«Fertig Schlossherr»

Sumiswald

Seit zwei Wochen leert sich das Alterszentrum Schloss in Sumiswald. Die Bewohner ziehen in den Neubau im Dorf um. Am Dienstag war Fredy Reists Zügeltag. Er freute sich – eigentlich.

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Martin Burkhalter@M_R_Bu

Fredy Reist wirkt entspannt. Seine Augen hinter den Brillengläsern erinnern an einen Bergsee. «Wegen mir hätten wir hier nicht raus müssen», sagt er. «Aber nun halt.» Für den 75-Jährigen ist es eigentlich kein einfacher Tag. Denn nun zieht Fredy Reist um. Vom Schloss Sumiswald in den Neubau des Alterszentrums im Dorf. «Ist dann halt einfach kein Schloss mehr», sagt er und fährt mit seinem Rollstuhl durch die Schlossgänge. Ein letztes Mal.

Spezielle Tage

So entspannt, wie Fredy Reist ist, sind an diesem Dienstagmorgen nicht alle im Schloss Sumiswald. Deshalb gibt es im grossen Saal im ersten Stock erst mal eine Runde Baileys für sechs ältere Damen. «Für die Nerven», sagt eine Pflegerin. «Den süssen Schnaps gibt es manchmal am Sonntag zum Kaffee.» Aber heute sei ja auch ein spezieller Tag.

Die Tage im Alterszentrum Schloss in Sumiswald sind seit zwei Wochen speziell. Denn am 26. Februar wurde der Neubau des Alterszentrums im Dorf eröffnet. Bis Ende dieser Woche sollen alle Bewohnerinnen und Bewohner dorthin umgezogen sein. Das Personal und gut 20 freiwillige Helfende sind tagein, tagaus im Einsatz dafür, den Umzug so reibungslos wie möglich über die Bühne zu bringen. In den Gängen stehen Kisten herum, eine Matratze steht an die Wand gelehnt, die Zimmer leeren sich, nach und nach. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Fredy Reist ist an diesem Tag einer von sieben, die das Schloss hinter sich lassen und in den 40 Millionen Franken teuren Neubau ziehen. Ende Woche werden es über dreissig sein, die ein neues Zuhause bezogen haben. Vielleicht kann es Reist deshalb locker nehmen, weil er noch nicht allzu lange da ist. «Im Oktober wären es zwei Jahre gewesen», sagt er. Er habe schon vor Eintritt gewusst, dass dann irgendwann ein Umzug anstehe. «Aber das habe ich für mich behalten, ich wollte die anderen schonen und nicht beunruhigen.»

Morgens sass Fredy Reist gerne in seinem Zimmer, weil um diese Zeit die Sonne zum Fenster her­einschien. «Die Aussicht werde ich vermissen», sagt er. Das ist verständlich. Von seinem Fenster aus sieht man die Steinweidstrasse, die sich sanft den Hang hin­aufschlängelt, und unten einen Bauernhof, daneben ein Gehege mit Hirschen. «Wunderschön, jetzt, wo alles so weiss ist vom Schnee,» sagt er.

Fredy Reist kennt das alles. Er ist in Wasen aufgewachsen und hat dann sein Leben lang in Sumiswald gelebt. «Als Kind habe ich viel Zeit um das Schloss herum verbracht», sagt er. Und nicht nur das. Auch das Schloss selber kennt er gut. Als es 1981 umgebaut wurde, war er dabei. Fredy Reist ist nämlich Schreinermeister und hat bis zu seiner Pension ein eigenes Geschäft geführt, die Sommer GmbH. Schon beim Umbau habe er gesagt: «Wenn ich einmal alt bin, dann will ich ins Schloss.»

18 Stufen waren zu viel

Fredy Reist hat seinen Stammplatz im Gemeinschaftsraum. An dem Tisch vor einem Kaffee sitzend, schaut er rüber zum Fenster und sagt wieder: «Die Aussicht werde ich vermissen.» Von diesem Fenster aus sieht er nämlich das Dorf und dort links von der Hauptstrasse das Haus, wo er ab dem 12. Lebensjahr gewohnt hat. Und auf der anderen Strassenseite sieht er den Wohnblock, wo er später lebte und seine Frau Brigitte heute noch wohnt. Diesen Überblick hat er am neuen Ort nicht mehr. Fredy Reist ist im Altersheim wegen eines Tumors in seinem Kopf. Nach drei Operationen kam es zu Lähmungserscheinungen in den Beinen. Da wohnte er noch im Wohnblock unten im Dorf mit seiner Frau. «18 Stufen sind es bis in die Wohnung», sagt er. «Nein, das ging nicht mehr.»

Während Fredy Reist seinen letzten Kaffee im Schloss trinkt, verlädt der Technische Dienst seine Habseligkeiten in einen Lastwagen. Am Tag zuvor hatte schon seine Tochter Helene Jutzi ein paar Kisten in sein neues ­Zuhause gebracht. «Eines weiss ich», sagt er. «Drüben habe ich ein schönes Zimmer.» Er freue sich. Auf was freuen Sie sich? «Einfach aufs Neue», sagt er und lässt sich von seiner Tochter zum Lift bringen. Unten im Hof hilft sie ihm ins Auto. Dann sagt er: «So, fertig Schlossherr», und das Auto folgt dem Lieferwagen in Richtung Dorf.

Fredy Reist ist in seinem neuen Zimmer angekommen. D 119, im roten Haus, das so heisst, weil es aus roten Ziegelsteinen gebaut ist. Er sitzt in seinem Rollstuhl mitten im Zimmer und sagt: «Im Schloss gab es dicke Mauern und schmale Fenster, das war ein grosser Nachteil.» Hier sind die Fenster weit, und der Raum ist hell. Und auch sonst hat Fredy Reist mehr Platz. Jetzt kann er mit seinem Rollstuhl in seinem Zimmer sogar wenden, das ging vorher nicht. Seine Tochter Helene freut vor allem eines: «Hier kann er viel einfacher an die frische Luft.» Im Schloss sei das ein Problem gewesen, weil es rundherum steil sei. «Und die Pflastersteine!», ruft ihr Vater dazwischen. Auf den Pflastersteinen vor dem Schloss sei er mit dem Rollstuhl kaum vorwärtsgekommen. Er habe immer gehofft, es komme jemand von der Denkmalpflege vorbei, «dem hätte ich dann gesagt, was ich von den Pflastersteinen halte». Aus seinem Fenster kann er nun dem Treiben im Dorf zusehen. Und wenn das alte Spital nicht den Blick versperren würde, sähe er auf das Schloss, wo morgen ein weiterer Zügeltag ansteht.

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