Ewige Jugend in unsicheren Zeiten

Burgdorf

Im Casino-Theater würdigte eine illustre Musikerschar den grossen Bob Dylan. Ein schöner Abend, der klarmachte, dass wir die Stimme des anderen Amerika ­brauchen.

Freda Goodlett und Hank Shizzoe lieferten ein begeisterndes Konzert ab und würdigten damit das Schaffen von Bob Dylan.<p class='credit'>(Bild: Andreas Marbot)</p>

Freda Goodlett und Hank Shizzoe lieferten ein begeisterndes Konzert ab und würdigten damit das Schaffen von Bob Dylan.

(Bild: Andreas Marbot)

«In den letzten 35 Jahren gab es 1900 solche Tributveranstaltungen», sagt mein Sitznachbar, der sich als Bob-Dylan-Experte und Philosophieprofessor vorgestellt hat. Der Songschreiber mit der Antistimme, der am Freitag mit einem Konzert im Casino-Theater Burgdorf geehrt wurde, war schon immer ein Quell der Inspiration für Musikerinnen und Dichter. Er beschäftigt auch die Wissenschaftler – seit er den Nobelpreis für Literatur erhalten hat erst recht. Über Dylan gebe es mehr Bücher als über die Bibel, will der Sitznachbar wissen.

Hinreissend aufrichtig

Gut, dass sich die Burgdorfer ­Gratulanten um den Gitarristen Hank Shizzoe davon nicht abschrecken lassen und locker bleiben. Shizzoe eröffnet den Abend solo und führt dann souverän durch den Abend. Ohne Lobhudeleien an den Meister, aber auch ohne raunende Insideranspielungen, wie sie bei «Dylanologen» öfter vorkommen. Die Band mit den Berner Musikern Jürg Schmidhauser, Simon Baumann und Tom Etter nimmt ihre Sache ernst und legt sich ins Zeug. Hendrix Ackle sorgt für den Orgelgroove und bringt den Soul ins Repertoire. «Everybody Must Get Stoned», singt er und macht klar, dass hier kein Intellektueller, sondern ein «song and dance man» geehrt wird.

Hier wird kein Intellektueller, sondern ein «song and dance man» geehrt.

Die Idee zum Tribut hatte das Schweizer Fernsehen, das 2016 einen Abend zu Dylans 75. Geburtstag organisierte. Hank Shizzoe war schon damals der musikalische Direktor, einige der Gäste sind in Burgdorf wiederzusehen, neue sind dazugekommen. Zum Beispiel Freda Goodlett, die um die Ecke wohnt und Dylans Songs mit gospelnder Inbrunst erfüllt – etwa das (zu) oft gehörte «Knockin’ on Heaven’s Door». Noch weiter geht Shirley Grimes, die «Blowin’ in the Wind» anstimmt, Dylans Hit aus seiner «Folkie»-Zeit. Man hat dieses Lied schon so oft und so schlecht gehört, dass jede Wiederbegegnung schwierig ist. Doch Grimes haucht dem Oldie Leben ein, singt ihn hinreissend aufrichtig – ein Höhepunkt.

Evelinn Trouble fiel schon beim Fernsehkonzert auf. Sie zieht einen auch in Burgdorf in ihren Bann, mit rotziger Attitüde und beeindruckender künstlerischer Präsenz. Ihre Dylan-Adaptionen sind eigenwillig und gerade darum glaubwürdig. Evelinn Trouble ist der Star des Abends. Der Einzige, der von Dylans originalen Texten abweicht, ist Toni Vescoli, der Doyen der Schweizer Singer-Songwriter. Schon 1966 coverte er Dylan mit seiner Band Les Sauterelles. In Burgdorf singt er das gleiche Lied in Mundart und mit endlos vielen Strophen: «Desolation Row» ist ein Vorzeigestück aus dem dylanschen Katalog mit Hunderten von Songs.

Die Tour geht weiter

Für die Zugabe kommen alle auf die Bühne und wünschen dem Dichterfürsten gemeinsam ewige Jugend. Recht haben sie: Wir brauchen die Stimme des andern Amerika gerade jetzt. Was wohl der Philosophieprofessor vom 1901. Tribut gehalten hat? Leider ist er verschwunden. Vielleicht ans nächste Konzert von Dylans «Never Ending Tour».

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