Oberburg

In einem Jahr wird gezügelt

Oberburg Das 25 Millionen Franken teure Gebäude der Bewo ist im Rohbau praktisch fertig. 2019 sollen die mehr als 200 Mitarbeiter der geschützten Werkstätte die neuen Räume in der ehemaligen ­Maschinenfabrik beziehen.

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Die Zeichnung, die an der Betonwand aufgeklebt ist, gleicht einem Schnittmuster. Fast unzählige blaue und rote Linien, die parallel verlaufen oder sich in rechten Winkeln kreuzen. Immer wieder werfen Handwerker einen Blick auf den sogenannten Installationsplan HLKS – Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär. Im Untergeschoss der ehemaligen Maschinenfabrik Stalder in Oberburg sind Fachleute mit der Installation der Haustechnik beschäftigt. Ueli Arm vom Architekturbüro Kaufmann und Arm AG ist zufrieden mit dem Baufortschritt. Zusammen mit seinem Team hat er das 25 Millionen Franken teure Projekt für die Genossenschaft Bewo (Berufliche Eingliederung und Werkstätte Oberburg) ausgearbeitet.

Das Bauprojekt umfasst die Sanierung und Umnutzung der 70 Meter langen und 15 Meter breiten eingeschossigen Maschinenhalle sowie des angebauten 70 Meter langen und 17 Meter breiten dreigeschossigen Industriegebäudes der früheren Fabrik. In einem rechten Winkel dazu wurde nach dem Abbruch einer alten Halle ein 30 Meter langer und 25 Meter breiter Trakt mit drei Geschossen angebaut. «Das ist ein spannendes Projekt», sagt der federführende Architekt. Komplex zwar, aber längst nicht so wie ein anderer, nur wenige hundert Meter entfernt stehender Neubau, welchen Kaufmann und Arm als verantwortliche Bauleitungsfirma realisiert hat: der Neubau des Spitals Emmental in Burgdorf.

Schwellenlose Übergänge

Die Herausforderung beim Bewo-Projekt sei das Zusammenspiel von Alt und Neu sowie die Vorgabe, dass die Gebäude den Minergie-P-Eco-Standard erreichen müssen. Die Struktur des Fabrikationsgebäudes der ehemaligen Maschinenfabrik – Aussenwände, Fensteröffnungen, Decken, Stützen und Nottreppenhaus – blieb erhalten. ­Ersetzt wurden die gesamte Haustechnik, die Fenster, die Fassade wurde isoliert. Angebaut wurde ein neuer Komplex, wobei die Niveaus im Neu- und im Altbau identisch sind. Ohne eine Schwelle zu überwinden, können auf sämtlichen Etagen zum Beispiel Palettrollis ungehindert zirkulieren. Erfüllt ist damit auch die Behindertengängigkeit.

Da die Raumhöhe in beiden Gebäudeteilen einheitlich ist, könnte die Raumaufteilung zu einem späteren Zeitpunkt noch geändert werden. Möglich wäre dies auch, weil die Fenster eine einheitliche Grösse haben und so angeordnet sind, «dass alle 2,4 Meter eine Wand angebracht werden könnte, falls eine andere Raumgrösse gewünscht wäre», erklärt Arm. Will heissen: Ein grosser Fabrikationsraum könnte leicht zu zwei oder drei Büros umfunktioniert werden.

Belastetes Material entsorgt

Wenig überraschend ist, dass der Bodenbelag der ehemaligen Maschinenfabrik Stalder schwermetallbelastet war und deshalb herausgefräst und speziell entsorgt werden musste. «Wir haben Wochen nach einem Abnehmer gesucht, der das belastete Material in Spezialöfen verbrennen konnte», so Arm.

Die Fläche der Räume, in denen ab Frühling 2019 Holz und Metall gesägt, gefräst, gehobelt, geschliffen, gemalt, gespritzt, zu fertigen Produkten montiert und bis zur Auslieferung gelagert wird, ist enorm gross. Auf den vier Etagen des Altbaus kommen 3900 Quadratmeter zusammen, im Neubau kommen 2900 Quadratmeter dazu. Das Gesamtvolumen beträgt 29 300 Kubikmeter. Ein Vergleich: Dieses Volumen entspricht etwa jenem von 30 Einfamilienhäusern oder 75 Viereinhalbzimmerwohnungen.

Spezielle Lichtkuppeln

Die Räume, in denen nicht nur Produktion und Lager untergebracht sind, sondern auch die Verwaltung, sind lichtdurchflutet. Möglich ist dies dank grossflächigen Fenstern, die bei intensiver Sonneneinstrahlung automatisch beschattet werden, sowie im Dachgeschoss wegen sogenannter Lichtkuppeln. Diese wurden von Architekt Ueli Arm und seinem Team speziell kons­truiert. Um stets gleichmässiges Licht zu erreichen, sind diese wie bei jeder Industriedachhalle nach Norden ausgerichtet. «Für die Arbeitenden ist es wichtig, dass wir genügend Licht in die Räume bringen», sagt der Burgdorfer Architekt. Mehr als 200 Personen werden in einem Jahr im Bewo-Gebäude arbeiten.

Besonders hell und freundlich ist es im Betriebsrestaurant, das über einen grossen Balkon verfügt. Ungehindert geht der Blick zur Kirche und hinauf zur Rothöhe. Auf dem Dach des Neubaus wird für die Mittagspause, interne Anlässe und Raucher eine Terrasse für maximal 100 Personen eingerichtet. 450 Quadratmeter gross ist die Fläche der Fotovoltaikanlage, die nebenan auf dem Altbau erstellt wird. Zusatzkosten verursacht dies nicht, zumal die Anlage von den am Bau beteiligten Firmen gesponsert wird.

Farben zur Orientierung

Unterscheidet sich der Bewo-Neubau von einem Industriebau der Privatwirtschaft? «Grundsätzlich nicht», antwortet Arm. Anders sei, dass es für die Angestellten individuelle Rückzugsmöglichkeiten geben müsse. Zudem habe man zur besseren Orientierung ein spezielles Farbkonzept gewählt. Vier Farben für vier Etagen: Im Untergeschoss ist es braun, im Parterre grün, in der ersten Etage ocker und im Dachgeschoss blau. «Bezüglich Farbkonzept und Materialwahl werden die Vertreter der Bewo miteinbezogen», erklärt er. Fragen seien an den monatlichen Sitzungen der Baukommission und mit den Abteilungsleitern diskutiert und geklärt worden. Wer in diesem Gebäude arbeite, solle das erhalten, was für ihn gut sei, «denn wir wollen niemanden vor vollendete Tatsachen stellen».

Einwandfrei funktioniert auch die Zusammenarbeit zwischen Ueli Arm und seinen Architekten, die ebenso Generalplaner sind, sowie den Handwerkern und Fachingenieuren. «Wir haben das Glück, dass wir grösstenteils mit Firmen aus der Region zusammenarbeiten können», sagt Arm. So seien die Wege kurz, und Entscheidungen könnten rasch getroffen werden. Dies habe stets einen positiven Einfluss auf Abläufe, Termine und Finanzen. «Wir sind im Zeitplan und auch die Kosten haben wir im Griff», sagt der Architekt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 18:52 Uhr

Der Zweck

Die Bewo (Berufliche Eingliederung und Werkstätte Oberburg) wurde am 15. März 1985 als Genossenschaft gegründet und ist von der Invalidenversicherung und der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern anerkannt. In der Zwischenzeit hat sich die Bewo zur grössten geschützten Werkstätte vor allem für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zwischen Burgdorf und Thun entwickelt. In Oberburg bestehen über 200 angepasste Arbeits- und Integrationsplätze für Menschen, die aus psychischen Gründen in ihrem Leben besonders gefordert sind und eine ­Integration in die Arbeitswelt ­suchen. (ue)

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