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Festen und in sich gehen

Martin Ferrazzini macht die Reformation zum Thema. Mit einem Trauerzug durchs Dorf und einem Fest will der Pfarrer das 500-Jahr-Jubiläum feiern und zum Nachdenken anregen – dies unter dem Titel «Totetanzenlänger».

Grabkreuze für verstorbene Insekten: Mit Interesse erlebte Pfarrer Martin Ferrazzini mit, wie sich auch die jüngsten Schulkinder mit dem Thema Tod auseinandersetzten – Werden und Vergehen.
Grabkreuze für verstorbene Insekten: Mit Interesse erlebte Pfarrer Martin Ferrazzini mit, wie sich auch die jüngsten Schulkinder mit dem Thema Tod auseinandersetzten – Werden und Vergehen.
Andreas Marbot

Kann man mit einem Trauerzug durch ein Dorf ein Fest feiern? Und: Ist es nicht etwas makaber, diesem Fest den Titel «Totetan­zenlänger» zu geben? Pfarrer Martin Ferrazzini lacht und sagt: «Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir unserem Fest wirklich diesen Titel geben können. Wir sagten Ja.

Denn mit dem Wort Totetanzenlänger soll etwas ausgelöst werden, das hängen bleibt.» Mit «wir» meint er das vom Kirchgemeinderat eingesetzte dreiköpfige Organisationskomitee, das das Reformationsfest in Hindelbank organisiert und vom 1. bis 3. September durchführen wird. Feierlich gedacht wird der kirchlichen Erneuerungsbewegung, die vor 500 Jahren ihren Anfang nahm.

«Wir wollen festen. Aber nicht mit einem Fest, wie bei einem Vereinsjubiläum», erklärt der junge Pfarrer. Sondern? «Wer das Wort Totetanzenlänger gelesen hat, denkt nach, fragt sich, was das soll. Bei den Leuten werden Räder angekurbelt und zum ­Drehen und Weiterdrehen gebracht.»

Und welches Ziel wird mit dem provokativen Titel angestrebt? Was also soll der provozierende Titel erreichen? «Totentänze erinnern uns Menschen an unsere Vergänglichkeit. Dar­über hinaus wollen sie uns aufrütteln und dazu ermutigen, das Leben vor dem letzten Tanz sinnvoll zu gestalten», begründet Martin Ferrazzini die Wahl dieses Fest­titels.

Das Leben sinnvoll gestalten hiess bei Dominikanern und Franziskanern, gottgefällig zu leben und Busse zu tun, bevor es zu spät ist, bevor uns der Tod beim Arm nimmt und mit uns tanzt. Unter diesen beiden Orden war der Totentanz im 13. bis 15. Jahrhundert aufgekommen.

Die Berner Variante

In Bern hatte das Thema Totentanz seine Hoch-Zeit erst kurz vor der Reformation zwischen 1516 und 1519. Niklaus Manuel Deutsch, dessen Konterfei zusammen mit jenem von Zwingli, Calvin und Haller auf Glasscheiben in der Kirche Hindelbank zu sehen ist, widmete sich vor genau 500 Jahren als Maler dem Thema Totentanz.

Deutsch war zwar im Gegensatz zu den anderen drei Genannten nicht Theologe, sondern ein reicher Bernburger, Politiker, Soldat und Künstler, und er schrieb bekannte Fasnachtsspiele, die sehr reformatorisch waren. «Wir entschieden uns, ihn zur Hauptperson unseres Festes zu machen», erklärt Martin Ferrazzini. So prangt nun Niklaus Manuels Porträt auf der ersten Seite des Festführers.

Doch nicht nur der Maler des Berner Totentanzes verbindet Hindelbank mit dem Thema, sondern auch die tragische Geschichte Maria Magdalena Langhans’. Ihr Tod und das weitherum bekannte Grabmal sind auch eine Art Totentanz. Ein umgedrehter allerdings: Nicht der Tod führt hierbei den Tanz an, sondern das Leben.

«Es war spannend, wie die Leute bereit waren, sich zum Thema Totentanz Gedanken zu machen.»

Martin Ferrazzini

«Es war spannend, wie die Leute bereit waren, sich zum Thema Totentanz Gedanken zu machen», blickt Pfarrer Ferrazzini auf die Festvorbereitungen zurück. Besonders erfreut ist er, dass auch die Schule mitmacht.

Selbst die Jüngsten setzten sich mit dem Tod auseinander, indem sie zum Beispiel vor der Kirchenmauer Kleinsttiere beisetzten, Grabkreuze fertigten und mit guten Wünschen für die verstorbenen Käfer, Bienen und Fliegen versahen. Die auf den Gräbern wachsenden Blumen stehen im Kontrast zu den verfallenen Kreuzen und symbolisieren Werden und Vergehen.

Übrigens: Dass es unter den Schulkindern im Dorf auch solche muslimischen Glaubens hat, ist für Martin Ferrazzini kein Problem. Natürlich sei es das Reformationsfest der Kirchgemeinde, das Thema jedoch sei nicht allein ein christliches: «Auch im Islam wird die Frage ­gestellt: Wie gestaltest du dein Leben, bevor du stirbst?»

Sich aufrütteln lassen

Die Hoffnung des Hindelbanker Pfarrers ist es, dass sich die Besucherinnen und Besucher von den verschiedenen Totentänzen an diesem einmaligen Reformationsfest bewegen lassen.

Quasi in einem Appell an die Leute sagt Ferrazzini: «Lassen Sie sich von den gezeigten Interpretationen des Motives in ihrer Vielfalt aufrütteln und ermutigen. Was ist in Ihren Augen wert- und sinnvoll? Welche Werte wollen Sie in Ih­rem Leben verfolgen? Finden Sie eigene Antworten.»

Gelungen werde der Anlass am Abend des 3. September für ihn sein, wenn er sagen könne: «Gut, haben wir das Fest gemacht. Das Fest, das viele Vereine und Teile der Bevölkerung von Hindelbank, Bäriswil und Mötschwil zusammenbrachte, von dem alle Beteiligten profitieren und an dem die Leute ohne Zwang über das Thema Vergänglichkeit nachdenken konnten.»

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