Einst eine Burg, heute ein Acker

Rüderswil

Durch Zufall stiess der Freizeitarchäologe ­Jonas Glanzmann auf die Bezeichnung «Schloss Knubel» auf einer historischen Karte von Rüderswil. So entdeckte er eine bislang unbekannte Burgstelle.

Freizeitarchäologe Jonas Glanzmann?erklärt, was es mit den beiden Vertiefungen und dem «Knubel» im Feld auf sich hat.

(Bild: Thomas Peter)

Er hat es schon wieder getan: Der Hobbyarchäologe Jonas Glanzmann hat erneut einen Treffer gelandet. In den letzten acht Jahren hat der gebürtige Langnauer in seiner Heimatgemeinde, im Gantrischgebiet und vor zwei Jahren bei Konolfingen Burgstellen gefunden. Und jetzt hat er in Rüderswil eine untergegangene Burg dem Vergessen entrissen.

Der aktuelle Fund habe Auswirkungen auf die Lokalgeschichte, erklärt Glanzmann: Der Ort Rüderswil sei 1139 erstmals schriftlich erwähnt worden. Bislang sei man davon ausgegangen, dass die Befestigungsanlage «Zwingherrenhoger» über dem Chilchgrabe bei der Kirche Sitz der Herren von Rüderswil und damit Ursprung des Dorfes war. Die neu entdeckte Burgstelle unmittelbar an der Emme sei aber ohne Zweifel älter. «Wir sprechen hier vom Frühmittelalter, vom 7. oder 8. Jahrhundert, das ist die Zeit der alemannischen Besiedlung.» Das lasse sich aus Vergleichen mit anderen Anlagen schliessen. Damit ist klar: Rüderswil ist älter als bislang angenommen.

Sogar römisch?

Doch der 42-jährige Glanzmann ist sich sicher, dass durch den Fund nicht nur einige Daten in der Dorfchronik angepasst werden müssen. «Die Burganlage ­Rüderswilfeld, wie sie offiziell heisst, wird auch die überregionale Geschichtsschreibung beeinflussen»: Es gebe gute Gründe zu vermuten, dass die Stelle sogar schon zu römischer Zeit befestigt gewesen sei. Denn der Ort sei ideal dafür gewesen, den wichtigen Holztransport auf der Emme zu kontrollieren.

Und um den schon im Altertum bedeutenden Verkehrsweg Richtung Oberland – der ungefähr der heutigen Hauptstrasse durch das Dorf entspricht – zu kontrollieren. «Das war kein ‹Wägli›, sondern eine ­bedeutende Nord-Süd-Verbindung», so Glanzmann. Der Fund der Burgstelle stütze zumindest die Vermutung, dass die römische Präsenz im Emmental weitaus dichter gewesen sei, als bislang angenommen worden sei.

Die alte Karte

Wie aber findet man eine vor Hunderten von Jahren untergegangene Burg? «Es ist eigentlich unglaublich, dass sie noch niemand entdeckt hat», meint Glanzmann. Er habe eine Karte aus dem Jahr 1727 betrachtet. «Eigentlich habe ich etwas anderes gesucht.» Am linken Emme­ufer, ungefähr vis-à-vis von Ranflüh, sei ihm jedoch die Bezeichnung «Schloss Knubel» ins Auge gesprungen.

Topografische Satellitenaufnahmen und schliesslich der Besuch vor Ort hätten die Vermutung schnell zur Erkenntnis werden lassen: Da stand einmal eine Burg. Der kantonale archäologische Dienst, für den Glanzmann seit zehn Jahren ehrenamtlich arbeitet, hat sich rasch überzeugen lassen.

Nichts mehr zu sehen

Vor Ort ist von der einstigen Burg indes nichts mehr zu sehen. Der Laie muss seine Fantasie walten lassen. Denn die Senken am Rande des Ackers an der Emme sind vielleicht etwas ungewöhnlich – mehr aber nicht. Keine Fundamente, keine Steine deuten auf eine Burg hin. Es braucht ein geübtes Auge, um darauf zu kommen, dass die halbmondförmige Vertiefung einst ein Graben war, der einen knapp 40 mal 15 Meter grossen Burghügel umschloss. Die Gebäude waren aus Holz gebaut, die Palisaden folgten dem Grabenrand. «Ich schätze, dass hier vielleicht zehn Personen lebten», sagt Glanzmann.

Mit seiner Entdeckung überraschte der Freizeitarchäologe auch die Landbesitzer. Diese wussten nicht, dass von ihrem Feld aus einst ein Herr über die Gegend regiert hatte. «In unserer Familie war stets vermutet worden, dass das Feld Richtung Emme eingebrochen war. Daher die tiefen Einschnitte», erzählt Ursula Schüpbach-Jutzi, die auf dem angrenzenden Hof wohnt.

Als sie vor einiger Zeit mit der neuen Erkenntnis konfrontiert worden sei, habe sie gedacht: «Da stimmt doch etwas nicht.» Nun finde sie die ganze Angelegenheit aber sehr interessant. Und fügt scherzend an: «Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ich jetzt ein Burgfräulein bin.» Sie hat nun einen ganz neuen Blick auf ihr Land: «Die Hügel empfanden wir nämlich bislang eher als störend, zum Beispiel beim Heuen.»