«Es ist nur der Hügel, der uns trennt»

Trachselwald

Mit Kathrin Scheidegger ist nach 70 Jahren wieder einmal jemand aus dem Dorf an der Spitze der Exekutive. Obwohl kein Widerstand aus Heimisbach zu hören ist, hat sie ein turbulentes erstes Jahr hinter sich.

Seit einem Jahr Gemeindepräsidentin: Kathrin Scheidegger wohnt in einem imposanten Bauernhaus, das auch irgendwie das Herzstück des Dorfes ist.

Seit einem Jahr Gemeindepräsidentin: Kathrin Scheidegger wohnt in einem imposanten Bauernhaus, das auch irgendwie das Herzstück des Dorfes ist.

(Bild: Thomas Peter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Es ist eine eigentümliche Gemeinde, deren Geschicke Kathrin Scheidegger da seit einem Jahr zu lenken hat. Trachselwald ist ein bisschen so, wie man sich das Emmental vorstellt: Hügel, Wälder und Bauernhöfe. 968 Menschen leben hier zwischen Sumiswald und Langnau.

Rund 70 Landwirtschaftsbetriebe versuchen an diesen steilen Hängen über die Runden zu kommen.Eigentümlich ist, dass das Dorf, das der Gemeinde den Namen gibt, lediglich aus rund 40 Haushalten besteht und durch einen Hügel, den Kirchberg, und Sumiswald und Lützelflüh vom Rest des Gemeindegebiets abgetrennt wird. Dieser Rest nennt sich Heimisbach und ist jene Talschaft, die bis vor 50 Jahren noch Dürrgraben hiess und zu Ehren des Mundartschriftstellers Simon Gfeller umbenannt wurde.

Nach dem Vater die Tochter

Das heisst, es sind also vor allem die Heimisbächler, die in der ­Gemeinde Trachselwald wohnen und das Leben hier prägen und geprägt haben. Ein Blick zurück zeigt das: 15 Gemeindepräsidenten hat Trachselwald in den letzten 100 Jahren gehabt. 13 Männer und 2 Frauen. Bis zum heutigen Tag waren es nur 3 Gemeindepräsidenten, die aus dem Ort Trachselwald selber kamen. Der letzte war Alfred Fankhauser. Er war von 1945 bis 1948 im Amt. Er, der Vater von Kathrin Scheidegger, verstarb 1979. Da war sie 15 Jahre alt.

Mit ihr sitzt also nach 70 Jahren wieder jemand aus dem Dorf an der Spitze der Exekutive. Kathrin Scheidegger will aber nichts von möglichen Mentalitätsunterschieden oder unterschwelligen Konflikten wissen. «Ich hatte ­immer einen Bezug zum gesamten Gemeindegebiet», sagt sie. Schliesslich stamme auch ihr Mann aus Heimisbach. «Es ist nur der Hügel, der uns trennt.» Dadurch, dass das Dorf vom Rest abgetrennt sei, fehle vielleicht die Verbundenheit. Das habe aber keinen Einfluss auf ihre Arbeit. «Was die Menschen angeht, so ­sehe ich keine Unterschiede zwischen Trachselwald oder Hei­misbach.»

«Ich hatte immer einen Bezug  zum gesamten  Gemeindegebiet.»Kathrin Scheidegger

Mit der Wahl zur Gemeindepräsidentin ist Kathrin Scheidegger nun ganz in die Fussstapfen ihres Vaters getreten. Das brauchte aber seine Zeit. Nach der Ausbildung zur Hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin und «Lehr- und Wanderjahren» ist sie 1991 zurück nach Trachselwald gekommen und hat mit ihrem Mann den Hof der Eltern übernommen. Das imposante Bauernhaus mit dem schönen Garten und 24 Hektaren Land ist das Herzstück dieses Dorfes. Vom Garten aus ist das Schloss zu sehen.

«Recht happig»

Kathrin Scheidegger ist 54 Jahre alt und hat 4 Söhne. Vor 4 Jahren hat sich die Familie dazu entschieden, sich nur noch auf den Ackerbau und die Pferdepension zu konzentrieren. Nebenher arbeitet Scheidegger zu 40 Prozent bei den Organisationen der Arbeitswelt (ODA Hauswirtschaft Bern).

Die Lust an der Politik wurde ihr in die Wiege gelegt. Auch ­Mutter Fankhauser war Gemeinderätin, und der Vater war zudem Grossrat. Doch erst als die eigenen Kinder gross waren, hatte Kathrin Scheidegger Zeit, sich der Politik zuzuwenden. 2011 wurde sie Gemeinderätin. 2014 kandidierte sie als Gemeindepräsidentin. Geklappt hat es erst, als 2016 Christian Kopp, ein Mann aus Heimisbach, nach 11 Jahren den Hut nahm. Recht happig sei ihr erstes Jahr im Amt gewesen, sagt sie.

Zum einen, weil ihr Ehrgeiz, über alles Bescheid wissen zu wollen, ihr mehr abverlangte, als sie sich vorgestellt hatte. Zum andern, weil nicht alles so reibungslos lief. Das hatte vor allem einen Grund: der Verein Trachselwald.info. Die Gruppierung rund um den Heimisbächler Christoph Gasser hat die Politlandschaft aufgemischt, indem sie selber gedruckte Botschaften verschickte, mobilisierte und so etwa den Verkauf des Schulhauses Thal verhinderte oder die ­Revision des Abstimmungsreglements bachab schickte. Zuletzt sorgte Trachselwald.info dafür, dass bei der Revision des Orga­nisationsreglements an der Gemeindeversammlung über jeden der 80 Artikel einzeln abgestimmt werden musste.

Den Apparat entschlacken

Aber solches vermag Kathrin Scheidegger nicht aus der Ruhe zu bringen. «Was der Bürger an der Gemeindeversammlung entscheidet, ist für mich immer in Ordnung», sagt sie bestimmt. «Das ist Demokratie.» Und beruhigt kann Scheidegger ohnehin sein. Jetzt weiss sie, dass die Bevölkerung voll und ganz hinter dem neuen Reglement steht. Dazu kommt, dass sie in vielem bekommen hat, was sie wollte. So besteht etwa der Gemeinderat neu aus 5 statt 7 Mitgliedern. Und die Sitzungen finden weniger häufig statt. Ihrem Ziel, den Apparat zu entschlacken, ist sie näher gekommen.

Auch heuer hat sie viel vor. So steht etwa die Ortsplanungsrevision an. Sie tritt für die BDP bei den Grossratswahlen an. Und: Sie will ab 2019 das erste Mal in der Gemeindegeschichte überhaupt eine Legislatur einführen, um ­dadurch mehr Beständigkeit in den Gemeinderat und die Kommissionen zu bringen. Nächsten Herbst gibt es deshalb Gesamterneuerungswahlen.

Es ist viel los in Trachselwald. Aber nicht nur politisch. 2018 gibt es auch viel zu feiern: 50 Jahre Heimisbach und 150 Jahre ­Simon Gfeller. Der Veranstaltungskalender ist schon prall gefüllt. Und Scheideggers Agenda auch.

Berner Zeitung

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