Burgdorf

Er gibt Unsichtbarem ein Gesicht

BurgdorfEin HI-Virus aus Legosteinen, molekulare Landschaften, die ebenso künstlerisch wie wissenschaftlich sind: ­Samuel Hertig hat sich auf die Fahne geschrieben, die kleinsten Dinge für das menschliche Auge sichtbar zu machen.

Samuel Hertig.

Samuel Hertig. Bild: Thomas Peter

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Wo endet die manchmal spröde, rationelle Wissenschaft? Und wo beginnt die freie, schöne Kunst? Diese Fragen sind häufig nicht so genau zu beantworten. Auch Samuel Hertig kennt die Trennlinie nicht genau. Dabei ist er einer, der sich in dieser Grauzone bewegt. Denn er hat die kleinsten Teile des Körpers erforscht, Proteine zum Beispiel, und hat die Bewegungen von Atomen studiert. «Der Mensch ist gefüllt mit molekularen Maschinen, da passiert so viel, aber niemand sieht es.»

Deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, diese Welten zu zeigen, sie so darzustellen, dass sie für das blosse Auge sicht- und damit auch begreifbar werden. Seine Visualisierungen sollen helfen, zum Beispiel komplizierte chemische Abläufe auf wissenschaftlichen Postern verständlich abzubilden.

Oder sie sollen es Interessierten erlauben, 3-D-Modelle von Bakterien und Viren am Bildschirm mit der Maus beliebig zu drehen und zu wenden. So, dass nicht nur der Verstand, sondern auch das Auge etwas davon hat.

Dieses Protein heisst «Gag». Allerdings ist es alles andere als lustig: Es ist ein wichtiger Bestandteil des HI-Virus (Ausschnitt aus einem wissenschaftlichen Poster von Samuel Hertig).

Viel Zeit für das Optische

Der 33-jährige Hertig wuchs in Burgdorf auf und besuchte dort das Gymnasium mit Schwerpunkt Biologie und Chemie. Danach folgte ein Physik­studium an der Uni Bern: «Ich wählte eine Richtung aus, die eine möglichst grosse Breite an naturwissenschaftlichen Grundlagen vermittelt. Ich dachte, mit Physik mache ich nichts verkehrt.» Das Fach habe ihn dann auch interessiert, wenngleich er nicht «Feuer und Flamme» dafür gewesen sei. «Ich vermisste die Biologie und die Chemie, insbesondere die Proteine, die Bausteine des Lebens.»

Und so liess er sich an der ETH Zürich im Bereich Bioinformatik zum Doktor ausbilden. Dabei beschäftigte er sich mit genau jenen Proteinen. Er untersuchte, wie es den im Volksmund Spitalkäfer genannten Bakterien gelingt, an den Wirt anzudocken, also sich im Menschen einzunisten. Dabei habe er gemerkt, dass er es liebte, an den Grafiken «herumzudökterlen». «Ich habe übertrieben viel Zeit darauf verwendet.» Zum Glück habe seine Doktoratsbetreuerin ihn dabei unterstützt.

Publikumspreis an Konferenz

Danach stellte sich die Frage: Wie weiter? Einige Dinge waren Samuel Hertig klar: Er mochte seit je das Programmieren. Er wollte im akademischen Betrieb bleiben, aber stärker an der Schnittstelle von Design und Forschung arbeiten. Und: «Ich wollte ins Ausland.»

Mit Geldern des Schweizerischen Nationalfonds konnte er 2013 an der University of California in San Francisco seine Forschungen fort­setzen. Dort verbesserte er eine Software für die molekulare Visualisierung – er erstellte also ein Programm, das hilft, die kleinsten Teile für das menschliche ­Auge sichtbar darzustellen. Nach einem Wechsel an die Stanford University, die ebenfalls im Grossraum San Francisco liegt, kehrte er Ende letzten Jahres in die Schweiz zurück.

Sein Fazit: «Ich merkte in den Vereinigten Staaten, dass mein Herz weniger für die Biologie an sich schlägt, als vielmehr dafür, wie ich die komplexe Materie darstellen kann.»

Farbig und spektakulär: So sehen die von Samuel Hertig geschaffenen molekularen Landschaften aus. Bild: Thomas Peter

Das Feedback, das er aus Wissenschaftskreisen erhielt, bestärkten ihn in seinen Ambitionen. Letztes Jahr beispielsweise gewann er mit einem Poster an einer Konferenz über die Visualisierung von biologischen Daten in Boston den Publikumspreis. «Darauf bin ich schon ein bisschen stolz», sagt Hertig, schliesslich seien immerhin zweihundert Werke zur Auswahl gestanden.

Dieses wissenschaftliche Plakat hat Hertig 2011 erstellt. Es wurde am User-Day des Swiss Center for Scientific Computing als bestes Plakat ausgezeichnet. zvg

Durchschnitt im Zeichnen

Nun aber hat der Burgdorfer die Forschung hinter sich. Er hat sich im Januar als wissenschaftlicher Grafiker und Programmierer selbstständig gemacht. Und er hat bereits einiges zu tun.

Zum Beispiel wurde er von einem alten Burgdorfer Weggefährten, der mittlerweile Chef einer IT-Firma ist, damit beauftragt, interaktive Visualisierungen für Webseiten zu erstellen. Zuvor schon konnte er für die EPFL in Lausanne einige kleinere Infografiken erstellen.

Und auch aus den USA sind schon Aufträge eingegangen. Da seine Freundin dort studiert, lässt sich Geschäft und Privates gut verbinden. Wobei: Einer wie Hertig, dessen einziges Arbeitsmittel der Computer ist, könnte theoretisch von überall arbeiten. Eines seiner Ziele ist es jetzt, seinen Kundenstamm zu vergrössern: «Ich möchte ein bisschen aus der akademischen Ecke rauskommen und vermehrt interaktive Sachen im Web ­machen.»

Dem Künstlerischen ist Samuel Hertig nicht nur beruflich, sondern seit je auch privat zugewandt: Er fotografiert gerne und hat in diversen Bands Bass gespielt. Ein Video auf seiner Website lässt vermuten, dass er auch ohne Computer kreativ sein kann: Aus Unmengen von Legosteinen bastelte er ein Modell eines HI-Virus, das im Blutplasma schwimmt. Am Ende zerschmettert ein Hammer das Virus, die Legos bersten.

Video: Modell eines HI-Virus Quelle: Youtube

Die Aussage ist deutlich: Hoffentlich lässt sich das Virus auch in der Realität so leicht zerschmettern wie das Legomodell. Hertig selbst aber verneint, dass er auch ohne Tastatur ein guter Gestalter sei.

Das Zeichnen jedenfalls sei ihm nicht in die Wiege gelegt worden. «Im Gymnasium reichte es meistens für eine 4,5.» Er drücke sich halt viel lieber mit dem Computer aus. «Ich bin schon ein Nerd», sagt er offen. Diese Bezeichnung wecke aber zu Unrecht negative Assoziationen. Denn: «Programmieren ist eine extrem kreative Tätigkeit.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.09.2016, 11:00 Uhr

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