Einst fremd, jetzt zu Hause

Burgdorf

Hier sei seine Heimat, sagt der Italiener Antonio Rovetto vor seiner Bar in der Schmiedegasse in Burgdorf. Er erzählt aus seinem Leben als Immigrant.

Der Italiener Antonio Rovetto kam im Winter 1960 erstmals in die Schweiz. 55 Jahre später führt er die Imbissbude und Bar Don Antonio in Burgdorf und sagt: «Ich bin rundum glücklich hier.»

Der Italiener Antonio Rovetto kam im Winter 1960 erstmals in die Schweiz. 55 Jahre später führt er die Imbissbude und Bar Don Antonio in Burgdorf und sagt: «Ich bin rundum glücklich hier.»

(Bild: Thomas Peter)

Antonio Rovettos Vater war Landarbeiter in Sizilien und verdiente so wenig, dass die sechsköpfige Familie nicht davon leben konnte. «Die Armut war gross», sagt er. Also blieb nur die Auswanderung, denn in Mineo gab es keine Industrie. Es war 1960, und die älteren Geschwister lebten schon in der Schweiz.

Damit die Ehre im fernen Land nicht in Gefahr käme, war die Schwester mit 14 Jahren noch rasch verheiratet worden. Sie schrieb – denn Telefon hatte man natürlich keines –, es gehe ihr gut, sie habe Arbeit bei der Plattenspielerfabrik Lenco in Oberburg gefunden. Dadurch ermutigt, machten sich die Eltern mit dem Jüngsten ebenfalls auf ins Emmental, zusammen mit einigen Verwandten und Freunden.

Ein eisiger Empfang

Die Reise war lang, und als sie mitten in der Nacht aus dem Zug stiegen, trauten sie ihren Augen kaum: Zum ersten Mal im Leben sahen sie Schnee. «Da lagen Berge von Schnee, anderthalb Meter hoch, und wir konnten in unseren Schuhen nicht laufen und froren in den dünnen Kleidern fast zu Tode», erinnert sich Rovetto. Mit nichts waren sie gekommen, hatten nicht einmal einen Koffer, nur ein Bündel auf dem Rücken und einen Pappkarton unter dem Arm. «Tschingge», riefen ihnen die Leute nach.

An jenem Abend suchten sie Obdach bei der Schwester, nicht weniger als 20 Personen befanden sich in ihrem Zimmer über der Garage. Der Besuch konnte vor dem Vermieter nicht lange geheim bleiben, er warf sie alle zusammen auf der Stelle raus. Zum Glück hatte die Personalchefin von Lenco ein Herz und vermittelte der Familie der fleissigen Arbeiterin eine Stöckliwohnung. «Dass das Plumpsklo draussen war, kein Wasseranschluss in der Küche war und mit Holz geheizt werden musste, störte uns nicht», sagt Rovetto.

Der Vater fand bei einem Bauern Arbeit, und die Mutter durfte mit dem Sohn dank Besuchervisa drei Monate zu Besuch bleiben. Dann mussten sie ausreisen, denn Familiennachzug war für Saisonniers verboten.

Auf der Flucht

Als sie ausgewiesen wurden, wollte sie der Vater nicht allein gehen lassen: «Alle hier oder alle dort», beharrte er. Vorerst reiste die Familie nur bis Mailand, wo der Mann sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, bis er wieder eine Stelle in der Schweiz fand. Das wiederholte sich in den folgenden Jahren mehrmals. Frau und Kind kehrten dann illegal mit ihm zurück, lebten im Verborgenen.

Der Zehnjährige durfte nicht zur Schule und nicht draussen spielen, denn wenn sie entdeckt wurden, kam die Polizei. Aus Furcht davor wechselte man ständig die Wohnung. «Glücklicherweise organisierte die katholische Kirche für Kinder wie mich einen Privatunterricht. So lernte ich abends zwei Stunden zusammen mit zehn Schülern im Hinterzimmer eines Lehrers», erzählt Rovetto. Der Exodus aus Mineo jedoch nahm weiterhin zu, zuletzt lebten von 16'000 Einwohnern 7000 in der Schweiz, sagt der 65-Jährige.

«Ja, es war eine schlimme Zeit», sagt er seufzend. Aber auch Schönes kommt ihm in den Sinn: «Wir Exil-Italiener waren wie eine grosse Familie, besuchten uns am Sonntag, machten Ausflüge, sassen abends zusammen und plauderten. Dann kam das Fernsehen, und jeder zog sich in seine Stube zurück – schade.»

In der Hasle-Pinte geholfen

1965 bekam der Vater endlich eine B-Bewilligung, und Antonio Rovetto durfte nun mit 15 Jahren Arbeit suchen. Oft fand er Beschäftigung auf dem Bau. «Aber nicht die geringste Verfehlung, kein falsches Wort durfte man sich leisten, sonst flog man gleich raus, und die Ausschaffung drohte», sagt Rovetto.

Deutsch lernte er in der Hasle-Pinte, weil die Wirtsleute dort Italienisch sprachen und ihn gut mochten. So machte er sich am Feierabend in der Pinte nützlich – und lernte endlich die Sprache.

Nicht in Italien daheim

Mit 25 kehrte er zusammen mit den Eltern nach Italien zurück, sie wollten den Lebensabend in der Heimat verbringen. Antonio aber merkte, dass er nicht in Italien zu Hause war. Obwohl er eine Italienerin heiratete und Vater von drei Kindern wurde, zog es ihn mit der Familie zurück in die Schweiz. Heute fühlen sie sich, vor allem die erwachsenen Kinder, als Schweizer.

Antonio Rovetto führt Zusammen mit seiner Frau seit über zehn Jahren die Imbissbude und Bar Don Antonio an der Schmiedegasse in Burgdorf. Leider mache ihm die Gesundheit etwas Sorgen, ansonsten, sagt er, sei er rundum glücklich hier. Der tägliche Schwatz mit Nachbarn, die Festivitäten in der Stadt, die vertraute Kundschaft, das gebe seinem Leben Sinn. Darum soll auch der Eintritt ins Rentenalter ihn nicht aus seinem Beizli vertreiben.

Berner Zeitung

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