«In Langnau ist die Welt anders»

Die Liebe brachte den Deutschen Andreas Heege in die Schweiz. Die Keramik führte den Archäologen nach Langnau. Und er, der gewiss schon manches Chacheli gesehen hat, ist schlicht begeistert von dem Schatz, den er hier entdeckte.

Andreas Heege war entzückt, als er im Regionalmuseum Chüechlihus diese Sammlung an Zuckerdosen entdeckte. Er ist mit jeder einzelnen per du.

Andreas Heege war entzückt, als er im Regionalmuseum Chüechlihus diese Sammlung an Zuckerdosen entdeckte. Er ist mit jeder einzelnen per du.

(Bild: Hans Wüthrich)

Eine Stunde mit Andreas Heege im Langnauer Regionalmuseum Chüechlihus, und man ist im Bild über das Leben der Emmentaler vor zweihundert Jahren. Man weiss zum Beispiel, dass sie lange nichts zu tun haben wollten mit dem modernen Zeug, das man Kaffee nannte.

Erst fünfzig Jahre nach den Bernern entdeckten auch die Leute um Langnau das Gebräu für sich. Sie tranken es mit ganz viel Rahm. «Aber das Wichtigste war der Zucker», sagt Heege. Und weil die Emmentaler sehr sparsam gewesen seien, hätten sie den süssen Stoff nicht in Porzellandosen aufbewahrt, sondern Behälter aus Keramik an­fertigen lassen. «Nett sollten sie schon sein, aber nicht zu teuer», weiss der Archäologe.

«Das ist toll, das ist irre»

Noch nirgends ist Heege eine grössere Zuckerdosensammlung begegnet als im Chüechlihus in Langnau. «Das ist toll, das ist irre», sagt er, als er im ersten Stock des Museums den Schrank öffnet, in dem sich Dose an Dose reiht. «Jede ist ein Individuum.» Auch kein Teller sei gleich wie der andere. «Hier gibt es nicht den geringsten Hinweis auf Stückli­dreher.»

Der Archäologe weiss von anderen Hafnerregionen, in denen Angestellte im Akkord den Ton zu den gewünschten Ob­jekten drehten. Und Frauen seien zum Ausmalen angestellt worden. «Aber in Langnau ist die Welt wirklich anders», weiss Heege, nachdem er jede Hafnerehe zwischen 1672 bis 1910 genau angeschaut hat.

Die Hafner hätten jeweils eine Bauerntochter geheiratet, damit diese die Familie mit einer Kuh, einem Schwein und dem Gemüse aus dem Garten über Wasser halten konnte, wenn in der Hafnerei etwas schieflief.

Schlichtweg begeistert

Es brauchte wenig, dass der Hafner ohne Lohn blieb. Die reine Bewunderung spricht aus Heege, wenn er beschreibt, wie ein scheinbar einfacher Teller her­gestellt wurde: Es war nicht damit getan, dass der Töpfer aus einem Klumpen Ton eine flache Scheibe drehte. «Danach musste er sich überlegen, wie er das Dekor daraufbringt, wie er einteilen muss, damit es schön rundherum läuft und die Mittelachse stimmt», gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Erst dann begann das Malen.

Gelang bis hierher alles nach Wunsch, kam «die Kür», so Heege. Erst durch den Brand im Töpferofen erhielt der Teller seine schöne Glasur. Messgeräte gab es keine. Allein anhand der Glühfarbe habe der Hafner einschätzen müssen, ob der mit Holz beheizte Ofen die richtige Temperatur habe. Täuschte er sich, gab es einen Fehlbrand, und bis zu dreitausend Objekte – die Arbeit von einem oder zwei Monaten – waren dahin.

Doch die Hafner in Langnau, die allesamt Herrmann hiessen, beherrschten ihr Handwerk. «Die kontinuierlich hohe Qualität», mit der sie Dosen, Teller und anderes Gebrauchsgeschirr herstellten, «das ist nicht normal», sagt Heege. Er vergleicht mit Automarken und sagt: «Die übrige Keramik im Kanton Bern ist wie ein Fiat 500. Aber die Langnauer produzierten den Maserati.»

Er kennt sie alle

Dass ihn die Arbeit mit der Langnauer Keramik derart faszinieren und begeistern würde, damit ­hatte Heege nicht gerechnet, als er sein Projekt 2014 in Angriff nahm. Er kannte die nicht einmal hundert Objekte, über die er in der wissenschaftlichen Literatur etwas lesen konnte. Seine Auf­gabe war es, alles zu dokumen­tieren, was bis ins Jahr 1850 hergestellt wurde.

Von Laien unterschätzt: Die im Chüechlihus ausgestellten Objekte bringen den Kenner ins Schwärmen. Bild: Marcel Bieri

Der Archäologe ging davon aus, dass er etwa 1200 Stück finden würde, im zweibändigen Werk, das im September herauskommt, sind nun 2000 erfasst. «Sie erscheinen mir zwar nicht im Schlaf, aber ich bin mit jedem einzelnen per du.» Heege ist inzwischen überzeugt, dass im Chüechlihus in einer Vi­trine zwei Teller ausgestellt sind, die dort nichts zu suchen hätten. «Das ist ganz klar nicht Lang­nauer Keramik.»

Der Blick von aussen

Über die Objekte, die er im Buch beschreibt, werde auch viel über die Dorf- und Handwerksgeschichte erzählt, verrät der bald 60-Jährige, der in Zug wohnt, mit einer Bernerin verheiratet ist und stolz seinen Schweizer Pass erwähnt. Der Archäologe hofft, dass die Langnauer «auch ein bisschen interessant finden» werden, was ihn in den letzten Jahren derart fasziniert hat.

«Manchmal ist es gut, wenn ein Fremder einen Blick auf die eigene Geschichte wirft.» Es dürfte jedenfalls bis anhin nicht allen Langnauern bewusst gewesen sein, dass sie im Chüechlihus über eine «völlig herausragende singuläre Sammlung» verfügen.

Serie: Bis zur Vernissage des Buchs «Keramik aus Langnau» wird Andreas Heege einzelne Objekte und die Geschichte der lokalen Hafner vorstellen.

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