«Ich habe nicht stark abgedrückt»

Burgdorf

Mit zwei Faustschlägen verletzte ein Montenegriner einen Kroaten in Lyssach lebensgefährlich. Dafür muss der 24-Jährige sich nun vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau verantworten.

Im Club Palma in Lyssach schlug ein 24-Jähriger einen 21-Jährigen nieder. Das Opfer wurde dabei lebensgefährlich verletzt.

Im Club Palma in Lyssach schlug ein 24-Jähriger einen 21-Jährigen nieder. Das Opfer wurde dabei lebensgefährlich verletzt.

(Bild: zvg)

Johannes Hofstetter

Drei Stunden nach Mitternacht dröhnt in der Disco Palma in Lyssach noch immer Musik aus den Boxen. Unter den Gästen ist auch A. aus Burgdorf. Der 21-jährige Serbe feiert mit Freunden einen Prüfungsabschluss. Seine Erinnerungen an den Abend sind jedoch aus seinem Gedächtnis gelöscht wie ein Film von einer Computerfestplatte. A. weiss nicht mehr, dass B. – ein flüchtiger Bekannter, mit dem er eben noch arglos geplaudert hatte – ihm auf einmal ohne Vorwarnung die Faust ins Gesicht rammte. Dass er daraufhin rückwärts über zwei Treppenstufen torkelte und zu Boden krachte.

Dass B. ihm, obwohl er bereits reglos darniederlag, ein zweites Mal die Faust ins Antlitz hämmerte und versuchte, nach ihm zu treten. Dass er aus der Nase und einem Ohr blutete. Dass er sich bewusstlos erbrach. Dass er schliesslich notfallmässig ins Spital gebracht wurde, wo die Ärzte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma diagnostizierten und feststellten, dass sein Felsenbein – der stärkste Knochen im menschlichen Schädel – gebrochen und das Gleichgewichtsorgan im linken Innenohr verletzt war. Dass er, bevor er wieder erwachte, drei Tage lang in akuter Lebensgefahr geschwebt hatte.

Blieb Verhandlung fern

Ein halbes Jahr lang konnte A. nicht arbeiten. Das Regional­gericht Emmental-Oberaargau, vor dem B. sich seit Donnerstag wegen schwerer Körperverletzung verantworten muss, hätte A. gerne nach seinem Befinden befragt, doch der junge Mann ist der Verhandlung ferngeblieben.

B. wirkte am ersten Prozesstag bisweilen, als ob er sich vorgenommen hätte, seinem Pflichtverteidiger die Arbeit so schwer wie möglich zu machen. Er behauptete, A. habe Witze über Montenegriner gerissen und ihn dann dazu aufgefordert, mit ihm nach draussen zu gehen, um «die Sache unter uns zu regeln». Weil er befürchtet habe, von A. und seinen Kumpels im Freien aufs Übelste verdroschen zu werden, habe er den angeblichen Provokateur präventiv in der Bar niedergestreckt, dabei aber «nicht stark abgedrückt».

Sinn der Sache sei primär gewesen, den Sicherheitsdienst auf seine Notlage aufmerksam zu machen, behauptete der wegen Gewaltdelikten zweifach vorbestrafte 24-Jährige, der sich selber als «humorvoll» und «sympathisch» bezeichnet.

Keine Illusionen

Um A. ausser Gefecht zu setzen, hätte es womöglich noch andere Möglichkeiten gegeben, als ihn dermassen brutal k. o. zu schlagen, wendete ein Mitglied des in Dreierbesetzung tagenden Gerichtes ein. «Hätte ich ihn beissen sollen?», fragte B. zurück.

Eine weitere Alternative, räumte er nach kurzem Nach­denken ein, wäre «ein Tritt in die Eier» gewesen, nur: Das sei «sehr schmerzhaft» und als Notwehr-Option folglich ausser Betracht gefallen.

Letztlich habe er in seiner Panik getan, was er geglaubt habe, tun zu müssen, sagte B., und das tue ihm rückblickend sehr leid. Über den Ausgang der Verhandlung mache er sich keine Illusionen, versicherte der Hilfsarbeiter, der davon träumt, in absehbarer Zeit eine Ehefrau, Kinder, ein Häuschen und eine steile Karriere vor sich zu haben. «Ich weiss, dass ich schlimm bestraft werde.»

Der Staatsanwalt empfahl dem Gericht, B. zu einer Freiheitsstrafe von 48 Monaten für eventualvorsätzliche schwere Körperverletzung zu verurteilen. Darüber hinaus sei eine 2011 bedingt verhängte Geldstrafe von knapp 20'000 Franken zu widerrufen. Der Angeklagte sei sich der «ausserordentlichen Gefährlichkeit» seines Angriffs «jederzeit bewusst» gewesen. Von einer Angstreaktion könne nicht die Rede sein, stellte der Ankläger fest. A. sei mit hängenden Armen am oberen Ende einer Treppe vor B. gestanden. Eine Bedrohung sei von ihm in keiner Art und Weise ausgegangen.

BMW verkauft

Der Verteidiger von B. erachtete eine bedingte Geldstrafe von 12'700 Franken als angemessene Sanktion für die in seinen Augen «fahrlässige» Körperverletzung. Auch er riet dem Gericht, den alten «Bedingten» zu widerrufen. Damit sei sein Mandant ausreichend bestraft.

«B. hat eine Arbeit gefunden, seinen BMW verkauft, um Schulden abzuzahlen, und bereut zutiefst, was er A. angetan hat.» Eine lange Gefängnis- oder eine übermässig hohe Geldstrafe hätte für ihn vor diesem Hintergrund «sehr einschneidende Folgen», sagte der Verteidiger.

«Das ist ja der Sinn einer Strafe: dass sie für den Verurteilten einschneidende Folgen hat», konterte der Staatsanwalt trocken, bevor das Gericht sich zur Beratung des Urteils zurückzog, das Samuel Schmid am Freitagnachmittag verkünden wird.

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