Ersigen

Er hat die Nepalesen überzeugt

ErsigenReto Gerber aus Ersigen leitet für eine Schweizer Organisation in Nepal ein Projekt zum Bau neuer Häuser. Das Ziel des Architekten ist es, der ­Bevölkerung ein Leben wie vor dem schweren Erdbeben im April 2015 zu ermöglichen.

Urlaub in der Heimat: Reto Gerber zu Besuch in Burgdorf, wo er am Tech Architektur studiert hat.

Urlaub in der Heimat: Reto Gerber zu Besuch in Burgdorf, wo er am Tech Architektur studiert hat. Bild: Olaf Nörrenberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was sich in Nepal am 25. April und am 12. Mai 2015 ereignete, hat bis heute Einfluss auf das ­Leben der dortigen Bevölkerung: Schwere Erdbeben haben grosse Teile der Infrastruktur zerstört. Laut der nepalesischen Regierung sind über 8000 Menschen den Beben zum Opfer gefallen. Zahlreiche Hilfsorganisationen und Fachleute unterstützen die betroffenen Familien beim Wiederaufbau – so auch Reto Gerber.

Erdbebensicher

Der 38-Jährige, der in Ersigen aufgewachsen ist und in Burgdorf Architektur studiert hat, leitet in Nepal ein Wiederaufbauteam für die Schweizer Organisation Solidar Suisse (siehe Kasten). Im Melamchi-Tal werden Häuser gebaut sowie Wasserleitungen für Haushalte und Bewässerungs­kanäle für die Landwirtschaft erstellt. «Wir helfen, sodass die Bevölkerung wieder ihr früheres Leben führen und unter sicheren Bedingungen wohnen kann», erklärt Gerber. Es würden jetzt erdbebensichere Häuser gebaut.

Er arbeitet mit einem Team von etwa 70 Einheimischen in einer nordöstlich der Hauptstadt Kathmandu gelegenen Region. Die Hausbesitzer sind für den Wiederaufbau selbst zuständig und werden durch das Projektteam instruiert und assistiert. Gebaut werde mit lokal erhältlichen Materialien wie Holz und Steinen. Dies habe zur Folge, dass auch die örtliche Wirtschaft vom Wiederaufbau profitiere, sagt Gerber.

Betonbauten hielten

Allerdings mussten er und sein Team die Bevölkerung zuerst davon überzeugen, wieder Steinhäuser zu errichten. «Verständlicherweise hatten die Nepalesen anfänglich grosse Bedenken, wieder Steinhäuser zu bauen, die unter dem Beben zusammen­gefallen sind», so Gerber. «Da einige Betonbauten dem Erdbeben standhielten, wurde dies als einzig sicheres Baumaterial empfunden.» Sein Team konnte die lokale Bevölkerung jedoch überzeugen, dass es um die richtige Technik und die Anwendung erdbebensicherer Elemente geht.

«Der Transport von grossen Mengen an Beton wäre in die abgelegenen und unwegsamen Gebiete der Projektregion äusserst anspruchsvoll und gefährlich gewesen.» Gerber erklärt kurz die nun angewandte Baumethode: «Holzbänder machen die Häuser resistenter gegen Schwingungen der Erde und tragen zur Stabilität bei.» Abgesehen von den Zweifeln am Baumaterial sei die ausländische Hilfe jedoch gut aufgenommen worden. Nun werden laut Gerber einfache Häuser aus Naturstein und Holz erstellt. «Wir leisten vor allem technische und finanzielle Unterstützung.»

Der Wiederaufbau kommt voran, bisher sind 250 von insgesamt 780 Häusern für ebenso viele Familien erstellt worden. 100 weitere sind derzeit im Bau. Dazu werden auch Wasserleitungen für 2500 Haushalte verlegt. Die Finanzierung der Häuser ist laut Gerber kompliziert. Die Regierung kontrolliert, ob die Bestimmungen und Vorschriften bei den einzelnen Bauetappen eingehalten werden, und erteilt die Erlaubnis für die Überweisung der festgelegten Beträge an die Familien. «Wir haben bewusst Familien ausgewählt, die es wahrscheinlich nicht schaffen würden, beim Bau die Qualität zu erreichen, die von den Ingenieuren der Regierung verlangt wird. Und dadurch hätten sie den Zugang zu den Geldern für den Wiederaufbau nicht», erklärt der Architekt.

1500 Meter Höhendifferenz

Gerber lebt seit März 2016 in Kathmandu sowie in Melamchi. Das Dorf sei der Eingang zu jenem Tal, das am stärksten von der Zerstörung durch das Beben betroffen war, sagt er. Die höchst­gelegenen Häuser, die wieder aufgebaut würden, lägen auf über 2500 Metern über Meer. Die Distanzen im Tal sind nicht sehr weit, aber die Höhendifferenz von über 1500 Metern hat es in sich, was seine Arbeit auch physisch anspruchsvoll macht. Denn Strassen gebe es nur wenige, oder sie seien während der Regenzeit nicht befahrbar, weshalb die Strecken zu Fuss zurückgelegt werden müssten.

Aus Holz und Naturstein bauen Nepalesen ihre neuen Unterkünfte. Bild: zvg / Michael Haug

Schon in Haiti und Sri Lanka

Gerber leistet nicht zum ersten Mal Wiederaufbauhilfe. Für ähnliche Projekte arbeitete er bereits in Haiti und in Sri Lanka. In Haiti war er nach dem Erdbeben von 2010 etwas mehr als ein Jahr stationiert, in Sri Lanka nach dem Ende des Bürgerkriegs für zweieinhalb Jahre. Für Auslandeinsätze begann er sich zu interessieren, als er im Rahmen eines internationalen Workshops, an dem sich das Tech Burgdorf beteiligte, nach Indien reisen konnte. «Das Land und dessen Städte mit ihren Herausforderungen haben mich fasziniert», so Gerber. Doch weil es für die Arbeit an Wiederaufbauprojekten auch die nötige Berufserfahrung brauche, habe er zuerst sechs Jahre in der Schweiz als Architekt gearbeitet. Erst dann habe er sich für seinen ersten Einsatz beworben.

Wichtig sei in seinem Job, Empathie zu zeigen. «Aber die Betroffenheit darf nicht so weit gehen, dass sie bei der Arbeit zur Belastung wird.» Motivation gebe ihm die Zuversicht der Bevölkerung, die dank des Häuserbaus wieder an eine Zukunft glaube. Das Projekt soll zudem nachhaltig sein, indem auch künftige Generationen davon profitieren. Gerber ist überzeugt, dass das technische Know-how zu erdbebensicherem Bauen und die Einbindung der lokalen Bevölkerung die Nachhaltigkeit des Wiederaufbaus sicherstellen.

Herzensangelegenheit

Als grösste Herausforderung für seine Arbeit bezeichnet Gerber die politische Lage im Land. Nepal sei politisch wenig stabil, und die Regierung wechsle häufig, sagt er. «Kurz nach dem Erdbeben gab es zum Beispiel wegen Unruhen eine Blockade an der Grenze zu Indien. Dadurch waren kein Benzin und Gas mehr erhältlich.» Das habe grosse Auswirkungen auf das Land und somit auch auf den Wiederaufbau gehabt.

«Mir ist das Projekt ans Herz gewachsen», sagt Gerber, der sich diesen Monat ferienhalber in der Schweiz aufhält. Gern würde er die Arbeiten bis zum Schluss begleiten, womit er noch ein bis zwei Jahre in Nepal bleiben dürfte. Was danach kommt, weiss er derzeit noch nicht. Er kann sich aber gut vorstellen, weiterhin humanitäre Hilfe zu leisten. Es mag zynisch klingen, aber seine Zukunft hängt auch davon ab, wo in den kommenden Jahren Wiederaufbauhilfe gefragt sein wird.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2017, 06:20 Uhr

Artikel zum Thema

Handeln statt reden

Die Rettung eines Dorfes in Nepal, Notfallchirurgie in Äthiopien, Hilfe für Flüchtlinge im Balkan: Die Protagonisten der neuen «DOK»-Serie «Die Weltverbesserer» packen mit an. Mehr...

Mit dem Velo raus aus dem Elend

Thun Manuel Scheidegger ist leidenschaftlicher Mountainbiker. Mit einem Weltrekord sammelte er 35 000 Franken, die er an zwei Hilfsprojekte in Nepal überwies. Eines davon unterstützt Strassenkinder, etwa mit regelmässigen Bike-Touren. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Foodblog Insekten-Dinner im Werkhof

Serienjunkie Pferdestarke Frauen

Service

Die Welt in Bildern

Ganz schön hart: Zwei Männer trainieren am Strand von Vina del Mar in Chile (19. September 2017).
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...