Kopf an Kopf – wie im WM-Final

Der Finne Tatu Väänänen ist für Wiler-Ersigen, der Schwede Johan Samuelsson bei den Langnauer Tigers tätig. Ehe sie ab Samstag im Playoff-Halbfinalderby aufeinandertreffen werden, sprechen die beiden über Unihockey und Leben in der Schweiz.

Seit 2013 spielt der 33-jährige Tatu Väänänen (links) für Wiler-Ersigen, mittlerweile trägt er beim Branchenprimus die Captainbinde. Der 28-jährige Johan Samuelsson (rechts) wechselte vor der Saison von seinem Stammverein Granlo aus Sundsvall zu den Langnauer Tigers. Der Center amtet zudem als Captain der schwedischen Auswahl.

Seit 2013 spielt der 33-jährige Tatu Väänänen (links) für Wiler-Ersigen, mittlerweile trägt er beim Branchenprimus die Captainbinde. Der 28-jährige Johan Samuelsson (rechts) wechselte vor der Saison von seinem Stammverein Granlo aus Sundsvall zu den Langnauer Tigers. Der Center amtet zudem als Captain der schwedischen Auswahl.

(Bild: Urs Baumann)

Sie sind die Captains der weltbesten Nationen, standen sich in den letzten vier WM-Finals gegenüber. Warum spielen Sie beide in der Schweiz?Tatu Väänänen: Ich brauchte vor vier Jahren etwas Neues, es gab zwei Optionen: Schweden und die Schweiz. Wenn man eine Familie hat, spielt nicht nur der Sport eine Rolle. Die Schweiz ist ein guter Platz zum Leben.
Johan Samuelsson: Als Kind las ich einen Text über Niklas Jihde, damals die grösste Nummer im Land, welcher in der Schweiz (bei GC/die Red.) spielte und von seinen Erfahrungen berichtete. Fortan wusste ich, dass ich das auch einmal erleben möchte. Als ich im Frühling mit meinem Stammklub Granlo abstieg, war der richtige Zeitpunkt da.

Unihockey findet hierzulande weitgehend in der Peripherie statt. Wie fühlt es sich an, in Dörfern wie Kirchberg und Biglen zu spielen?Väänänen: Es ist speziell, aber irgendwie cool. In einem so kleinen Dorf wie Biglen habe ich in Finnland noch nie gespielt. Auf dem Land kommen die Zuschauer. Ich denke, in den Städten würden wir in fast leeren Hallen spielen, weil die Leute lieber zum Fussball und zum Eishockey gehen.
Samuelsson: Es ist alles viel familiärer als in Schweden, man kennt sich. Wenn wir in Biglen und Zuchwil vor 500 Zuschauern spielen, ist die Stimmung super. In Göteborg spielte ich oft vor 500 Zuschauern, in einer riesigen Halle; das war eher trist. Auch in Schweden kommen nicht bei jedem Verein 2000 Zuschauer.

Wo finden sich in den Bereichen Infrastruktur und Spielstil die grössten Unterschiede zu den Zuständen in Ihrer Heimat?Samuelsson: Ich kam mit dem Ziel in die Schweiz, mein Offensivspiel zu entwickeln. In Schweden steht die Defensive im Zentrum, ähnlich wie im Handball. Bist du in Ballbesitz, wartest du auf den Fehler des Gegners. Hier hat der Stürmer mehr Raum für Kreativität. Physisch ist es hier härter, du musst mehr laufen.
Väänänen: Die Infrastruktur ist nicht überall top. Aber es brächte auch nichts, grosse Arenen zu bauen, wenn sich die Zuschauerzahlen nicht verändern. Ich denke, bei Wiler ist es fast optimal. Für den normalen Rahmen haben wir Zuchwil, und wenn über 1000 Leute kommen, weichen wir nach Kirchberg aus – das passt.

In welchem Ranglistenbereich würden sich Wiler-Ersigen und die Langnauer Tigers einreihen, wenn sie in der finnischen respektive schwedischen Liga mitspielen könnten?Samuelsson: Die besten Schweizer Teams könnten sich in Schweden für die Playoffs qualifizieren. Aber es wäre schwierig, weil die Leistungsdichte höher ist als hier.
Väänänen: Das hängt von der Ausrichtung ab. Offensiv spielende Teams wie GC würden den guten finnischen und schwedischen Mannschaften vermutlich ins offene Messer laufen. Wenn Wiler die Disziplin über eine ganze Saison sehr hoch hielte, könnten wir in Finnland vorne mitspielen.

2012 im Zürcher Hallenstadion: Johan Samuelsson (links) wird im WM-Final von Tatu Väänänen bedrängt. Bild: Keystone

In der Schweiz ist der Stellenwert des Sports nicht sonderlich hoch. Wie sieht es diesbezüglich bei Ihnen zu Hause aus?Samuelsson: In der Schweiz sind die Ausbildung, der Beruf und die Familie wichtig, dann kommt irgendwann der Sport. In Schweden hat der Sport einen höheren Status. Als ich in Umea spielte, einer Kleinstadt im Norden (110'000 Einwohner), wurden wir Unihockeyspieler auf der Strasse von vielen Leuten erkannt. Ich denke, davon ist man in der Schweiz weit entfernt.
Väänänen: In Finnland ist es ähnlich. Eishockey ist die Nummer 1, danach kommt Unihockey. Unihockey wächst, hat den Fussball überholt. Aber das klingt jetzt besser, als es ist (lacht). Fussball ist in Finnland kein grosses ­Thema.
Samuelsson: Ich sah im Dezember Bilder vom Empfang der finnischen Mannschaft am Flughafen, nachdem sie Weltmeister geworden war. Da kamen die Massen, das war krass.

Wo steht Unihockey in der schwedischen Hierarchie?Samuelsson: Fussball und Eishockey sind vorneweg. Dann kommen Unihockey und Handball.

Wie erleben Sie in der Schweiz den Alltag?Samuelsson: Ich habe mehr Zeit als zu Hause, weil in der Schweiz später trainiert wird als in Schweden. Diesen Vorteil werde ich nun mit der Familie noch stärker spüren. Für mich als Teilzeit arbeitender Ausländer ist die Situation hier besser. Für die Einheimischen jedoch ist das schwedische Modell angenehmer.
Väänänen: Meine Schweizer Kollegen arbeiten, gehen ins Training, kommen abends spät nach Hause; sie haben nicht viel vom Tag. Die meisten von ihnen sind jung, ihnen spielt das noch nicht so eine grosse Rolle.

Wie erleben Sie die Leute im Emmental?Väänänen: Ich spielte früher eine Saison lang für Malans. Als ich zu Wiler-Ersigen kam, spürte ich keinen Unterschied zwischen Bündnerland und Mittelland. Nun ist das anders. Die Leute hier sprechen langsam, nehmen es ruhiger.
Samuelsson: Und es grüsst dich jeder freundlich, wenn du einen Spaziergang machst. Wenn du das in Schweden tust und Menschen begegnest, die dich nicht kennen, schauen sie dich kaum an.
Väänänen: Als ich in die Schweiz kam und mir die Teamkollegen vor jedem Training die Hand schüttelten, war ich überrascht. Kommt in Finnland einer in die Garderobe, sagt er knapp «Hallo» und schaut Richtung Boden.
Samuelsson: Das ist in Schweden ebenfalls so.

Kommen wir zum bevorstehenden Playoff-Halbfinal. Was für eine Serie erwarten Sie?Samuelsson: Eine ­harte (lacht).
Väänänen: Ich freue mich auf die Atmosphäre. Spielen wir gegen die Tigers, geht das Publikum voll mit. Es wird laut werden.

Tatu Väänänen, wie würden Sie die Tigers beschreiben? Sie haben sich im Verlauf der Saison extrem gesteigert. Rychenberg hatte im Viertelfinal keine Chance, das will etwas heissen. Im Konterspiel sind sie gefährlich, im Powerplay effizient.

Johan Samuelsson, wie würden Sie Wiler-Ersigen beschreiben? Gegen Wiler zu spielen ist, wie in Schweden gegen Falun zu spielen: Du weisst schon vorher, dass du dem Ball hinterherlaufen wirst. Wiler ist gut orga­nisiert, jeder hat seine Rolle. Das ist in den Playoffs besonders ­wichtig.

Tatu Väänänen, welche Fähigkeit von Johan Samuelsson hätten Sie gerne? Hat Johan den Ball, dann hat er ihn. Und er weiss immer etwas Cleveres mit ihm anzufangen.

Johan Samuelsson, welche Fähigkeit von Tatu Väänänen hätten sie gerne? Da kommen mir zwei Fähigkeiten in den Sinn. Tatu ist im Spiel 1 gegen 1 wahrscheinlich der weltbeste Verteidiger. Wenn er vor dir steht, ist es extrem schwierig, mit dem Ball etwas zu machen. Zudem ist er der perfekte Steuermann. Die Souveränität, mit der er das Spiel von hinten heraus ankurbelt, ist beeindruckend – er hat alles im Griff.

Apropos alles im Griff: Warum verliert die Schweiz gegen Schweden und Finnland so gut wie jede wichtige Partie – wo findet sich die Differenz?Väänänen: Der Unterschied ist gering. Wenn du in der entscheidenden Phase ein Tor brauchst oder eines verhindern musst, sind individuelle Qualitäten gefragt. In dieser Hinsicht, denke ich, sind Schweden und Finnland der Schweiz einen Schritt voraus.
Samuelsson: Genau, und dann spielt auch der Kopf eine Rolle. Es ist wie bei Gary Linekers Aussage zu den Deutschen: Im Unihockey spielen 20 gegen 20, und am Ende gewinnt Schweden oder Finnland. Das ist eine mentale Geschichte.

Berner Zeitung

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