Langnau

Für Wickel und Bäder fehlt die Zeit

LangnauDas Projekt habe sich zwar bewährt. Aber die Initianten, die am Spital Langnau komplementärmedizinische Behandlungen anbieten wollten, stellten das Angebot trotzdem wieder ein – zumindest vorläufig.

Rolf Schmid, Hansueli Albonico und Danielle Lemann haben von Chefarzt Martin Egger (von links) eine Unterstützung erfahren, die sie früher im Spital Langnau vermissten.

Rolf Schmid, Hansueli Albonico und Danielle Lemann haben von Chefarzt Martin Egger (von links) eine Unterstützung erfahren, die sie früher im Spital Langnau vermissten. Bild: Thomas Peter

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So etwas habe sie vorher nie erlebt, lobt Danielle Lemann. Plötzlich fühlte sich die Komplementärmedizinerin im Spital Langnau nicht bloss geduldet, sondern erfuhr von Ärzten und Pflegenden «eine Unterstützung, die wir vorher nie erfahren haben». Mit «vorher» meint sie die Zeit von 1998 bis 2013, als das Krankenhaus im oberen Emmental eine eigene komplementärmedizinische Abteilung führte.

Als Chefarzt fungierte Danielle Lemanns Ehemann Hansueli Albonico. Das Paar führt im Dorf gemeinsam eine Hausarztpraxis für Komplementärmedizin und hat viel Herzblut investiert, damit die sanfte Medizin auch im Spital Langnau Einzug halten konnte. Doch ewige Diskussionen um die Kosten führten dazu, dass sich ­Albonico Mitte 2012 aus der von ihm aufgebauten Abteilung zurückzog.

Bis zu den Bauarbeiten am ­Bettenhaus 1 hatten sich die Langnauer damit brüsten können, als einziges öffentliches Spital über eine komplementär­medizinische Abteilung zu ver­fügen. Doch seit dem Umbau, der 2012 begann, wurden die Betten noch als Teil der Akutmedizin weitergeführt. Rolf Schmid, der ebenfalls als komplementärmedizinischer Hausarzt arbeitet, übernahm die Verantwortung für Patienten, die alternativ behandelt werden wollten, Danielle Lemann unterstützte ihn. Doch es war ein Sterben auf Raten. Anfang 2014 wurde das Angebot aufgehoben.

Gute Erfahrungen, aber...

Die Idee aber, im Spital Langnau mit Wickeln, Globuli und Co. zu arbeiten, war nicht tot. Anfang 2016 wurde ein neues Pilotprojekt lanciert. Geleitet wurde dieses von Martin Egger, dem Chefarzt Medizin. Zusammen mit vor Ort tätigen komplementärmedizinischen Hausärzten erarbeitete er ein Pilotprojekt: Patienten aus den Praxen dieser Hausärzte konnten, wenn sie ins Spital eingewiesen wurden, eine alternative Behandlung erhalten. Die entsprechend ausgebildeten Hausärzte würden die Therapien und Anwendungen verordnen. So lautete die Abmachung.

Die Zusammenarbeit mit den Schulmedizinern habe denn auch vorbildlich funktioniert, betonen Danielle Lemann und Rolf Schmid. Auch Martin Egger stellt nach Ablauf der Pilotphase fest: «Die Erfahrungen in der Zusammenarbeit waren sehr gut und von gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung geprägt.» Das Konzept habe sich bewährt.

Nur vierzehn Patienten

Trotzdem werden heute im Spital Langnau keine komplementärmedizinischen Therapien mehr angeboten. Denn die Nachfrage war gering. Das Pilotprojekt sei bewusst auf kleiner Flamme gehalten und in der Öffentlichkeit nicht bekannt gemacht worden, sagt Danielle Lemann. Und Martin Egger berichtet von vierzehn Patienten, die von Projektbeginn im Oktober 2016 bis zur Standortbestimmung im Mai 2017 für komplementärmedizinische Behandlungen infrage gekommen seien.

Die tiefe Zahl hängt damit zusammen, dass ausser Lemann und Schmid keine Alternativ­mediziner bereit waren, im Spital Konsiliardienst zu leisten. Das hiess für die beiden, jeweils zwei Wochen lang 24 Stunden pro Tag abrufbereit zu sein. Wenn ihr Rat im Spital auch kaum gefragt war, «mussten wir doch immer daran denken», sagt Danielle Lemann.

Problem Fallpauschalen

Aufwand und Ertrag standen für sie und Rolf Schmid in keinem Verhältnis, weshalb sie von sich aus vorgeschlagen hätten, das Projekt auf Eis zu legen, sagt ­Martin Egger. Er stellt generell fest: «Die Bedingungen einer akutsomatischen Abteilung sind vom organisatorischen Gesichtspunkt her selbst bei gutem Willen und redlichem Bemühen aller Beteiligten kein einfacher Rahmen für ein komplementärmedizinisches Angebot.»

Danielle Lemann erklärt: Wegen der Fall­pauschalen würden die Aufenthalte im Akutspital immer kürzer, womit die Angebote der sanften Medizin kaum zum Tragen kämen. «Beim Eintritt wird bereits der Austritt geplant, da bleibt keine Zeit mehr für Wickel», sagt sie. Und Egger fügt hinzu: «Die Komplementärmedizin lebt davon, dass man Zeit hat. Aber die Zeit fehlt überall.»

Deshalb hätten auch andere Kliniken, die auf alternative Behandlungen setzten, Probleme, fügt Danielle Lemann hinzu. Die Abteilung im Spital Scuol – nach Langnau das zweite komple­mentärmedizinische Angebot in einem Akutspital – habe sich daher in Richtung integrative Re­habilitation entwickelt.

«Nach wie vor bereit»

In Langnau liegt das Konzept nun zwar in einer Schublade. Doch der Chefarzt Medizin versichert: «Ich bin nach wie vor bereit, etwas zu entwickeln.» Zuerst müssten allerdings Nachwuchshausärzte gefunden werden, die im Spital komplementärmedizinischen Konsiliardienst leisten würden.

Danielle Lemann vertritt zudem die Meinung, dass bei einem Neustart die alternativen Behandlungen nicht nur auf der ­medizinischen, sondern auch auf der chirurgischen Abteilung und in der Onkologie möglich sein müssten. «Dort hätten wir ein grosses Feld», sagt sie und denkt etwa an Alternativen zu Schmerzmitteln und Entzündungshemmern. Rolf Schmid denkt, dass auch Psychosomatik und Psychiatrie «für uns interessant wären, weil diese Patienten länger stationär bleiben».

Martin Egger verschliesst sich diesen Forderungen nicht. Für ihn ist klar: «Wenn wir das Projekt wieder starten, sollte die ­Chirurgie mit ins Boot geholt werden.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 17:18 Uhr

Die ewige Sorge um den Spitalstandort Langnau

Die Verankerung der Komplementärmedizin im Spital Langnau war Hansueli Albonicos grosses Bestreben. Dass der Erfolg der damaligen Spital­abteilung auf fünfzehn Jahre befristet blieb, hängt für ihn einerseits damit zusammen, dass die Spitalleitung früher nicht stärker in Werbung investierte, und anderseits mit der Einführung der Fallpauschalen. Doch Albonico ist nicht frustriert, weil der jüngste Versuch, die sanfte Medizin anzubieten, nun sistiert wurde. «Manchmal braucht etwas Weile. Man muss es werden lassen», sagt er.

Was ihn vielmehr umtreibt, ist die Sorge um die medizinische Grundversorgung im oberen Emmental. Nie sei die Zusammenarbeit zwischen den Hausärzten und dem Spital Emmental so gut gewesen wie jetzt. Aber Albonico hat Angst, dass der Hausärztemangel «Migros- und Aldi-Ärzte» anziehen könnte. Er befürchtet, dass Privatkliniken in Langnau Ärztezentren finanzieren könnten, um so Patienten für sich zu gewinnen.

Auch der 70-jährige Hansueli Albonico und die zwei Jahre jüngere Danielle Lemann suchen zusammen mit ihrer jungen Kollegin Simone Sikyr Nachfolger und Nachfolgerinnen für ihre Praxis. Aber sie wollen nicht riskieren, in Langnau Zulieferer von Stadtspitälern zu installieren. Sie haben eine GmbH gegründet. Wer sich von dieser anstellen lässt, wird verpflichtet, mit dem Spital Langnau zusammenzuarbeiten.

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