Glocken, die das Glück anlocken

Langnau

Die Glockengiesserei Berger ist auf Erfolgskurs. Ihre traditionellen Unikate finden weltweit Absatz – mit steigender Tendenz: Der Onlineshop boomt. Deshalb braucht die Firma in Bärau mehr Platz. Sie will bauen.

Am Ende des Tages?giesst Fabian Kern flüssige Bronze in die vorbereiteten Formen. Bruder Roger Kern wird die fertigen Glocken verkaufen.

Am Ende des Tages?giesst Fabian Kern flüssige Bronze in die vorbereiteten Formen. Bruder Roger Kern wird die fertigen Glocken verkaufen.

(Bild: Hans Wüthrich)

Man möchte meinen, Kuhglocken hätten in einer modernen, globalisierten Welt einen schweren Stand. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Glockengiesserei Berger in Bärau, Gemeinde Langnau, geht die Arbeit jedenfalls nicht aus. Sie ist auf Expansionskurs.

Ein wichtiger Abnehmer sei nach wie vor die Landwirtschaft. «Ohne das Geläut müssten die Bauern ihre Rinder auf der Alp zuweilen lange suchen», sagt ­Roger Kern, der Juniorchef, der den Familienbetrieb dereinst zusammen mit seinem Bruder ­Fabian führen wird. «Auch GPS-Sender werden die Glocken wahrscheinlich nicht verdrängen, da diese oft gar keinen Empfang haben, wenn sie ­gebraucht würden, wie etwa bei dichtem Nebel.»

Asiaten suchen den Klang

Hatten die Glocken ursprünglich auch den Zweck, böse Geister ­abzuwehren, gelten sie in westlichen Gefilden bis heute vor allem als Schmuckstücke und Statussymbole – nicht nur in der Schweiz, wie Roger Kern weiss, sondern insbesondere auch in den USA und Kanada. «Die Amerikaner fliegen auf grosse Glocken mit farbigen Fransen und verzierten Riemen», sagt der gelernte Informatiker, der seit 2011 einen Onlineshop mit inzwischen über 1200 Artikeln aufgebaut hat.

«Die Amerikaner fliegen auf grosse Glocken mit Fransen und verzierten Riemen.»Roger Kern

Auch dank diesem floriert das Geschäft. Auf der ganzen Welt sind die handgemachten Produkte aus Bärau gefragt. In Asien etwa wird die Glocke mit Glück in Verbindung gebracht. Kern erklärt: «Man sagt, wer den Klang einer Glocke hört, hat Glück.» So kam es, dass ein asiatischer Kunde ein Exemplar für die Hotellobby bestellte. Bald aber habe er die Glocke hoch in die Kuppel hängen müssen, weil jeder Gast sie zum Klingen gebracht habe, sodass die Mitarbeiter «ganz sturm» geworden seien.

Ein Schritt voraus

Roger Kern denkt nicht, dass der Boom verebben wird, im Gegenteil. Inzwischen hätten auch grosse Tourismusregionen aus der Schweiz gemerkt, dass Asiaten nicht erpicht sind, in den Souvenirshops Glöcklein zu kaufen, die in ihrem Nachbardorf hergestellt wurden. Sie wollen Produkte aus der Schweiz.

Während viele ihrer Konkurrenten verschwanden, hat sich die Glockengiesserei Berger weiterentwickelt – und ein neues Produkt lanciert: Zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz schuf sie eine Glocke , die fast nicht mehr beschädigt werden kann. «Die Bauern klagen, dass die traditionellen Bronzeglocken in den modernen Laufställen an den Stahl- und Betonteilen Schaden nehmen», erklärt Kern die Ausgangslage.

Viele hätten deshalb auf maschinell hergestellte Stahlschellen umgestellt. Aber jetzt bieten die Bärauer eine schlagfeste Glocke an. Zum Beweis, dass sie beinahe unverletzbar ist, schlägt ­Roger Kerns Mutter mit einem schweren Hammer dreimal kräftig auf ein Exemplar. «Kein Riss», stellt ihr Sohn fest. «Und deshalb scherbelt sie auch nicht.»

Bis zum letzten Schliff ist handwerkliche Präzision gefragt. Bild: Hans Wüthrich

Einfach sei es nicht gewesen, diesen ­Anspruch zu erfüllen. Aber zusammen mit der Fachhochschule sei es seinem Bruder gelungen, ein Produkt zu schaffen, «das wohl in Bezug auf Klang und ­Robustheit nicht so schnell ­kopiert werden kann und uns somit einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz ermöglicht». Die erste Produktion sei denn auch vor der Fertigstellung bereits ausverkauft gewesen. Die Aluminiumglocken sind übrigens auch deutlich leichter als ihre Schwestern aus Bronze und deshalb bei Schaf- und Ziegenhaltern beliebt.

Zuerst kam der Bundesrat

Während Roger Kern auf das aufgereihte Sortiment zeigt, das vom kleinen Souvenirglöcklein bis zur 12 Kilo schweren Glocke reicht, betritt sein Vater mit einem Dutzend Besuchern den Raum. Es sind Mitarbeiter der Bundesverwaltung, die für ihren Betriebsausflug einen Abstecher in der Glockengiesserei gebucht haben und nun dort ihre eigene Glocke herstellen. Solche Events würden immer häufiger gebucht.

Der erste prominente Besucher war Bundesrat Samuel Schmid, der 2005 mit dem Schulreisli des ­Gesamtbundesrats Langnau beehrte. «Alle sieben waren hier», sagt Roger Kern. Seither wird dieser Betriebszweig Schritt für Schritt ausgebaut, alle möglichen Gruppen waren schon in der Giesserei. Sogar eine Hochzeitsgesellschaft. «Die Braut in ihrem weissen Kleid haben wir kurzerhand in Klarsichtfolie eingewickelt, damit sie sich in dem schwarzen Sandstaub nicht verdreckte », erinnert sich Kern.

In der neuen Halle, die derzeit neben dem bestehenden Betriebsgebäude entsteht, will die Familie Kern einerseits Lagerplatz schaffen und andererseits einen geräumigeren Fabrikladen einrichten. Zurzeit betreibt die Glockengiesserei ein kleines ­Lädeli, das im Wohnhaus schräg gegenüber der Produktionshalle untergebracht ist.

Die Verhältnisse dort sind eng – vor allem wenn, was mehrmals pro Jahr vorkomme, ein Reisecar voller Amerikaner vor dem Haus hält und zwanzig Personen auf einmal eine Kuhglocke aus der Schweiz kaufen wollen.

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