Lützelflüh-Goldbach

Fluchwörter haben hier nichts verloren

Lützelflüh-GoldbachNur gute Nachrichten werden beim Jugendradio Chico ausgestrahlt. Dennoch sind die jungen Radiomacher nicht weltfremd. Nebst Themen für Umwelt und Frieden widmen sie sich auch aktuellen Songs.

Die Gesichter des Jugendradios: Annemarie Koch, Bruno und Belén Rufibach (stehend von links) sowie 
Amaia Rufibach und Manuel Koch.

Die Gesichter des Jugendradios: Annemarie Koch, Bruno und Belén Rufibach (stehend von links) sowie Amaia Rufibach und Manuel Koch. Bild: Thomas Peter

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Von der Pinnwand lächelt Moderatorin Christa Rigozzi. Auch Autogrammkarten von Sänger Knackeboul und von Hockeyspieler Fabian Sutter sowie etlichen anderen bekannten Gesichtern aus Showbusiness, Sport und Politik sind aufgehängt.

Sie alle waren einmal beim Jugend- und Schulradio Chico zu Gast. Sei es im Studio an der Bahnhofstrasse in Lützelflüh-Goldbach, oder während einer Schulprojekt­woche.

Erstmals auf Sendung ging Radio Chico am 18. August 2007 mit seinem mobilen Studio. Im Erlebnispark Seeteufel in Studen waren damals auch Regierungsrätin und Radio-Gotte Beatrice Simon sowie -Götti, der SRF-Sportredaktor und Lehrer Markus Tschirren, vor Ort.

Gleich anschliessend ging es in die erste Schulprojektwoche in Baggwil BE. «Das Radio hat sich quasi vom Kleinkind zum Teenager entwickelt», erklärt Annemarie Koch, die heute mit ihrem Team und Gästen das verspätete zehnjährige Bestehen feiert. «Im Sommer hatten wir schlichtweg keine Zeit für eine Feier», sagt Koch.

Die Idee eines Jugendradios kam von ihrem Sohn Chico. Zusammen mit einer kleinen Gruppe von Enthusiasten verwirklichte er die Vision. Annemarie Koch übernahm die Rolle der Geschäftsleiterin und die Spon­sorensuche, die sie heute noch ­innehat. Chico Koch hingegen orientierte sich nach zwei Jahren anderweitig. Heute arbeitet er bei einem Privatfernsehen.

Annemarie Koch erklärt, dass die Namengebung des Radios sich nicht auf den Vornamen ihres Sohnes beziehe, sondern auf das spanische Wort Chico, welches Junge bedeutet. «Natürlich ist das Radio nicht nur für Chicos, sondern auch für Chicas», sagt sie und lacht.

Über 10'000 Schüler

Mädchen und Buben sind auch der Motor des Radios. Durchschnittlich sind es so um die acht Jugendliche, die das Programm gestalten. Zum Team gehören jeweils auch zwei Praktikanten, die während sechs bis zwölf Monaten das Handwerk des Radiomachens lernen.

Seit Februar 2017 ist Ton- und Videotechniker ­Manuel Koch der Sendeleiter. «Trotz gleichem Nachnamen sind wir nicht verwandt», stellt Annemarie Koch fest.

Das Programm sei vielfältig: Hitparade, Talks, Berufssendungen, fremde Länder und Kulturen, Tiergeschichten, Quiz- und Sportsendungen. «Mitmachen kann jeder. Wir sind offen für vieles, solange die Sendung respektvoll gestaltet wird.» Mit anderen Worten: keine Witze auf Kosten der Mitmenschen und keine Fluch- und Schimpfwörter.

In ­Sachen Nachrichten hat Radio Chico ebenfalls eine klare Linie. Meldungen über Mord, Krieg und Eifersucht werden nicht gesendet. «Nur positive Nachrichten. Unsere Hörer sollen auf das Gute und Schöne in der Welt sensibilisiert werden», sagt die Geschäftsführerin.

In den vergangenen zehn Jahren stellte Radio Chico sein Equipment in 60 Schulen in der ganzen Schweiz auf. In diesen Projektwochen arbeiteten über 10'000 Schüler vor und hinter dem Mikrofon.

Trotz den vielen Einsätzen gibt es für Annemarie Koch dennoch einen Wermutstropfen: «Wir konnten noch nie eine Projektwoche in der Gemeinde Lützelflüh durchführen.» Dies bedauert sie umso mehr, weil sie sehe, wie viel die Kinder während der Projektwochen profitieren würden. Medienkompetenz oder Selbstbewusstsein im Auftreten nennt sie als Beispiele.

Lernen, was Werbung ist

Das Radio finanziert sich durch Spenden, Gönner- und Mitgliederbeiträge sowie Schul- und andere Projekte. «Wir senden im normalen Radioalltag keine Werbung», erklärt Annemarie Koch.

Jedoch sei es möglich, dass die Schülerinnen und Schüler im Rahmen ihrer Projektwoche Werbejingles von Firmen machen, um so ihre Projektwoche zu finanzieren. Erlaubt seien jedoch nur Spots, die die Schüler selber produzieren. Bei dieser Gelegenheit lernen die Radiomacher auch, was Werbung ist.

Das mobile Studio wird jedoch nicht nur in Schulhäusern auf­gebaut. Im Einsatz war es bisher auch an Gewerbeausstellungen, am Jugendskilager an der Lenk und letztes Jahr bereits zum dritten Mal anlässlich der Radio-Chico-Weltfriedenswochen in Bern.

Keine Hörerzahlen

Zu hören ist Radio Chico über das Internet oder im Stream. Hörerzahlen kann Annemarie Koch keine nennen, zumal es keine Messungen gibt. «Diese sind zu teuer.» Sie setze das Geld lieber für Projekte und Erneuerungen ein: «Wir können keine grossen Sprünge machen», sagt sie und gibt ihren grössten Wunsch preis: «Ein Mäzen wäre schön.»

Geld erhält Annemarie Koch für ihre Arbeit keines. Ihr Lohn seien die strahlenden Augen der Kinder, wenn eine Sendung gelungen sei. Genugtuung bereitet ihr auch die Tatsache, dass ältere und jüngere Menschen produktiv und respektvoll zusammenarbeiten.

Und einmal habe ein Junge nach einer Projektwoche zu ihr gesagt: «Jetzt kann ich wieder schlafen.» Denn nun wisse er, dass es viel Gutes und Schönes auf der Welt gebe. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.01.2018, 16:38 Uhr

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