Burgdorf

Er wünscht sich etwas mehr Pepp

Burgdorf Hitzige Debatten würde Stadtratspräsident Yves Aeschbacher lieber im Parlament als in den sozialen Medien austragen. Gestern Abend leitete der 35-jährige SP-Mann zum ersten Mal die Ratssitzung.

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Er musste zuerst die Welt und die Schweiz entdecken, um dann zum Schluss zu kommen: «Burgdorf ist meine Heimat.» Dabei wohnt Yves Aeschbacher erst seit zwölf Jahren in der Zähringerstadt.

Geboren in Bern, wo er die ersten drei Lebensjahre verbrachte, schipperte er danach mit seinen Eltern auf einem Boot durch das Mittelmeer. Sein Vater, gelernter Maurer, hatte das Schiff konstruiert. «Er hat es aus Stahlbeton selbst gebaut – zwölf Meter lang und zwölf Tonnen schwer, aber es schwamm», betont der 35-Jährige heute, als würde man an seiner Aussage zweifeln.

Zurück in Bern, brach die Familie ihre Zelte schon bald wieder ab, zog nach Worblaufen, darauf nach Bäriswil, Schwarzenburg und Jegenstorf. Während seiner Ausbildung zum Pflegefachmann wohnte Yves Aeschbacher in Biel. 2004 zog er nach Burgdorf, wo einst seine Grossmutter lebte. Gestern Abend präsidierte er zum ersten Mal den Stadtrat der 16 000 Einwohner zählenden Kommune im Emmental.

Stolz ist das falsche Wort

Ist der Sozialdemokrat Yves Aeschbacher stolz, den 40 Mitglieder zählenden Stadtrat zu präsidieren und damit quasi höchster Burgdorfer zu sein? «Das ist schwer zu sagen: Ganz sicher habe ich Freude, dieses Amt auszuüben.»

Stolz sei für ihn das falsche Wort. Stolz könne er sein, wenn er etwas selbst erarbeitet oder entscheidend dazu beigetragen habe. Beim Stadtratspräsidium sei dies nicht der Fall gewesen: «Es gab Leute in der SP, die mich als jungen Politiker in dieser Position gesehen haben.»

Zugesagt habe er aber nicht sofort, denn es gebe etliche Stadtratsmitglieder in seiner Partei, die weit mehr politische Erfahrung hätten als er und das Präsidium quasi als Abschiedsgeschenk ebenso verdient hätten – «doch die Partei entschied sich für mich».

Dass Yves Aeschbacher der SP angehört, ist kein Zufall. Bei seiner früheren Arbeit in der Pflege habe er viele menschliche Schicksale erlebt, die letztlich mit ein Grund waren, sich politisch für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft einsetzen zu wollen: «Den grössten gemeinsamen Nenner habe ich mit der SP. In dieser Partei fühle ich mich sehr wohl.»

Natürlich gebe es Themen, die er mit seiner Partei kontrovers diskutiere, gerade mit der gewerkschaftlichen Seite. Wenn Gewerkschaften versuchten, sich wie Wirtschaftszweige zu etablieren, beziehungsweise mit allen Mitteln Mitglieder werben, «kann ich das nicht akzeptieren».

Eine Gewerkschaft sei wichtig, aber auch eine funktionierende Wirtschaft sei nötig. «Weil es beide Seiten braucht, darf die Kompromissbereitschaft nicht ins Hintertreffen geraten», betont der verheiratete Vater von zwei Kindern im Vorschulalter und ergänzt: «Ich begrüsse es, wenn die Vertreter von Wirtschaft und Gewerkschaft sich nach einem harten Fight die Hand geben.»

Respekt zwischen Fraktionen

Dieses Verbindende ist es denn auch, das Aeschbacher als Stadtratspräsident pflegen will: «Der Respekt zwischen den Fraktionsmitgliedern muss gewahrt werden. So, dass man nach den Stadtratssitzungen zusammen gerne noch etwas trinken geht.» Den Status quo wolle er unbedingt erhalten, «das ist die Qualität des Burgdorfer Parlaments».

Wünschen würde er sich aber manchmal etwas hitzigere Debatten, und auch, dass diese vermehrt im Ratssaal und weniger vor und nach den Sitzungen in den sozialen Medien geführt würden. «Wobei mir natürlich schon klar ist, dass man via Facebook und Twitter mehr Leute erreicht», weiss der Produktmanager einer im Gesundheitswesen tätigen Firma.

Noch etwas würde sich Yves Aeschbacher wünschen – nämlich, «dass die Sitzungen des Stadtrats von interessierten Bürgerinnen und Bürgern besser besucht werden». Denn selbst wenn die Debatten im Stadtparlament meist von Harmonie geprägt sind, kann es ab und an zu einem Schlagabtausch zwischen den Bürgerlichen und den politisch Linken kommen.

So geschehen im November des letzten Jahres. Unterstützt von den bürgerlichen Partnern stellte die SVP bei der Budgetberatung den Antrag, dem Stadtparlament die Lohnmassnahmen für gute Leistungen von 1,5 auf 0,5 Prozent zu kürzen. Yves Aeschbacher gehörte zu den Gegnern des SVP-Begehrens: «Ich fand es zynisch, dass sich alle Votanten für die gute Arbeit der Stadtangestellten bedankt, dann aber zur Kürzung der Lohnmassnahmen Ja gesagt haben.

Mit einer konstruktiven Art hatte der bürgerliche Antrag nichts zu tun.» Für ihn ist klar, dass es bei dieser Aktion nicht um einen realen, sondern um einen politischen Effekt gegangen sei. Trotzdem steht für Aeschbacher fest, dass die politische Kultur im Stadtrat gut ist. Meist beschliesse das Parlament konstruktive und faire Lösungen.

Engagement ist nötig

Wenn Yves Aeschbacher zum Gemeindesaal im Kirchbühl, dem Tagungsort des Stadtrates, schreitet, ist er in einer jener Gegenden, die er zu seinen Lieblingsorten zählt: «In der Oberstadt bin ich nicht nur gerne, wenn Nachtmärit ist, sondern auch wegen des Schlosses und der Brüder-Schnell-Terrasse, die zum Verweilen und zu Aktivitäten einladen.»

Zudem geniesse er das Flair der Geschäfte, die sich dort durchbeissen würden. Aber auch die Schützenmatt «zum ‹Äntelifuetere› mit den Kindern oder der Spielplatz beim Ententeich» gehören für Aeschbacher zu den schönsten Orten seiner Stadt. Nicht zu vergessen die Localnet-Arena in den Wintermonaten: «Dank Stadtratskollege Urs Gnehm spiele ich mit Begeisterung bei den Localnet-Kings Eishockey.»

Und welches ist Aeschbachers Lieblingsort weltweit? «In der Ferne wäre es sicher Neuseeland, wo unsere Familie Verwandte hat. Das Land ähnelt etwas der Schweiz und hat eine offene Kultur mit hilfsbereiten Menschen.» Doch in die Ferne zieht es ihn derzeit nicht. Er sei viel und weit herumgekommen, «aber Burgdorf ist der Ort, wo ich mich daheim fühle».

Das Gesamtbild auch mit den Menschen vieler Nationen, «die friedlich miteinander leben und funktionieren», würden das Wesen der Stadt ausmachen, ist Aeschbacher auch als Vorstandsmitglied des Quartiervereins Ämmebrügg überzeugt: «Wir dürfen dankbar sein, dass wir in dieser Stadt leben können». Aber der Primus inter Pares des 40-köpfigen Stadtrats sagt auch: «Um das Erreichte zu erhalten, braucht es Engagement.»

Die Stadt vorwärtsbringen

Diesen Einsatz will Aeschbacher als Bürger leisten, speziell in seinem Präsidialjahr. Was möchte er am Ende seiner einjährigen Amtszeit als Parlamentspräsident sagen können? «Dank konstruktiven, sachlichen Debatten konnten wir Geschäfte beschliessen, die Burgdorf als Stadt vorwärtsbringen. So, dass für unsere Bevölkerung, die Schule und die Wirtschaft gute Bedingungen geschaffen wurden.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2016, 08:43 Uhr

Stadtratssitzung

Den Projektierungskredit von 315'000 Franken für den neuen Bushof beim Bahnhof Burgdorf hat der Stadtrat gestern Abend mit 36 zu 0 Stimmen gutgeheissen. Das klare Ja resultierte allerdings nur, weil das Parlament zuvor einem Ergänzungsantrag der Grünliberalen (GLP) zugestimmt hatte. Dieser verlangt, dass eine Art runder Tisch eingesetzt wird, der die Projektgruppe begleitet. Die bürgerlichen Parteien hatten moniert, bei der Planung seien die Bedürfnisse der Autofahrer auf der Strecke geblieben.

Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch (SP) widersetzte sich dem Ergänzungsantrag der GLP nicht. Für sie ist der 6,6 Millionen Franken teure Bau des neuen Bushofs sowie die Sanierung von Bahnhofplatz und Bahnhof­strasse Nord «ein weiteres Schlüsselprojekt», wie sie gestern im Stadtrat betonte. Zäch sprach gar von einer Visitenkarte für die Stadt.

Dank Beiträgen von Bund und Kanton dürften Burgdorf Kosten von weniger als 2 Millionen Franken entstehen, wobei dieser Betrag dem Parkplatzfonds belastet werden soll. Ende 2016 soll der Stadtrat den Baukredit bewilligen. Mit dem Bau könnte 2018 gestartet werden.ue

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