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Eine goldene Schleife für General Guisan

Heute ist Goldbach nicht viel mehr als ein Name hinter einem Bindestrich. Doch einst florierte dort das Gewerbe. Einer der wichtigsten Betriebe im Ort war die Hut­fabrik Eichenberger. Eine Spurensuche.

Von Schwanden aus gesehen: Die Hutfabrik Eichenberger links. Im dazugehörigen Stöckli wohnte die Familie der Besitzer.
Von Schwanden aus gesehen: Die Hutfabrik Eichenberger links. Im dazugehörigen Stöckli wohnte die Familie der Besitzer.
pd
Im biederen Wohnquartier:?Nur noch die Fassadenreklame erinnert an die Zeiten der «Hueti».
Im biederen Wohnquartier:?Nur noch die Fassadenreklame erinnert an die Zeiten der «Hueti».
Thomas Peter
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Dort neben der Kantonsstrasse in Richtung Schwanden, inmitten einer etwas biederen Siedlung aus Einfamilienhäusern, liegt er, der frühere Stolz des Ortsteils Goldbach und Symbol einstiger Bedeutsamkeit: die Räumlichkeiten der Hutfabrik Eichenberger. Die «Hueti», wie sie die Einheimischen nennen.

Heutzutage ist Goldbach, salopp gesagt, nur noch ein Anhängsel. Ein Wort, bestenfalls vor, meist aber hinter einem Bindestrich: Lützelflüh-Goldbach. Kaum einmal findet der Ort selber Erwähnung in der Zeitung. Das hat vor allem einen Grund: Viel mehr als die Bäckerei Bichsel gibt es dort nicht mehr. Weder Metzgerei noch Käserei, noch Lebensmittelladen. Weder Post noch Bank und nicht einmal eine Beiz gibt es in Goldbach. Und dies, obwohl das Dorf mit 916 Einwohnern neben Hasle der grösste Ortsteil der Gemeinde ist.

Goldbach war einmal anders. Es gab eine Zeit, da florierte das Gewerbe im Dorf. Es gab Mühlen, Handwerksbetriebe, es gab eine Nagelschmitte, Schreinereien, ein Parkettunternehmen. «Käsebarone» genannte Chefs der Käseexporte Goldbach AG spazierten mit Hut und Stock durchs Dorf. Einer der bedeutsamsten Industriebetriebe aber war die Hutfabrik Eichenberger. Eröffnet 1865 in Lützelflühschachen, 1895 nach Goldbach übersiedelt, 1969 geschlossen.

Das alles ist ziemlich lange her. Nachlesen kann man die Ge­schichten zwar in einem Heimatbuch, fünfhundert Seiten dick, stammend aus dem Jahr 1995, mit dem schlichten Titel: Hasle bei Burgdorf. Aber was wissen die Leute noch zu erzählen von dieser Hutfabrik?

Klar, dass die Spurensuche in der Bäckerei Bichsel an der Emmentalstrasse 49 beginnen muss. Die Familie ist seit dem Mittelalter an derselben Adresse zu Hause, und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verkauft sie hier ihre Backwaren. Lisbeth Bichsel, Jahrgang 1943, wohnt zwar erst seit bald fünfzig Jahren dort, da sie in die Familie eingeheiratet hat. Doch, geboren in Lützelflüh, hat sie dort einst bei einer Bank gearbeitet. Sie erinnert sich noch gut, wie sie einmal im Monat die Umschläge mit den Gehältern der Mitarbeiter der «Hueti» bereitstellen musste und wie der Fahrer der Hutfabrik sie jeweils in einem Jutesack mit Lederriemen mitnahm.

Lisbeth Bichsel kennt alle im Dorf. Sie weiss auch noch ziemlich genau, wer wann in welchem Haus gewohnt, wer wo gearbeitet und wer mit wem – Sie wissen schon. Und so weiss sie auch, wer über die Hutfabrik erzählen könnte. Ein Rundgang durchs Dorf, ein paar Telefonate und einige Hausbesuche später ist eines klar: Die Goldbacher erinnern sich gut und gern an ihre «Hueti». Nur sich selber in der Zeitung wiedererkennen, das wollen sie nicht – auf keinen Fall. Nie.

Nun denn: Zu erfahren ist etwa, dass die Gründer Fritz und Jakob Eichenberger 1865 ganz klein angefangen und den Filz für die Hüte damals noch selber hergestellt haben. Nach dem Umzug von Lützelflühschachen nach Goldbach führten deren Söhne Otto und Hermann Eichenberger die Firma unter dem Namen Eichenberger & Cie weiter, bezogen das Rohmaterial ab jetzt aber aus dem Ausland. 1928 übernahm die Witwe Anna Eichenberger gemeinsam mit ihren Söhnen Hermann und Walter den Betrieb. Anfänglich umfasste die Produktion Haar- und Wollhüte für Herren. Später wurde das Sortiment mittels Patentverfahren auf Sommerhüte, Zivil- und Uniformmützen ausgeweitet. In den 1950er-Jahren kamen noch Stoffregenhüte hinzu.

Legenden ranken sich im Dorf um die Schweissbänder am Hutinnenrand. In den günstigeren Modellen wurden sie mit der Maschine eingenäht. Für Bundesräte aber, so erzählen es die Leute, hatten diese Schweissbänder weiss zu sein und mussten noch von Hand und um Flecken zu vermeiden, mit Handschuhen eingenäht werden.

Auch eine ehemalige Mitarbeiterin, Bertha Baumgartner-Althaus, wusste von illustren Kunden zu berichten. Sie hatte Jahrgang 1914 und arbeitete während des Zweiten Weltkriegs in der «Hueti». Im Heimatbuch wird sie zitiert. Sie erzählt darin, dass, wenn General Herni Guisan wiedermal eine neue Mütze wollte, Bertha Baumgartner-Althaus es war, die sie mit einer goldenen Schleife versehen durfte.

Auch über den Lohn der dama­ligen Zeit gab sie freimütig Auskunft. So erhielt Bertha Baumgartner zuerst 60 Rappen, später 65 Rappen pro Stunde. Besser verdienten zu jener Zeit die gelernten Hutmacher. Sie bekamen zuerst 1.30 Franken, später 1.80 Franken pro Stunde.

Ihre goldene Zeit erlebte die Hutfabrik Eichenberger in den 1950er-Jahren. Die Leute im Dorf erinnern sich noch gut, wie der letzte Chef der Firma, Walter Eichenberger, immer wieder mit dem grossen hutförmigen Lederkoffer gesehen wurde und wie er sich mit ihm auf die Reise machte, um seine Produkte in der ganzen Schweiz zu verkaufen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg arbeiteten rund dreissig Personen in der Hutfabrik. Nachher stieg die Zahl der Beschäftigten sogar auf 60 Personen an. Ein Grossteil der Mitarbeitenden stammte aus dem Dorf und der Umgebung. Es hätten sich aber auch zwei, drei Italiener unter den Mitarbeitern befunden, ist zu erfahren.

Langsam, aber sicher kam das Huttragen jedoch aus der Mode. Die Maschinen waren sanierungsbedürftig und die Handarbeit zu teuer geworden. Ganz zum Schluss, so erinnert sich eine Frau aus dem Dorf, sah man in der Fabrik nur noch alte Menschen, die schwerfällig und träge die letzten Hüte fertigten. 1969 schloss die «Hueti» dann für immer ihre Tore.

Inzwischen ist aus der ehema­ligen Hutfabrik ein Wohnblock geworden. Nur noch eine Fassadenreklame und alte Fotografien im Treppenhaus erinnern an die Zeit, als in Goldbach das Gewerbe noch florierte.

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