Trachselwald

Ein touristischer Ausflug mit Sirene

TrachselwaldDamit auch die Bewohner in den abgelegenen Tälern im Heimisbach den Test mitbekommen, ­fahren extra drei Männer mit mobilen Sirenen durch Trachselwald. Einer von ihnen ist Hans Arm. Wir sassen auf dem Beifahrersitz.

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Heimisbach, als Teil der Gemeinde Trachselwald, ist noch das Emmental, wie man es kennt und liebt: Landwirtschaft, Wälder, Hügel, Hänge, Täler, «Chräche».

Eine ursprüngliche Gegend, archaisch schön. Und: ein wenig abgeschottet. Ein Ort, wo es manchmal noch unkonventionelle Vorgehensweisen braucht, um auf der Höhe der Zeit zu ­bleiben. So etwa beim alljähr­lichen Sirenentest, der am Mittwoch wieder anstand. Schweizweit werden dabei die rund 7200 stationären und mobilen Sirenen auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft.

Ein Drittel der Bevölkerung

Auf drei Dächern sind die Sirenen in der Gemeinde Trachselwald angebracht. Auf jenem des Gasthofs Tanne im Dorf, auf jenem des Schulhauses Thal und jenem des Schulhauses Chramershuus in Heimisbach. Nur reicht das nicht.

Denn gut ein Drittel der Bevölkerung, etwa 300 Menschen, würden vom Alarm erst gar nichts mitbekommen. Ganz einfach, weil sie zu weit hinten, zu weit oben, kurz, zu weit weg von den fix installierten Geräten wohnen. Deshalb braucht es Hans Arm, Bruno Rutschi, Martin Stalder und ihre Vier-mal-vier-Fahrzeuge: einen Land Rover, einen Mercedes und den Toyota.

Seit rund zehn Jahren ist es die Aufgabe der drei Männer aus Heimisbach, jeden ersten Mittwoch im Februar durch die Talschaften zu fahren und die mobilen Sirenen zu testen. 25 Franken bekommen sie dafür in der Stunde plus Spesen für die gefahrenen Kilometer.

Ausserhalb der Reichweiten

Um 13 Uhr montieren Arm, Rutschi und Stalder vor dem Feuerwehrmagazin Chramershuus die Sirenen auf ihren Fahrzeugen und schliessen sie an ihre Autobatterien an. Nach einem ohrenbetäubenden ersten, kurzen ­Sirenentest geht es darum, die Routen aufzuteilen.

Drei gibt es. Auf einer Karte mit dem Gemeindegebiet sind mit roten Kreisen die Reichweiten der stationären Sirenen markiert. Von den Rändern aus führen drei rote Linien weg und hinein in die entlegenen «Chräche».

Die Fahrroute Latärnegrabe übernimmt Bruno Rutschi, die Liechtguetgrabe-Route nimmt Martin Stalder in Angriff. Die Fahrt Brandsite–Rotebüel ist Hans Arm und dem Journalisten dieser Zeitung überlassen.

13.20 Uhr. Der Toyota und der Mercedes biegen bei der Ausfahrt vor dem Feuerwehrmagazin links ab. Hans Arm fährt geradeaus, steil den Hang hinauf und fängt an zu plaudern. Denn Hans Arm ist ein Mann, der hier alles kennt, der hier aufgewachsen ist und gern von seiner Heimat berichtet.

Auf Höhe Schwarzenegg angekommen, hält er kurz inne. Im Radio gibt die Moderatorin von SRF 3 noch die Verkehrsmeldungen durch, dann schaltet Arm das Radio aus und drückt den Knopf für die Sirene. Es ist 13.30 Uhr.

Rücksicht auf die Tiere

Ab jetzt gleicht die Fahrt einem touristischen Ausflug in die rohen Talschaften des Heimisbachs. Es geht vorbei an der ehemaligen Käserei Mättenacher, weiter hinauf bis Ober-Rotebüel auf 980 Metern über Meer. Hier, beim Aufstieg sozusagen, schaukelt und rüttelt es arg im Auto. Die Strassen sind unbefestigt.

«Stotzig und grienig» ist es, wie der 57-jährige Arm das nennt. Immer wenn ein Bauernhaus in Sichtweite kommt, drückt Arm auf den Knopf, die Sirene dröhnt einmal, zweimal, dann unterbricht er den «Lärm», indem er eine andere Taste betätigt. «Wegen der Tiere, die werden sonst nur ganz sturm», sagt er. «Die Leute haben das ja längst gehört.»

Und so fährt Hans Arm seinen weissen Vier-mal-vier über «grienige und stotzige» Wege, vorbei an Holzstapeln, an im weiten Feld parkierten Jeeps, an ­erschrockenen Hunden, ängstlichen Kühen, stoischen Schafen.

Unterwegs grüsst er mit ausgestrecktem Zeigefinger einen Bekannten, der auf einem Traktor sitzt und zurückwinkt. Und wenn nicht gerade für wenige Sekunden die Sirene heult, erzählt Arm davon, wie das früher war und heute so ist, hier im Heimisbach.

Zeigt Höfe, die früher betrieben, heute nur noch als Wohnraum genützt werden oder als Ferienhäuser. Davon, dass es hier oben vielleicht noch ein halbes Dutzend Landwirte gebe, die das hauptberuflich machen würden. «Die meisten haben ihr Land schon lange verpachten müssen», sagt er und schüttelt den Kopf.

Stoische Schafe

Die Fahrt geht weiter über Geilisgut, dann die Brandsite hinunter wieder zurück ins Dorf. Vielleicht ein halbes Dutzend Mal hat Hans Arm die Sirene betätigt, ihre Funktionstüchtigkeit an rund dreissig Haushalten, die hier oben und hier hinten liegen, getestet.

Nur vierzig Minuten nach dem Aufbruch rollt der Land Rover wieder vor dem Feuerwehrmagazin ein. Nur eine halbe Minute später taucht auch der Mercedes und kurz darauf der Toyota auf.

Martin Stalder erzählt noch von erschrockenen Hühnern, Bruno Rutschi von flüchtenden Katzen und Hans Arm von stoischen Schafen. Danach montieren sie ihre Sirenen ab und gehen wieder ihrer regulären Arbeit nach: der Landwirtschaft. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.02.2018, 10:08 Uhr

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