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«Ich habe ihn immer noch gern»

Weil er sich mehrfach an seiner Enkelin verging, sitzt ein Rentner aus dem Emmental vor dem Regionalgericht. Der Beschuldigte verdrängt die Vorfälle, das Opfer möchte sie vergessen – und vor allem, dass alles wieder wie früher wird.

Möglicherweise würde man «nach heutigen Massstäben sagen, dass ich sie vielleicht gewissermassen sexuell belästigt habe», dozierte der Beschuldigte am Dienstag vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau (Archivbild).
Möglicherweise würde man «nach heutigen Massstäben sagen, dass ich sie vielleicht gewissermassen sexuell belästigt habe», dozierte der Beschuldigte am Dienstag vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau (Archivbild).
Keystone

Bei der Lektüre der Anklageschrift ist noch alles übersichtlich schwarz-weiss: Irgendwann zwischen 2002 und 2006 soll sich ein Schweizer an seiner Enkelin vergangen haben.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den Senior, das pubertierende Mädchen vergewaltigt und mehrfach sexuell missbraucht zu haben. Im Rahmen einer Vereinbarung zwischen ihm und seinem Opfer räumte der ­Beschuldigte einzelne Übergriffe schon vor Monaten ein.

«Schmüsele und drücke»

Doch so klar, wie der Fall scheint, ist er nicht. Denn der ­Beschul­digte gab damals nur vergleichsweise «harmlose» Delikte zu; das «Schmüselen und Drücke», wie er es nennt. Möglicherweise würde man «nach heutigen Massstäben sagen, dass ich sie vielleicht gewissermassen sexuell belästigt habe», dozierte er am Dienstag vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau unter dem Vorsitz von Nicole Fankhauser. Von sexuellen Handlungen oder einer Vergewaltigung könne jedoch nicht die Rede sein.

Entgegen den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft habe er sein Grosskind weder mehrfach ausgezogen, noch am ganzen Körper berührt, noch ihm zwischen die Beine gefasst, noch mit seinen Fingern in seine Vagina gegriffen und es auch nicht dazu gedrängt, seinen Penis in die Hand zu nehmen.

In einem Fall soll er sein erigiertes Glied in die Scheide des jungfräulichen Mädchens gestossen und erst zurückgezogen haben, als er die Ehefrau nahen hörte, heisst es in der Anklageschrift. Auch das stimme nicht, behauptete der Senior unverhohlen empört.

Keine schlüssige Erklärung

«Hirngespinste» seiner Enkelin seien das, «Fantasien» oder «Träume», gab er gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft zu Protokoll, als er Anfang vergangenen Jahres zum ersten Mal mit den Anschuldigungen der inzwischen erwachsenen Frau konfrontiert wurde. Von dieser Version wich er auch am Dienstag nicht ab. Ob ihm das in Dreierbesetzung tagende Gericht glaubt, zeigt sich am Donnerstag, wenn es das Urteil eröffnet.

Eine schlüssige Erklärung dafür, wieso seine Grosstochter dermassen massive Übergriffe hätte erfinden sollen, konnte er nicht liefern. Seiner Ansicht nach «macht man das nur, wenn man jemanden kaputtmachen will. Das ist bekanntlich das Ziel von gewissen Leuten», stellte er fest. Die Nachfrage der Vorsitzenden, um wen es sich bei diesen «gewissen Leuten» handle, liess er, wie manches andere für ihn Unan­genehme auch, unbeantwortet.

Kein Interesse an Bestrafung

Die Enkelin bot bei ihrem Auftritt als Zeugin ein erschütterndes Bild. Nachdem sie dem Gericht vor der Verhandlung schriftlich mitgeteilt hatte, dass sie keine weiteren Aussagen machen würde, rang sie sich nach viel gutem Zureden durch Nicole Fankhauser schliesslich doch dazu durch, sich zumindest zu jenen Punkten zu äussern, welche nicht direkt die sexuellen Handlungen be­trafen.

Dabei sprach sie so leise, als ob sie befürchten würde, mit auch nur einem zu lauten Wort all die Erinnerungen wieder aufzuwecken, welche sie in den letzten Jahren mit viel Alkohol und il­legalen Substanzen zu betäuben versucht hatte. An einer Bestrafung ihres Grossvaters, sagte sie, sei ihr nicht gelegen. Am liebsten wäre ihr sowieso, wenn das Verfahren eingestellt würde.

Wer hat den Text verfasst?

Ein entsprechendes Schreiben liegt der Justiz seit einiger Zeit vor. Unterzeichnet ist es von der Enkelin. Wer den Text verfasst hat, ist unklar: Sowohl der Grossvater als auch sein Grosskind verneinten, ihn geschrieben zu haben. Dafür liess der Opa die Richterinnen und den Richter wissen, dass er seine Enkelin heute noch finanziell unterstütze.

«Ich habe ihn immer noch gerne», sagte die Enkelin mit einem Blick auf ihren Grossvater. Sie habe mit ihm «ja auch schöne Zeiten erlebt». Letztlich gehe es für sie nur darum, «dass wir wieder eine Familie sein können», erklärte die Frau in der offenkundigen Annahme, die Hauptverantwortliche dieses Dramas zu sein.

Massives Mobbing

Die Frau scheint völlig auszublenden, dass sie ziemlich genau in jener Lebensphase zu Alkohol und anderen Drogen zu greifen begann, in dem sich die Übergriffe auf sie ereigneten. Zu diesem Schluss kam einer der Psychologen, bei denen sie schon vergeblich Halt und Hilfe gesucht hat. Das Kind habe unter massivem Mobbing gelitten, notierte der Experte. In der Schule sei es als «Grosspère-Figgerin» verspottet worden, nachdem es einer vermeintlichen Freundin von den Misshandlungen erzählt hatte.

Seither reihte die Frau erfolglos Therapie an Therapie. Mitte Juni startete sie einen weiteren Versuch, von den Drogen los­zukommen. Fünfmal wurde sie rückfällig. Sie wolle mit dieser Geschichte «jetzt endgültig abschliessen», sagte sie. Bevor sie den Saal verliess, ging sie zu ihrem Grossvater – und verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung von ihm.

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