Signau

Hühnerhaut auf dem Hämeli

Signau Wenn einen bei der Premiere der «Schwarzen Spinne» in Signau fröstelte, hatte das nicht nur mit der ­Bise zu tun. Aber der Teufel war nicht der Einzige, der sehr überzeugend dargestellt wurde.

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578 Personen hatten richtig entschieden, als sie am Mittwoch auf den dritten WM-Auftritt der Schweizer Fussballnati verzichteten, um den Sommerabend im Signauer Hämeli zu verbringen. 478 sassen in den Zuschauerreihen.

100 sorgten vor und hinter den Kulissen für einen Abend, der – jedenfalls in der zweiten Hälfte – mindestens so viele Emotionen schürte wie der dem Vernehmen nach ziemlich fade Match. Das Freilichttheater Signau feierte Premiere mit seinem diesjährigen Gotthelf-Stück «Die Schwarze Spinne».

Der Aberglaube war gross

Der Vorplatz des Bauernhauses ist mit Holzschnitzeln bedeckt, darauf liegen kreuz und quer ein paar Baumstämme und hier und dort ein Felsbrocken – hier ist das Zentrum des Bühnenbildes.

Doch das Theater beginnt vor dem Haus, wo für ein üppiges Taufessen gedeckt wird. Und wo die Frauen streng darauf achten, dass die Mutter ja keinen Schritt unter der Dachtraufe hervortut. Denn das brächte Unglück für das ungetaufte Kind, das nun zur Kirche getragen wird.

Bis die Tauf­gesellschaft zurück ist, dauert es eine Weile. Sie musste den ganzen Weg zu Fuss gehen – «weil der Täufling sonst nie laufen lernt», heisst es. Zu Gotthelfs Zeiten muss der Aberglaube gross gewesen sein. Im Stück, das Marlise Oberli-Schoch für das Freilichttheater Signau umgeschrieben hat, kommt dies deutlich zum Ausdruck.

«Wer sich mit dem Bösen einlässt, kommt nicht davon los.»

Doch dann blendet das Theaterweit zurück, man verschiebt sich vom Bauernhaus weg ins Mittelalter. In eine Zeit, als das Volk vom Schlossherrn von Stoffel unterdrückt und verpflichtet wird, ihm innerhalb eines Monats einen Schattengang bestehend aus hundert ausgewachsenen Buchen zu errichten. Mit menschlichen Kräften ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Not ist gross. So gross, dass sich Christine auf einen Handel mit dem ­Teufel einlässt: Er verspricht, die Buchen zu setzen. Sie verspricht ihm dafür das nächste ungeborene Kind. Den Pakt besiegelt er mit einem Kuss.

Dann ist Pause. Bis hierher spielen die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Rollen zwar gut. Aber man vergisst nicht, dass man im Theater sitzt – und die Bise bei untergehender Sonne auf rund 900 Metern immer giftiger wirkt. Für den zweiten Akt greift zur wärmenden Decke, wer eine mitgenommen hat.

Trotzdem geht der Abend nicht ohne Hühnerhaut zu Ende. Und das ist nun weniger auf die Bise zurückzuführen. Denn was die Theatergruppe jetzt aufführt, lässt einen die Umgebung vergessen. Stefan Nyffenegger spielt den Teufel derart überzeugend, dass man dem Mann auch im richtigen Leben nicht begegnen möchte.

Mit Ruth Iseli als Christine leidet man mit, als ihre Angst wächst und die Backe immer stärker schmerzt, bis schliesslich dort, wo der Teufel seinen Kuss platziert hatte, eine schwarze Spinne herauswächst.

Entsetzte Kindergesichter

Das Tier selber, das sich bald vervielfacht und wie eine Seuche tötend um sich greift, bekommt das Publikum nie zu sehen. Aber den Graus davor vermitteln die entsetzten Gesichter der Kinder und das leidende Gebrüll sterbender Kühe aus dem Off eindringlich. Und dann tragen sie auch noch ein totes Mädchen herbei.

Die Geschichte geht gut aus. Aber die Warnung, die Jeremias Gotthelf beabsichtigt hatte, dürfte den einen oder anderen Theaterbesucher auf dem Heimweg durch die mondhelle Nacht begleiten: «Wer sich mit dem Bösen einlässt, kommt nicht davon los.»

Spieldaten: bis Samstag, 4. August jeweils Dienstag, Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag, Aufführungsbeginn jeweils um 20.30 Uhr. Spieldauer circa 2 Stunden. Weitere Infos unter: www.freilichttheatersignau.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.06.2018, 17:13 Uhr

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