Langnau

Flüchtlingshilfe im Alltag

LangnauUrsula und Peter Kläntschi haben einen eigentlich einfach Wunsch: Sie möchten, dass mehr Schweizerinnen und Schweizer mit Flüchtlingen sprechen. Das muss nicht zwingend im Café International sein.

Es sind oft die kleinen Dinge, die Asylsuchenden das Leben schwermachen. Ursula und Peter Kläntschi wollen etwas dagegen tun.

Es sind oft die kleinen Dinge, die Asylsuchenden das Leben schwermachen. Ursula und Peter Kläntschi wollen etwas dagegen tun. Bild: Thomas Peter

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Ab und zu kam ein Vertreter der Stromversorgung vorbei, erkundigte sich nach dem Vermögen und verlangte einen den finanziellen Verhältnissen entsprechenden Beitrag für die Elektri­zität. So war es sich der Mann in seiner Heimat gewohnt.

Dann flüchtete er in die Schweiz. Und hier begriff er überhaupt nicht, was das soll mit dieser Stromrechnung. Eine Frau erfuhr erst, was der gelbe Zettel im Briefkasten bedeutet hatte, als die auf der Post abzuholende Sendung längst wieder zurückgeschickt war.

Was für uns selbstverständlich scheint, gibt den Flüchtlingen Rätsel auf. «Es wäre so wichtig, dass sie Schweizer kennen, die ihnen ein bisschen helfen», sagt Ursula Kläntschi.

Und erwähnt ein weiteres Beispiel, das ihre Aussage untermauert: Sie war zu Besuch bei einer Flüchtlings­familie, in deren Wohnung die Holzheizung auf Hochtouren lief. Erst als die Gastgeberin den Vorhang hob, sah Ursula Kläntschi, warum: Eine Fensterscheibe war kaputt. «Die Frau wusste nicht, dass sie das dem Vermieter melden darf. Stattdessen heizte sie wie verrückt.»

Jeden Montag

Es sind die kleinen Hilfestellungen im Alltag, die Ursula und Peter Kläntschi mitsamt den Betreibern des Cafés International den Flüchtlingen geben wollen. Deshalb engagiert sich das pensionierte Lehrerehepaar im Verein Langnau Interkulturell. Er entstand aus der Begegnungsgruppe der reformierten und der katho­lischen Kirche, die in Langnau ­jeweils den Flüchtlingstag organisierte.

Doch nur einmal im Jahr den Flüchtlingen ein Treffen zu ermöglich, erschien zu wenig nachhaltig. Also klopften Ursula und Peter Kläntschi bei den frisch in Langnau Gestrandeten an und erkundigten sich, ob sie mithelfen würden bei einem wöchentlichen Café-Treff.

«Alle sagten sofort ­ihre Unterstützung zu», erzählt Ursula Kläntschi. Das Projekt sei prompt gut angelaufen. Weil andere Initiantinnen bereits Jahre zuvor den interkulturellen Frauentreff gegründet hatten und man sich ergänzen und nicht gegenseitig konkurrenzieren wollte, taten sich die Gruppen ­zusammen und gründeten im Sommer 2016 gemeinsam den Verein Langnau Interkulturell, (www.langnauinterkulturell.ch).

Dieser bietet nebst dem Frauentreff, dem Café International und Deutschkonversationskursen neuerdings auch einen Männertreff an. «Das entspricht ei­nem grossen Bedürfnis», sagt ­Peter Kläntschi. Allerdings darf man sich darunter keine im Kreis sitzende Selbsthilfegruppe vorstellen. «Als Erstes fragten sie: ‹Hast du Turnhalle?›»

Die rund fünfzehn Männer zwischen etwa 14 und 40 Jahren hätten vor allem das gemeinsame Fussballspiel im Auge gehabt, erzählt er. In ihren Heimatländern hätten Männer eine andere gesellschaftliche Stellung als hier. «Unser Ziel ist es, dass sie mit der Zeit zu einem neuen Selbstverständnis finden», sagt Peter Kläntschi.

Spielen, reden, begleiten

Es sind nicht tiefgreifende Gespräche oder grosse zeitintensive Engagements, die sich die Initianten des Vereins zum Ziel gesetzt haben. «Niederschwellig» ist das Stichwort, das Ursula Kläntschi gern verwendet. Weder die Flüchtlinge sollen beim Mitmachen eine Hürde überwinden müssen noch die Schweizerinnen und Schweizer, die den Fremden das Leben in Langnau leichter machen wollen.

Hauptsache sei, dass die eine Gruppe mit der anderen überhaupt in Kontakt komme. «Denn wie sollen sie Deutsch lernen, wenn niemand mit ihnen spricht?», gibt Ursula Kläntschi zu bedenken.

Der Verein hat eine lange Liste von Möglichkeiten zusammengestellt, wie den Migrantinnen und Migranten geholfen werden kann: Vom gemeinsamen Handarbeiten über das Velofahrenlernen, das Vermitteln von Vereinen oder Einkaufsmöglichkeiten bis hin zum Ausfüllen von Formularen oder zum Kinderhüten findet sich dort alles Mögliche.

«Stille Nacht» mit Hindus

«Das Wichtigste, was Gemeinden zur Integration von Migrantinnen und Migranten beitragen können, ist die Arbeitsbeschaffung», ist Ursula Kläntschi überzeugt. «Denn die Leute, die wir kennen gelernt haben, sind keine Schmarotzer, sie möchten selbstständig für sich sorgen.»

Als die Gefangenen auf dem Thorberg letzthin in Streik traten, hatte die Anlehr- und Dauerwerkstätte in Bärau kurzfristig viel zu viel Arbeit, die erledigt werden musste. «Ich brauchte bloss in die Hände zu klatschen, schon hatte ich eine Warteliste mit Personen, die bereit gewesen wären, zwei Wochen zu arbeiten», sagt Ursula Kläntschi. Zweien von acht habe das Migrationsamt dann allerdings die Arbeitsbewilligung verweigert, weil ihr Status noch nicht geklärt gewesen sei.

Bei den Treffen, die entweder im katholischen Pfarreizentrum oder im reformierten Kirchgemeindehaus stattfinden, kommen nicht nur verschiedenste Nationen miteinander in Kontakt.

Hier findet auch ein reger Austausch zwischen den Religionen statt. Als das Café vor ein paar Tagen Weihnachten feierte, hörten Hindus, Muslime und Christen (auch orthodoxe) die Weihnachtsgeschichte und sangen gemeinsam «Ehre sei Gott in der Höhe» und «Stille Nacht».

Das Café International im Pfarreizentrum ist jeden Montag (auch in den Ferien und an Feiertagen) von 14 bis 17 Uhr offen.
Kontaktadressen: Ursula und Peter Kläntschi, 034 402 49 68, und Regula Cermak, 031 536 40 60. www.langnauinterkulturell.ch
(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.12.2017, 10:14 Uhr

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