fehlte, um in Bernhard-Russi-Manier den Hang hinunterzudonnern, wie man selber meinte, es annähernd zu beherrschen.

Aber nun, da der Signauer Sekundarlehrer Lukas Jutzi zum fünften Mal mit einer Schülergruppe für den Engadiner Skimarathon trainiert, könnte man es ja auch einmal probieren. In Bumbach, unterhalb der Skipiste, auf der Abfahrtsweltmeister Beat Feuz aufgewachsen ist, steigen drei Schüler und zwei Schülerinnen an ihrem eigentlich freien Mittwochnachmittag auf die Langlaufski. Ihr Lehrer hat die Acht- und Neuntklässler in Signau, Bowil, Aeschau und Eggiwil abgeholt.

So macht er das immer, wenn sie während der drei Monate vor dem grossen Event in St. Moritz im Schnee trainieren wollen. Kaum angekommen, ­fahren sie auch schon los. Im ­Skatingschritt kurven sie längst locker über die kleine Runde neben dem Parkplatz, während man nun also im vorgerückten Alter zum ersten Mal auf die schmalen Latten steht.

«Am besten übst du zuerst ohne Stöcke», erklärt Jutzi. Die Bewegung sei ähnlich wie beim Eislaufen oder Inlineskating, sagt er noch und ermutigt, nun ein Gefühl für den Ski zu entwickeln. Los gehts: rechts, links . . . und plumps. Der Wille zum Aufstehen wäre da. Doch die Hoffnung, es je zu schaffen, schwindet von Versuch zu Versuch, da die verflixten Ski im entscheidenden Moment immer unter den Füssen wegrutschen. Jutzis Hilfestellungen fruchten erst, als er die Ski von den Schuhen löst. Man möchte jetzt nach Hause.

Die Schüler sind glücklicherweise so intensiv mit ihren Übungen beschäftigt, dass sich die bejahrte Anfängerin einbilden kann, sie hätten die peinliche Angelegenheit gar nicht mitbekommen. Einmal machen sie zum Beispiel eine Art Stafette. Sie preschen ein paar Meter nach vorn, umrunden dort zweimal einen kleinen Punkt und eilen zurück. Alles mit Ski an den Füssen notabene. Und ohne Stöcke. Als ein Mädchen das Gleichgewicht verliert, steht es schneller wieder auf, als es hingefallen war. Wie macht die das?

Man ist ja erwachsen und kann sich deshalb über Jutzis Pädagogik der ersten stocklosen Gleitversuche hinwegsetzen. Wie diese enden, ist hinten rechts immer noch zu spüren. Mit Stöcken jedoch geht es nach sehr zaghaften Anfängen irgendwann einigermassen vorwärts. Hauptsache, der Untergrund bleibt schön gleichmässig flach. Jutzi braust vorbei, führt die fröhlich plappernde Gruppe querfeldein durch unbearbeiteten Schnee, dann einen Schneewalm hinauf und auf der andern Seite hinunter. Es lacht und kreischt, aber niemand fällt, und alle halten das Tempo mit.

«So, jetzt wollen wir auch noch an einem Högerli üben», verkündet der Lehrer. Die Schüler sind Feuer und Flamme. Die Übungsanlage befindet sich etwa 200 Meter weiter Richtung Kemmeriboden. Die Gruppe entfernt sich rasch, und man ist bemüht, dereinst auch am Fuss des kurzen Anstiegs anzukommen, um die Kapriolen auf den schmalen Latten zu beobachten. Als es unterwegs noch einmal zu intensivem Kontakt mit dem harten Untergrund kommt, sind die Schüler längst ausser Hörweite. Nur der Schybegütsch schaut zu. Inzwischen weiss man aber Gott sei Dank, wie leicht sich die Bindung öffnen lässt.

Irgendwann bei Jutzi angekommen, blickt man in das zufriedene Gesicht eines Lehrers, dessen Schülerinnen und Schüler seine Anweisungen mit wachsender Begeisterung ausführen. «Die würden den ganzen Nachmittag hier rauf- und runterfahren», meint er lachend. Aber der Sportler, der diese Saison an einem Wintertriathlon teilnehmen will, hat noch mehrere Spiele im Köcher, mit denen er die Gruppe trainiert, ohne dass sie merkt, wie hart sie arbeitet. Am Engadiner Skimarathon werden die Schülerinnen und Schüler 21 Kilometer zu laufen haben. Die benötigte Zeit spiele keine Rolle, betont Jutzi. Sie variierte in den letzten vier Jahren jeweils zwischen eindreiviertel und zweidreiviertel Stunden.

Am Mittwochnachmittag trainierte die Gruppe in Bumbach, am Donnerstagabend auf der Nachtloipe in Trub, übernächsten Samstag investiert Jutzi einen ganzen Tag für das als Wahlfach angebotene Spezialtraining. «Das Langlaufprojekt ist meine Herzensangelegenheit», sagt er. Es freue ihn, wenn er sehe, wie sich Jugendliche neben der Schule für etwas engagierten, sich während vier Monaten auf ein Ziel vorberei­teten und dabei Verantwortung übernähmen für sich und ihr Material. Am Schluss winkt ihnen allen das gemeinsame Erlebnis Engadin.

Jedes Jahr macht Jutzi die Siebtklässler im Skilager auf spie­lerische Weise mit den Langlaufski vertraut. «Sie kommen mit dem Vorurteil, Langlauf sei langweilig und anstrengend», weiss der Lehrer. Wenn dann eine Gruppe Feuer fängt für den Sport, wartet für sie im Jahr darauf die Teilnahme am Engadiner Skimarathon.

Zum Abschluss des Trainingsnachmittags in Bumbach winkt den Nimmermüden noch eine rasante Abfahrt auf Beat Feuz’ Piste. Immer noch die schmalen Latten unter den Füssen, lassen sie sich auf dem Bügellift den Berg hochziehen. Aber für derlei Spässe ist man nun definitiv zu alt. Man hätte eben früher merken müssen, dass Langlauf durchaus cool sein kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.02.2017, 17:11 Uhr

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