Hier wächst mehr als junges Gemüse

Burgdorf

Wo bis vor einigen Wochen Gras wucherte und allerlei Unrat entsorgt wurde, spriesst mitten im Burgdorfer Gyrischachenquartier mehr als Unkraut. Der Fyrabegarte trägt erste Früchte.

Im Fyrabegarte gibt es wenig Regeln. Pestizide und Schneckenkörner sind aber verboten.

Im Fyrabegarte gibt es wenig Regeln. Pestizide und Schneckenkörner sind aber verboten.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Rot-weiss gestreifte Bänder flattern im Wind zwischen den langen Beeten. An den meisten Stellen kämpfen sich zarte Pflänzchen durch die Erde, am Rand ist der Salat saftig grün, unweit daneben leuchten die ersten Paprikaschoten rot. Noch hat es viele braune Stellen dazwischen. «Denkst du, da kommt noch etwas oder es ist noch Brachland?», fragt eine Passantin die andere. Sie stehen zwischen der Busstation Gyrischachen und dem Zentrum, wo sich der Gyriträff und der Laden befinden.

«Hier entsteht der Fyrabegarte», lesen die beiden Frauen. Und zwei Buben erklären sichtlich stolz: «Hier haben wir Kartoffeln gepflanzt und dort Bohnen.» Das haben die beiden nicht allein getan, sie sind auch nicht für das Giessen, die Einteilung der «Pflanzblätze» und überhaupt für diesen Garten zuständig: «Nein, das macht Regina.»

Garten anstatt Dreck

In Regina Biefer keimt seit Jahren die Idee, mitten in den Hochhäusern gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern einen Garten anzulegen. Sie leitet als Präsidentin des Quartiervereins Ämmebrügg ein Projektteam, das um mehr Ordnung im Gyrischachenquartier und dessen Aufwertung bemüht ist. Der Fyrabegarte ist ein erstes Projekt des Teams.

Die Zustimmung des privaten Liegenschaftsbesitzers der Grünfläche, die immer wieder zur illegalen Entsorgung von allerlei ­Sachen diente, «kam schneller als erwartet», sagt Regina Biefer. Ein befreundeter Landwirt habe die rund 500 Quadratmeter grosse Fläche sehr unkompliziert zuerst in einen Acker und dann in Gartenbeete verwandelt, die seit Ende Mai bepflanzt werden können. Diese Gelegenheit kann beim Schopf packen, wer im Gyrischachen wohnt.

Fronarbeit

Bisher haben zehn Parteien Land beansprucht. Sie erhalten einen Schlüssel, um Zugang zum Raum mit den Werkzeugen zu erhalten, und dürfen ihre nicht gekochten Küchenabfälle in die Komposttonne werfen. Für diese Leihgabe und die Bepflanzung bezahlen die Gärtnerinnen und Gärtner nichts. Sie verpflichten sich jedoch, mindestens einmal alle zwei Wochen eine Stunde Fronarbeit zu leisten, etwa indem sie bei der Pflege der unmittelbaren Umgebung und der gemeinsam benutzten Teilstücke mithelfen.

Seit rund zweieinhalb Wochen gibt es eine Wasserleitung zum Garten. «Sie kostete 2500 Franken», weiss Regina Biefer. Diese Ausgabe habe sie vorerst selber übernommen. Sie macht ihre finanziellen Aufwendungen im Rahmen eines Projektkredites bei der Stadt geltend. «Mal schauen», sagt die Burgdorferin gelassen. Mehr habe das Projekt bisher «kaum» gekostet.

Mit den Kindern

Mindestens zweimal in der Woche ist Regina Biefer vor Ort. Dann kümmert sie sich gemeinsam mit rund acht Kindern aus der Nachbarschaft um die jungen Pflanzen und vergibt immer wieder ein Stück des Gartens. Noch sind nicht alle Beete bepflanzt. Was wachsen soll, ist den «Pächtern» überlassen. Abgesehen von der Fronarbeit gilt es aber, die Verbote von Pestiziden und Schneckenkörnern einzuhalten.

Ein «Lehrblätz»

«Das finde ich gut», sagt Gjyzide Kurtoj, die zu den «Pflanzerinnen» gehört. Ihr sei aufgefallen, dass gerade die Kinder sehr viel Interesse und Freude am Garten hätten. «Die Leute können etwas gemeinsam unternehmen, mitverfolgen, dass hier vieles am Wachsen ist», sagt die junge Frau. Die Freude ihrer kleinen Tochter an diesem Stück des Gyrischachens habe sie dazu ermutigt, mitzumachen.

Und: «Ich finde es super, dass unsere Kinder hier lernen, wo und wie Gemüse und Pflanzen wachsen, und sie nicht einfach plötzlich im Laden darauf warten, von uns gekauft zu werden.» Auch dass beim gemeinsamen Hegen und Pflegen Bekanntschaften wachsen könnten, sei ihr viel wichtiger als die Ernte.

Verzichtet wird beim Schrebergarten en miniature auf elektrische Zäune oder Kameras, um die Ernte vor Diebstahl oder Vandalismus zu schützen. Regina Biefer: «Ich habe erfahren, dass die Menschen sehr viel Respekt vor Sachen haben, von denen sie wissen, dass sie für ihre Mitmenschen – gerade für Kinder – wichtig sind.»

Berner Zeitung

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