Lauperswil

Emmentaler Firma profitiert von neuer EU-Datenschutzverordnung

Lauperswil Wenn weniger Briefe verschickt werden, braucht es auch weniger Frankiermaschinen. Aber der Frama, die weltweit solche Ge­räte verkauft, geht die Arbeit nicht aus.

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Betritt man dieser Tage die Produktionsräume der Frama in Lauperswil, könnte man meinen, hier tue sich fast gar nichts mehr. Doch der Schein trügt. In der Firma macht der grosse Teil der gut hundertköpfigen Belegschaft Ferien. Nur deshalb werden hier nicht reihenweise Frankiermaschinen zusammengesetzt, weil in diesen Tagen auch in den Nachbarländern nicht viel läuft. Man produziere nicht auf Vorrat, erklärt Markus Arn, Chief Operating Officer (COO) der Frama AG. «Die Maschinen werden auf Abruf innerhalb von 48 Stunden nach Wunsch des Kunden aufgebaut», sagt er.

Monika Wüthrich sitzt also ziemlich einsam in der Endmontage, wo sie ein Basis­gerät mit allerlei winzigen Einzelteilchen bestückt. «Der sukzessive Aufbau besteht allein aus Handarbeit», sagt Arn. Bis vor vier Jahren hat die Firma in Lauperswil Teilchen selber hergestellt, heute lässt sie diese von Spezialisten aus der Region und dem Ausland anfertigen.

Die Frama liefert 90 Prozent ihrer Geräte in die ganze Welt hinaus. An Behörden, an kleine und mittlere Betriebe und an die Post jener Länder, wo der Endkunde nicht selber frankieren darf. Während in Europa der Papierversand rückläufig sei, nehme er in Asien spürbar zu, sagt Daniel Lauber. Er arbeitet als Unternehmensentwickler für die Frama AG und ergänzt: «In Asien ist unser Markt wachsend.»

Im Hochsicherheitstrakt

Markus Arn führt von Raum zu Raum; keine Tür geht auf, ohne er hätte es ihr mit dem Vorweisen eines Badges ausdrücklich be­fohlen. Nun nähern wir uns dem Herzstück des Betriebs. Einem Hochsicherheitstrakt, der 2002 gebaut wurde und zu dem laut Arn nur ausgesuchte Personen Zutritt haben.

Hier reicht der Badge allein nicht mehr, ein Code muss zusätzlich eingetippt werden, damit sich die Türe öffnen lässt. Wer hier ein und aus geht, muss sich registrieren. Und wehe, diese Personenbilanzierung geht nicht auf: Dann löst das Sicherheitssystem einen Alarm aus, der nicht nur firmeninterne Leute, sondern auch die Polizei auf den Plan ruft. Denn hinter dicken Mauern steht eine Serverfarm, also «eine Gruppe gleichartiger, vernetzter Server-Hosts, die zu einem logischen System verbunden» seien.

«Wer diese beschädigen würde, könnte weltweit Hunderttausende von Frankiergeräten lahmlegen», sagt Arn. Über diese Serverfarm laufen jährlich 250 Millionen Transaktionen, und sie sichert Geldströme im Wert von rund 400 Millionen Euro ab.

Die Frama macht mehr, als Geräte herzustellen, mit denen Firmen auf der ganzen Welt ihre Postsendungen frankieren. Bevor diese mit den Geräten aus dem Emmental den Wert des Portos auf einen Brief drucken können, müssen sie bei der Post ihres Landes ein entsprechendes Guthaben erwerben. Die Frama lädt diese Geldwerte dann auf das Gerät und rechnet über den Server zwischen der Post auf der einen und dem Endkunden auf der anderen Seite ab.

Sicherer Umgang mit Daten

«Das ist ein hochkomplexes, nicht manipulierbares System», sagt Lauber. Er ist auch CEO der Frama Communications AG. Diese wurde vor drei Jahren gegründet. Denn weil die Frama bereits über hoch spezialisiertes Wissen verfügte und breite Erfahrung im Umgang mit sensitiven Daten hatte, entschied sie sich, mit einem Kooperationspartner in die digitale Kommunikation zu investieren.

Das Produkt, das dabei evaluiert wurde, ist nichts, was sich fotografieren liesse. «Es ist eine reine Software», sagt Daniel Lauber und kommt auf die europäische Datenschutzverordnung zu sprechen, die in der EU seit dem 25. Mai 2018 in Kraft ist. Diese besagt, dass schützenswerte Daten von natürlichen Personen nicht mehr unverschlüsselt per E-Mail verschickt werden dürfen (Beispiele siehe Kasten).

Wer dagegen verstosse, müsse mit Bussen von bis zu 20 Millionen Euro rechnen, sagt Lauber und gibt zu bedenken, dass voraussichtlich ab nächstem Jahr auch in der Schweiz strenge Vorschriften gelten werden.

Die eingeschriebene Mail

Die bestehenden Systeme, mit denen E-Mails verschlüsselt verschickt werden können, erachteten die Spezialisten in der Frama als wenig anwenderfreundlich, weil diese nur öffnen könne, wer sich für die Anwendung registriert habe. Die Emmentaler Firma bietet nun eine Lösung an, bei der der Empfänger gar nichts ­machen muss, ausser in der erhaltenen Mail einen Knopf anzuklicken. Dann kann er – und nur er – den Inhalt lesen. Und seine allfällige Antwort fliesst verschlüsselt zurück.

Aber die R-Mail, wie die Anwendung der Frama Communications heisst, kann noch mehr: Sie sorgt dafür, dass auch digital verschickte Post vor dem Gericht Bestand hat. Denn sobald der Empfänger die Mail öffnet, erhält der Sender einen Zustellnachweis. Wer wann was wo erhalten und geöffnet hat, wird registriert. Und zwar auf einem Server, der irgendwo in Deutschland steht. Wo, verrät Daniel Lauber nicht. Er und Salesmanager Patrick Heller versichern, dass in diesem Bunker keine Daten gespeichert würden. Nur der Schlüssel zum Entziffern der hin und her geschickten Botschaften bleibe dort verwahrt – für den Fall, dass jemand bestreiten sollte, ein Dokument erhalten zu haben.

Langsames Erwachen?

Die Spezialisten im Emmental sind nach eigenen Angaben die ersten in Europa, die ein Programm anbieten, mit dem der ­Erhalt einer E-Mail zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Erste Kunden in Grossbritannien, Italien, Holland, Deutschland, Dänemark, Schweden und der Schweiz nutzen die R-Mail. Noch sei vielen gar nicht bekannt, auf welch dünnem Eis sie sich bewegten, wenn sie unverschlüsselt kommunizieren würden, sagt Daniel Lauber.

Selbst in der EU erwache das Bewusstsein erst nach und nach, in der Schweiz seien die Firmen noch kaum dafür sensibilisiert. Deshalb wittert das Lauperswiler Familienunternehmen in der Digitalisierung ein gewaltiges Potenzial. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.08.2018, 06:09 Uhr

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Firmengeschichte

Die Lauperswiler Firma Frama AG wurde 1970 gegründet. Heute beschäftigt das Unternehmen, das in verschiedenen Ländern Europas und auch in Südafrika und Indien insgesamt zehn Tochtergesellschaften betreibt, rund 300 Mitarbeiter, etwa 100 sind es am Hauptsitz in Lauperswil. Stete Innovationen im Bereich der Kommunikation zeichnen die Geschichte des Unternehmens aus. Es exportiert 90 Prozent seiner Produkte in fünfzig verschiedene Länder. Die 2015 gegründete Frama Communications AG ist eine Schwestergesellschaft der Frama AG. Beide Gesellschaften gehören der Frama Holding AG. (sgs)

Heikle Datentransfers

Daniel Lauber, CEO der Frama Communications AG, erklärt am Beispiel seiner Frau, wie leicht auch Schweizer mit der EU-Datenschutzverordnung in Konflikt geraten können: Sie betreibt in Burgdorf einen Geschenkladen. Korrespondiert sie nun digital mit einem Lieferanten aus Deutschland und schickt ihm persönliche Angaben einer natürlichen Person, riskiert sie eine hohe Busse – es sei denn, sie kann belegen, dass die Mail verschlüsselt verschickt wurde.

Frama-Salesmanager Patrick Heller erklärt den Nutzen der neuen Software an einem weiteren Beispiel: Ein deutsches Reisebüro vermittelt einem Kunden einen Trip nach Asien. Dort wird er krank und mailt bezüglich seines Gesundheitszustandes mit dem Reisebüro in der Heimat. Verzichtet der Touristiker auf eine Verschlüsselung, kann das laut Heller im Streitfall sehr teuer werden. (sgs)

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