Hilfe für den reumütigen Räuber

Der junge Mann, der einer alten Frau in Burgdorf die Handtasche entriss, muss seine Schizophrenie auf Geheiss des Regionalgerichts in einer Klinik behandeln lassen.

Der junge Mann entriss einer alten Frau die Handtasche. (Symbolbild)

Der junge Mann entriss einer alten Frau die Handtasche. (Symbolbild)

(Bild: iStock)

Johannes Hofstetter

Wenn es nach dem Angeklagten und seinem Verteidiger gegangen wäre, hätte sich der Fall mit einer bedingten Geldstrafe erledigen lassen. Der 29-jährige Beschuldigte wäre nach der Urteilser­öffnung in sein Pflegeheim für Senioren im Berner Oberland zurückgekehrt und hätte die Zeit dort weiter mit Fischen und Kiffen zugebracht.Aber so einfach mochte es das Regionalgericht Emmental-Oberaargau weder sich selber noch dem jungen Mann machen, der sich diese Woche vor dem Dreiergremium zu verantworten hatte.

Es verurteilte den Schweizer mit italienischen Wurzeln gestern wegen Raubes, Diebstahls, Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer un­bedingten Geldstrafe von 7200 Franken, einer Busse von 100 Franken sowie zur Bezahlung der Verfahrenskosten.

Der Angeklagte hatte einer leicht gehbehinderten Seniorin beim Bahnhof Steinhof in Burgdorf im Februar letzten Jahres die Handtasche entrissen. Bei dem Überfall wurde die Frau leicht verletzt. Das tat dem Mann später leid: Vor Gericht hätte er sich gern bei ihr entschuldigt. Im Oktober 2016 drückte er das Fenster einer sozialen Einrichtung in Oberburg von aussen ein, um aus einem Kassenschrank Geld zu entwenden. Vor Gericht erklärte der IV-Bezüger, er habe damals harte Drogen konsumiert. Er höre heute noch ab und zu Stimmen und kämpfe gegen Depressionen. Gemäss einem psychiatrischen Gutachten leidet der Angeklagte an Schizophrenie. Es rechnet mit einer hohen Rückfallgefahr, falls der Mann nicht adäquat behandelt wird.

Komplett schuldunfähig

Bei der strafrechtlichen Bewertung der Taten ging das Gericht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus. In zwei Anklagepunkten – einem Medikamentendiebstahl in einer sozialen Einrichtung im Seeland, der körperliche Auseinandersetzungen mit einer Betreuerin und einem Polizisten nach sich zog – er­kannte das Gremium auf komplette Schuldunfähigkeit.

Um sicherzustellen, dass der Mann wegen weiterer Krankheitsschübe nicht erneut zu einer Gefahr für andere und sich selber wird, schob das Gericht den Vollzug der Geldstrafe zugunsten einer stationären Massnahme auf. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde habe jahrelang versucht, den Angeklagten in verschiedenen Heimen in die Spur zu bringen, sagte Gerichtspräsident Roger Zuber. Zum Ziel hätten diese Bemühungen aber nicht geführt.

Tritt fassen

«Nun wollen wir es richtig machen», stellte der Vorsitzende fest. «Diese Massnahme sprechen wir nicht gegen Sie aus, ­sondern für Sie», teilte er dem frisch Verurteilten mit. «Uns ist es wichtig, dass Sie in Ihren noch jungen Jahren endlich Tritt fassen können. Um ein gutes Leben führen zu können, brauchen Sie Unterstützung.» Diese Hilfe wolle ihm das Gericht bieten. «Ich glaube, dass es mit Ihnen gut kommen kann», gab Zuber dem Mann mit auf den Weg. «Packen Sie diese Chance.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt