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Jetzt findet der Unterricht in der Bar statt

Seit Anfang Jahr verbringen die Siebt- bis Neuntklässler der Rudolf-Steiner-Schule ihre Nachmittage im Chäs-Chäller. Doch dort sind sie absolut seriös am Werk. Sie studieren ein Theater ein und lernen fürs Leben.

Mit dem Stück «Huckleberry Finn» thematisieren die Steiner-Schüler Ausgrenzung.
Mit dem Stück «Huckleberry Finn» thematisieren die Steiner-Schüler Ausgrenzung.
Thomas Peter

Das dürfte den 26 Teenagern gefallen: An den Nachmittagen findet ihr Unterricht seit Januar ­jeweils nicht in den Räumen der Rudolf-Steiner-Schule an der Langnauer Schlossstrasse statt, sondern in einer ehemaligen Bar. Im Keller des Käsehauses Lemann am Hohgantweg, dort, wo das Lokal als Chäs-Chäller bekannt geworden war. Heute werden die Räume für gesellschaft­liche Anlässe vermietet.

Seit Anfang Januar ist es Yves Bönzlis Truppe, die den Keller in Beschlag genommen hat. Er ist Klassenlehrer an der Oberstufe. Aber er ist eben auch ausgebildeter Theaterpädagoge. Deshalb führt die Steiner-Schule alle zwei Jahre ein grosses Theaterprojekt auf. «Ein normales Schülertheater reicht mir nicht, ich will so professionell wie möglich Theater spielen», sagt Yves Bönzli.

Trump, Sklaven und Fremde

Seit fast einem halben Jahr befassen sich die Siebt- bis Neuntklässler nun mit dem Stoff, den sie dieses Wochenende auf die Bühne bringen wollen, mit den Abenteuern von Huckleberry Finn also. Das Werk von Mark Twain gibt der Schule Anlass zu einem fächerübergreifenden Projekt.

In Mathematik haben die Schüler errechnet, wie gross die Investitionen sein werden, die nötig sind, um aus der Bar eine Bühne mit Zuschauerrängen zu machen. In den gestalterischen Fächern bauten sie aus Paletten und Stühlen eine einfache Tribüne und nähten Kostüme. Dann übersetzten sie das Werk auf Berndeutsch und erkannten laut Bönzli, «wie gut das Emmentalische zum Mississippi-Slang passt».

Wie ausgrenzend sprachliche Barrieren wirken könnten, habe zudem die Schülerin erlebt, die aus Deutschland komme. Das ist denn auch der Hauptgrund, warum sich Bönzli für Huckleberry Finn entschieden hat: weil er das aktuelle Thema Rassismus und Fremdsein in die Schulstube bringen wollte. In Geschichte hätten seine Schüler denn auch viele Zeitungsartikel über Donald Trump und etwa auch modernen Sklavenhandel gelesen.

Gerne hätte die Oberstufe der Steiner-Schule auch bei diesem Projekt wieder mit unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern aus dem Zentrum Bäregg zusammengearbeitet. Aber es habe sich niemand angemeldet, sagt Bönzli. Vor zwei Jahren, als er im Areal der ehemaligen Leinenweberei Lauterburg ein Theaterprojekt realisiert habe, seien zuerst sieben und am Schluss noch zwei dabei gewesen.

«So entstanden Kontakte zu unseren Schweizer Schülern, die bis heute bestehen», stellt der Lehrer fest. Er beobachte generell, dass ausländische Kinder in seiner Klasse weniger Ausgrenzung befürchten müssten, als dass sie von einem Bonus profitierten. «Das Thema lebt in unserer Klasse», sagt Bönzli. «Für die Jugendlichen ist es normal, wenn plötzlich Algerier oder Tamilen im Unterricht sitzen.»

Die Offenheit gegenüber Fremden mag damit zusammenhängen, dass Steiner-Schüler vielfach aus anthroposophischen Elternhäusern kommen. Aber das sei gerade in Langnau längst nicht bei allen der Fall, betont Bönzli. Hier gelte die Rudolf-Steiner-Schule inzwischen für viele als gangbare Alternative zur öffentlichen Volksschule. «Eltern aus allen Schichten fragen bei uns an», stellt Bönzli fest.

Weg von der Insel

Seine Schule habe in den letzten Jahren ihr Image vom Inseldasein immer mehr abgestreift und sich geöffnet. Dabei soll das kommende Theaterwochenende zusätzlich helfen. Nebst den öffentlichen finden auch spezielle Aufführungen für andere Schulen statt. Obwohl der Eintritt gratis ist und eine Kollekte erhoben wird, empfiehlt Bönzli, sich einen Platz zu reservieren.

Übrigens: Wenn dieses Mal auch keine Jugendlichen aus dem Bäregg-Zentrum auf der Bühne mitspielen, werden sie sich im Chäs-Chäller trotzdem engagieren. Im Theaterbistro übernehmen sie die Rolle der Gastgeber.

Die Aufführungen am Hohgantweg 2 im ehemaligen Chäs-Chäller finden statt: Freitag, 16., und Samstag, 17. März, jeweils um 19.30 Uhr, sowie Sonntag, 18. März, um 14 Uhr. Kollekte. Das Theaterbistro ist eine Stunde vorher geöffnet. Reservation unter 034 402'12'80.

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