Sumiswald

Entweder die Berge oder die Liebe

Sumiswald Er läuft den Napfmarathon seit der ersten Ausgabe. Paul Blaser nimmt heuer zum 30. Mal die steile, 42,195 Kilo­meter lange Strecke unter die Füsse. Die Hügel hatten es ihm immer schon angetan.

<b>Die Trainingsstrecke vor der Haustür:</b> An Paul Blasers Wohnort gibt es nur zwei Richtungen: Rauf oder runter.

Die Trainingsstrecke vor der Haustür: An Paul Blasers Wohnort gibt es nur zwei Richtungen: Rauf oder runter. Bild: Olaf Nörrenberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Paul Blaser, ein nicht allzu grosser Mann mit aufrechter Haltung und einem äusserst ruhigen Wesen, wohnt inmitten einer Emmentaler Idylle: in Sumiswald etwas unterhalb von Schonegg. Drumherum nur Hügel, nur Wälder. Während er in der Abendsonne im Garten sitzt und erzählt, bimmeln die Kuhglocken unablässig.

Der Blick geht in Richtung Westen bis an die Jurakette. Hier oben gibt es nur zwei Richtungen: rauf oder runter. Ideale Verhältnisse für einen, der Jahr für Jahr die 42,195 Kilometer des Napfmarathons unter die Füsse nimmt; das perfekte Trainingsgelände liegt also direkt vor der Haustür. Paul Blaser sagt es selber: «Wenn ich ebenen Wegs trainieren will, muss ich runter an die Emme.»

Nur «Schönwetterathlet»

Der 64-Jährige ist Bauführer bei der GLB. Zumindest noch bis nächsten Frühling, dann geht er in Pension. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Seit 34 Jahren wohnt er hier oben. Den Napfmarathon läuft er fast ebenso lang. Aber warum zum Henker tut er sich das an?

Die Antwort ist einfach: Er tut sich nichts an. Blaser ist ein Ausdauersportler. Punkt. Ein «spezifisches Individuum», wie er sagt. Sehr ehrgeizig, manchmal etwas zu sehr. Zielgerichtet. Manchmal egozentrisch. Blaser sagt: «Ei­gentlich braucht ein Ausdauersportler keine Wettkämpfe.» Aber er suche immer und überall die Herausforderung. Zumindest früher. «Heute bin ich nur noch ein Schönwetterathlet.»

Dass es früher anders war, daran ist wahrscheinlich der Nesselgraben schuld. Dort ist Paul Blaser aufgewachsen. Ebenfalls inmitten von Hängen, Wäldern und Abgeschiedenheit.

«Wenn ich ebenen Wegs trainieren will, muss ich runter an die Emme.»Paul Blaser

Irgendwann fragte sich der Junge: Was ist eigentlich hinter diesem Hügel? Und dann, was ist hinter jenem und immer so weiter, bis zur Jurakette, zu den Berner Alpen, immer weiter, Nord, Süd, West, Ost. So erklärt sich Paul Blaser heute seinen früh aufkeimenden Hunger nach den Bergen.

75 Kilometer pro Woche

Sie brachte ihn irgendwann in den Schweizer Alpen-Club in Langnau. Ab jetzt hiess es in der Freizeit nur noch: Hoch- und Skitouren, Klettern, Wanderungen. Gipfel über Gipfel.

«Die Berge, die machen süchtig», sagt er heute. Immer höher, immer weiter. Dann wurde er 20 Jahre alt, und etwas anderes brachte sein Blut in Wallung: Er lernte seine heutige Frau Greti kennen. «Ich wusste gleich, dass ich mich entscheiden musste», sagt er. «Entweder die Berge oder die Liebe.»

Bis er 28 Jahre alt war, widmete er sich seiner Rolle als Familienvater. Inzwischen mit Frau und den Kindern in Lotzwil wohnend, wurde er von Freunden angefragt, ob er nicht als Patrouillenläufer bei den Divisionsmeisterschaften mitmachen wolle. Zaghaft begann er zu trainieren.

Trat dann aber bald der Leichtathletikvereinigung Langenthal bei. Er lief schon sehr früh die berüchtigten 100 Kilometer in Biel, bestritt Wettkämpfe und Langstreckenläufe aller Art. Nach und nach trainierte er drei-, vier-, fünfmal, lief 75 Kilometer pro Woche.

Anfang der 1980er-Jahre fand die Familie das Haus in Sumiswald. Und wie es der Zufall so will: in der doch eher spärlich besiedelten Nachbarschaft gab es noch andere laufende Männer, Ausdauersportler, wie Paul Blaser. Von nun an trainierten sie zu dritt.

Familiäre Atmosphäre

«Als 1989 der Napfmarathon zum ersten Mal stattfand, war für uns klar: Das ist unser Rennen», sagt Blaser. Und wie recht sie hatten. Eigentlich waren die ebenen Strecken für ihn immer ein bisschen langweilig. Er wollte Hügel, Berge, Gipfel. Der Napfmarathon ist all das.

Deshalb kommt Blaser auch ins Schwärmen, wenn er davon spricht. Er sei viel weniger kommerziell als etwa der Zermatt- oder der Jungfraumara­thon. «Alles ist sehr viel familiärer», sagt der Athlet.

Er rühmt die zahlreichen Verpflegungsposten, die über 200 Helfer, die fast alle schon seit Jahrzehnten dabei sind. Er schätzt die Leute am Strassenrand, von denen er viele kennt, die Alphornbläser und die Treichler, die an der Strecke für Unterhaltung sorgen.

Nur von der Umgebung spricht er kaum. Das hat einen guten Grund: «Man muss sich extrem stark auf die Strecke konzentrieren», sagt er. «Denn der einzige Rhythmus ist: dass man keinen hat.» Das Gelände sei eine grosse Herausforderung. «Der Körper sagt ‹schneller›, aber du darfst nicht, sonst kommst du am Ende nicht durch.»

Zuerst die Familie

Ob es denn für seine Frau und die Kinder auch mal zu viel des Guten gewesen sei mit der Lauferei? «Das kann ich nicht abstreiten», sagt Blaser. Er macht aber auch klar, dass er ein typischer Emmentaler ist: zuerst die Arbeit und die Familie, dann der Sport.

Das Laufen sei immer nur Hobby gewesen. Auch früher, als es noch ums Gewinnen ging. Dreimal stand er in der Kategorie ganz oben auf dem Podest. Für den Gesamtsieg hat es nicht gereicht.

Heute geniesst er nur noch die Natur, das Gefühl der Bewegung. Einmal in der Woche geht er auf seine Tour über das Horn, Oberwald und die Schonegg wieder zurück. Das sind so 11 Kilometer. Am Wochenende können es auch mal 20 werden.

Selten hatte er mit Verletzungen zu kämpfen. Er ist gesund, gerade weil er immer auch auf seinen Körper gehört hat, wie er sagt. Paul Blaser ist überzeugt, dass das Laufen ihn robuster gemacht hat. In jeder Hinsicht. «Ich habe ein Leben lang gut geschlafen.»


Napfmarathon: Samstag, 13. 10., ab 18 Uhr Pasta-Party in der Mehrzweckhalle Trubschachen. Sonntag, 14. 10., 9.20 Uhr Start Marathon, 9.55 Uhr Start Seltenbach Trail, Team Trail und Nordic Walking. Start und Ziel: Schulhaus Hasenlehn, Trubschachen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2018, 06:19 Uhr

Artikel zum Thema

Immer noch zahlreiche Notabfischungen nötig

Sumiswald Nur weil es aussieht, als wäre der Sommer vorbei, ist das Problem der Trockenheit nicht gelöst. Allein vorletzte Nacht mussten in der Grüne 400 Fische ge­rettet werden. Mehr...

«Wo ist der Haken?»

Sumiswald Der geplante Neubau des Werk- und Entsorgungshofs in Grünen erhitzt die Gemüter. Das Projekt und das Vorgehen des Gemeinderats stossen auf harsche Kritik. Mehr...

Der Abfall landet künftig in Grünen

Sumiswald Die Gemeinde Sumiswald will einen neuen Werk- und Entsorgungshof bauen. Denn die Chancen für einen Verkauf der alten Liegenschaft stehen nun gut. Mehr...

Paid Post

Treffen Sie die Tech-Unternehmerin Roya Mahboob

Die afghanische Unternehmerin zählt zu den einflussreichsten Menschen und hilft Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So richten Sie geschickter ein

Tingler Neuer Name, neues Glück

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...