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«Hoffentlich fassen Sie bald wieder Fuss»

Sie blochte durch eine ­30er -Zone, missachtete ein Fahrverbot und versteckte sich anschliessend vor der Polizei. Eine Raserin sei sie aber nicht, befand das Regionalgericht ­Emmental-Oberaargau am Mittwoch.

Johannes Hofstetter
Eine Frau blochte mit Tempo 75 durch eine 30er-Zone, missachtete ein Fahrverbot und versteckte sich anschliessend vor der Polizei. Am Mittwoch musste sie deswegen vor Gericht erscheinen (Symbolbild).
Eine Frau blochte mit Tempo 75 durch eine 30er-Zone, missachtete ein Fahrverbot und versteckte sich anschliessend vor der Polizei. Am Mittwoch musste sie deswegen vor Gericht erscheinen (Symbolbild).
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Als die Beschuldigte den Gerichtssaal betritt, weiss sie, was sie erwartet. Die Staatsanwaltschaft und ihr Pflichtverteidiger haben die Sanktionen bereits ausgehandelt. Richter Roger Zuber wird sie gleich zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 14 Monaten, zwei auf Bewährung ausgesprochenen Geldstrafen von total 2100 Franken und Bussen von insgesamt 200 Franken verurteilen.

Obwohl ihr das bekannt ist, wirkt die 48-jährige Schweizerin, als ob sie soeben in eine Welt geraten wäre, in der es von sichtbaren und – schlimmer noch – versteckten Gefahren nur so wimmelt. So muss sich ein Reh fühlen, das mitten in der Nacht vor einem Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern steht.

Immer wieder sucht die Angeklagte den Blickkontakt zu ihrem Anwalt. Die wenigen Fragen des Richters beantwortet sie nur zögerlich. Als die Gerichtssekretärin das Protokoll ihrer Einvernahme verliest, hört sie so konzentriert zu, als ob sie es gleich auswendig aufsagen müsste. Bevor sie das Dokument unterschreibt, bittet sie ihren Fürsprecher, es unter die Lupe zu nehmen.

Sie weigerte sich, die Tür zu öffnen

«Qualifiziert grobe Verkehrsregelverletzung», «Nichtbeachten des Signals Verbot für Motorwagen und Motorräder» und «Hinderung einer Amtshandlung» warf die Staatsanwaltschaft der Frau vor. Mitte Juli letzten Jahres war sie in Burgdorf mit 75 Stundenkilometern durch eine Tempo-30-Zone gefahren.

Gleichentags ignorierte sie ein Fahrverbot. Als die Polizei bei ihr zuhause auftauchte, um sich mit ihr über die Vorfälle zu unterhalten, weigerte sie sich, die Türe zu öffnen. Tage später unternahmen die Ordnungshüter einen zweiten Versuch.

Die Frau floh aus ihrer Wohnung und brachte einen Nachbarn dazu, den Uniformierten zu erzählen, sie sei nicht da. In psychischer und finanzieller Hinsicht habe sie sich damals «in einer totalen Stresssituation» befunden, sagt die Frau vor Gericht.

Der Frau ihre Ängste nehmen

In der kurzen Zeit, die ihm für dieses Verfahren zur Verfügung steht, bemüht sich Gerichtspräsident Roger Zuber nach Kräften darum, der Frau ihre Ängste zu nehmen. Er lotst sie einfühlsam durch das ihr fremde Terrain der Strafprozessordnung und verzichtet auf hartnäckige Nac­h­fragen.

«Eine Raserin sind Sie nicht», versichert Zuber der Frau. «Verglichen mit unserer Stammkundschaft, die immer wieder Mühe mit Signalisationen und Tempi bekundet», stelle sie, die sich vorher in ihrem ganzen Leben noch nichts zuschulden habe kommen lassen, «eine Ausnahme» dar, fügt er an.

Zum Schluss der Verhandlung wendet sich der Richter noch mit einigen persönlichen Worten an die Frau: «Ich habe das Gefühl, dass Ihr Leben irgendwie aus dem Tritt geraten ist, und hoffe, dass Sie darin in absehbarer Zeit wieder Fuss fassen können», gibt Roger Zuber der inzwischen schon etwas entspannter scheinenden Frischverurteilten mit auf den Weg.

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