Es ging um Leben und Tod

Dutzendfach sind sie in der Region zu erkennen, doch die wenigsten wissen, was sie sind und welche Funktion die Erdwerke hatten. In akribischer Arbeit hat Heinz J. Moll die Refugien aus der Zeit der Kelten in zwei ­Büchern zusammengetragen.

Heinz J. Moll und der Tschogge: Das Heimiswiler  Erdwerk befand sich einst an der Stelle, wo heute der Baum wächst. Geschützt wurde es von Palisaden, die auf Terrassen rund um den Hügel aufgebaut waren.

Heinz J. Moll und der Tschogge: Das Heimiswiler Erdwerk befand sich einst an der Stelle, wo heute der Baum wächst. Geschützt wurde es von Palisaden, die auf Terrassen rund um den Hügel aufgebaut waren. Bild: Thomas Peter

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Wenn Heinz J. Moll mit dem Auto über Land fährt, dann hat er nicht nur die Strasse im Blick, sondern auch markante Geländeerhebungen – zum Beispiel am südlichen Dorfeingang von Heimiswil. Beim Weiler Kipf, just beim Stöckli rechts der Strasse, geht der Blick hinauf zu einer Kuppe, auf welcher einsam ein Baum steht.

Doch für den 59-jährigen Apotheker ist nicht der Baum das Objekt der Begierde, sondern der Hügel. Was den Mann so ins Schwärmen bringt, ist die einstige Funktion dieser markanten Erhebung.

Der sogenannte Tschogge, dessen höchster Punkt 655 Meter über Meer liegt, diente wahrscheinlich schon zur Zeit der Kelten, eventuell auch noch später, als Refugium für Frauen und Kinder, wenn sie an Leib und Leben bedroht waren. Geschützt wurde der Rückzugsort, ein sogenanntes Erdwerk, durch hölzerne Palisaden. Diese waren auf mehreren rund um den Hügel verlaufenden Terrassen im Boden verankert. Wann und wie lange die Anlage genutzt wurde, kann Moll nicht exakt datieren.

«Interessant wäre, wenn man mit einer Zeitmaschine 1000 Jahre zurückgehen könnte, um zu sehen, wie das Leben effektiv war.»Heinz J. Moll

Die meisten Erdwerke, die er im Kanton Bern dokumentiert und in zwei Büchern beschrieben hat, wurden wahrscheinlich schon von den Kelten im Zeitraum von 500 vor bis 400 nach Christus erbaut. Allerdings dürften sie zu einem grossen Teil auch im Früh- und Hochmittelalter, also bis vor etwa 1000 Jahren, als Refugium gedient haben.

Im «Historischen Lexikon der Schweiz» heisst es dazu: «Im Hochmittelalter existierte ein Erdwerk im Tschoggen.» Moll hofft deshalb, dass das Thema Erdwerke von Historikern und Archäologen noch vertieft erforscht werden wird.

Schutz für Familien

Folgt man der Strasse weiter in Richtung Kaltacker, erkennt man kurz vor der Bushaltestelle Rumistal links oben einen markanten Vorsprung. Dies allerdings nur in den Wintermonaten, wenn nicht die Blätter der Bäume die Sicht auf das Gelände beeinträchtigen.

In der «Burgenkarte der Schweiz» heisst es dazu: «Talwärts vorspringender Sporn von 40 Meter Höhe; Abschnittsbefestigungen nicht mehr erkennbar. Burgplatz mit neuem Landwirtschaftsbau überdeckt.» Schlössli heisst der Flurname dieses Ortes, an welchem unsere Vorfahren vor weit mehr als 1000 Jahren ein Erdwerk errichtet haben.

Wenn Hobbyforscher Moll einen Ort wie das Schlössli besucht, kommt er fast ins Schwärmen. Selbst wenn heute ein Haus an jenem Platz steht, kann er sich sehr gut vorstellen, wie es damals ausgesehen haben muss.

«Damals wurden nur relativ archaische Waffen eingesetzt.»Heinz J. Moll

Von drei Seiten her war das exponiert gelegene Erdwerk geschützt. Und dort, wo man einen guten Zugang zum Zufluchtsort gehabt hätte, «wurde ein Graben ausgehoben, den man zum Beispiel mit einer Ziehbrücke überwinden konnte». Der Aushub wurde dann dazu genutzt, die Palisade zu erhöhen.

Die Vorstellung, was vor 1000 und mehr Jahren an diesen Orten passierte, ist das, was den zweifachen Familienvater an seinem Hobby fasziniert: «Familien und Sippen flüchteten vor einer Gefahr und versuchten, sich zu verteidigen – es ging um Leben und Tod.» Interessant wäre, sinniert Moll, «wenn man mit einer Zeitmaschine 1000 Jahre zurückgehen könnte, um zu sehen, wie das Leben effektiv war».

Nur archaische Waffen

Bleibt die Frage: Waren die von Palisaden geschützten Werke die einzige Möglichkeit, sich gegen Feinde zu wehren? «Nein», erklärt Moll, «aber es wurden nur relativ archaische Waffen eingesetzt.» Einfache Wurfgeschosse wie Steine und Speere sowie Pfeilbögen.

Spätestens um 1000 nach Christus seien auch Armbrüste dazugekommen. Zuvor waren solche erwiesenermassen schon längere Zeit durch die Römer angewandt worden. Die Art der Bewaffnung habe über eine längere Zeit stagniert, sagt Moll.

Ein rotes Häuschen steht heute dort, wo früher im Schlössli in Heimiswil ein Graben vor Eindringlingen schützte. Bild: Thomas Peter

Ein Glück sei, dass man dort, wo einst Erdwerke standen, oft aus Eisen gegossene Pfeilspitzen gefunden habe, «die man zeitlich relativ klar zuordnen konnte»: keltisch, römisch oder aus dem Frühmittelalter. Zu den Angreifern gehörten zuerst andere keltische Stämme, später waren es die Burgunder, danach die Alemannen.

Schriftwerk statt Schaufel

Doch warum verwenden die ­Heimiswiler den Flurnamen Schlössli, wenn sich dort einst nur ein einfacher Zufluchtsort befand? Heinz Moll sagt, es sei durchaus möglich, dass an diesem strategisch ideal gelegenen Punkt einmal eine befestigte Anlage, eine Burg, gestanden habe. Historisch belegt ist dies allerdings nicht.

Eine Grabung könnte mehr Aufschluss geben. Doch Moll mahnt: «Für archäologische Schutzzonen gibt es eine spezielle Gesetzgebung. Sie regelt, was man an diesen Ort tun darf und was nicht.» Will heissen: Wenn Hobbyarchäologen nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen wollen, tun sie gut daran, an einem vermuteten Burgenstandort nicht nonchalant mit einer Schaufel nach Mauerresten zu suchen.

«95 Prozent der Standorte von Erdwerken kennt man heute.»Heinz J. Moll

Moll rät, statt der Schaufel ein Schriftwerk zur Hand zu nehmen oder mithilfe der digitalisierten Bibliothek der ETH «auf relativ einfache Art» auf die bis zu 150 Jahre alte Literatur über Erdwerke zurückzugreifen.

Kaum unbekannte Standorte

Fakt ist, dass über die beiden Erdwerke Tschogge und Schlössli nur wenig bekannt ist. In anderen Gemeinden ist dies freilich anders, zum Beispiel in Langnau. Dies, weil in der Oberemmentaler Kommune bereits seit früher Zeit Hobby- und Profiarchäologen über Fundstätten berichtet haben.

«95 Prozent der Standorte von Erdwerken kennt man heute», erklärt Heinz Moll, der es sich zum Ziel gesetzt hat, sämtliche der Refugien in der Region Bern zu erfassen. In zwei Buchbänden hat er diese in akribischer Arbeit zusammengetragen.

Sollte er aber trotzdem noch unerforschte Formationen finden, die auffällig und nicht natürlich entstanden seien, «erfasse ich diese für den archäologischen Dienst, der später im Gelände abklärt, ob sich weitere Untersuchungen lohnen». (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 11:05 Uhr

Die Fundstellen

Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt Heinz J. Moll mit seinen beiden Büchern «Erdwerke in der Region Bern» nicht. In akribischer Arbeit hat er aber sämtliche Standorte, die in der Literatur dokumentiert sind, zusammengetragen. Die Texte hat er meist mit eigenen Bildern sowie Karten und 3-D-Reliefschattierungen illustriert.

Bekannt sind Fundstellen von Erdwerken und Burgen in folgenden Gemeinden:


  • Affoltern: Dolenberg: ehemalige Burg der Freiherren von Affoltern, erwähnt im 13. Jahrhundert. Lueg: schwach ausgeprägtes Erdwerk mit grossem Plateau und einem tiefen Graben, der heute durch einen Spazierweg weitgehend eingeebnet ist. Der höchste Punkt wurde im 18. und 19. Jahrhundert als Hochwacht genutzt.

  • Alchenstorf: Das Erdwerk Leschberg besteht aus einem rechteckigen, natürlichen Plateau, mit auf drei Seiten steil abfallenden Böschungen.

  • Burgdorf: Refugium mit Graben auf der Gysnauflüe.

  • Eggiwil: Schächlihubel: wahrscheinlich mittelalterliche Burgstelle – möglicherweise als Sitz der Freiherren von Eggiwil. Älterer Schweinsberg: Die Burg soll im 13./14. Jahrhundert im Besitz der Herren von Schweinsberg-Signau gewesen sein.

  • Hasle: Burghügel «Auf Heiden» mit Graben.

  • Heimiswil: Erdwerk Tschogge; Burghügel Schlössli. Hindelbank: Terrassierungen am Haselberg.

  • Krauchthal: Burgstelle Liebefels mit Graben und Sodloch, das durch die ganze Tiefe des Felsens bis in die Talsohle gebohrt wurde.

  • Langnau: Burspu (Bärau): ringförmige Wall-/Grabenanlage. Gibelwald: Erdburg mit Grabensystem. Spitzenberg (Gohlgraben): Burghügel mit Graben. ­Widerberg: Burgstelle mit ringförmigem Graben. Zwigarten: Erdburg mit Gräben, Wall und Sodbrunnen.

  • Lauperswil: Oberdorf: Das Pfarrhaus von 1624 befindet sich gemäss Überlieferung auf einem künstlich aufgeschütteten 3 bis 5 Meter hohen Hügel, der von einem Ringgraben umgeben ist. Steckhüsli: Erdburg mit Wall-/Grabenanlage.

  • Lützelflüh: Ginsberg: ovaler Burghügel mit Resten eines Ring­grabens und -walles. Kältberg: Erd-/Fliehburg auf einer Hügelkuppe mit Quergraben. Münneberg: Erdburg mit Wallgräben. Schmidsleen: Erdburg mit Wall-/Grabensystem.

  • Oberburg: Bachhole: Erdwerk mit Graben. Rothöhe: Burgstelle ohne Überreste der ehemaligen Burg. Wald­bruder/Rappenfluh: grosses Erdwerk mit Plateau sowie zwei Wällen und Gräben.

  • Rüderswil: Zwingherrenhoger: Erdburg mit Ringgraben. Schloss-Knubel: Burgstelle mit Graben. Schwanden/Fläderwal: durch einen Graben in Vor- und Hauptburg gegliederte Anlage. Doggelbrunnen: Erdwerk mit Gräben.

  • Signau: Aegerte/Riedburg: Erdburg mit Graben-/Wallsystem. Frauets: Erdwerk mit Graben-/Wallsystem. Reckenberg: Erdburg mit einstiger Wall-/Grabenanlage. Der jüngere Schweinsberg: Burgstelle mit gebogenem, doppeltem Wall-/Grabensystem. Weichelgrabe: Erdwerk auf Felssporn mit Graben.

  • Sumiswald: Bärhegechnübeli: Erdburg mit Vor- und Haupthügel sowie Gräben. Burgbüel: Ehemalige Burg der Freiherren von Sumiswald.

  • Trachselwald: Hopfere: Erdburg mit Ringgraben. Schlosschnubel: Burghügel mit Wall-/Grabensystem.

  • Wynigen: Friesenberg: Erdwerk mit Wall-/Grabensystem. Heidenstatt: Hochplateau mit Wallgraben. Schwanden: Burghügel.

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