Rüderswil

Ein Markt für mehr Wärme im Herzen

Rüderswil Hier wird garantiert keine ausländische Ware verkauft. Für den Kirchenbasar hat das halbe Dorf Rüderswil gebacken und gestrickt.

Was ein paar Frauen durchs Jahr strickten, stösst am Basar der Kirchgemeinde auf Interesse.

Was ein paar Frauen durchs Jahr strickten, stösst am Basar der Kirchgemeinde auf Interesse. Bild: Daniel Fuchs

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An diesem Samstag herrscht Betrieb im sonst so stillen, kleinen Dorf. Ziel der eilenden Besucher in Rüderswil ist die Kirche mit der daneben stehenden Pfrundscheune. Aber nicht etwa ein Gottesdienst ruft die Leute herbei, vielmehr wollen sie zum Basar. Vielleicht ist der ja auch eine Art von Gottesdienst.

Gott schaut zu

Tritt man durch die Pforte ins wohlig warme Kirchenschiff, herrscht da keine andächtige Stille, und man erkennt keinen Pfarrer weit und breit. Da wird gekreischt und gelacht, weil einem die Mohrenkopfschleuder den ersehnten Preis um die Ohren fliegen lässt.

Am Basteltisch fädeln kleine Fingerchen eine Glitzerkette auf, die mit dem Leuchtstern am Ende ein prächtiges Weihnachtsgeschenk abgeben wird. Andächtig sind höchstens die Mädchen, die mucksmäuschenstill in der vordersten Bank sitzen und sich das Gesicht bemalen lassen. «Hat Jesus nicht gesagt: ‹Lasset die Kinder zu mir kommen›? Also sind sie hier nicht fehl am Platz», zerstreut die Frauenvereinsgruppe das Erstaunen.

Während unter den geschickten Händen von Monika Hügli aus dem braven Mädchen ein wilder Tiger wird, meint sie: «Gott schaut uns zu und schmunzelt.» Und die freiwillige Geldspende fürs Schminken ist ja schliesslich auch Kindern zugedacht. Solchen, die es in Rumänien nicht so lustig haben wie diese hier.

Das ganze Dorf hilft mit

Aus der Pfrundscheune nebenan duftet es verführerisch. Der Nase nach findet man die Kaffeestube, wo Berge von Bretzeli, Tirggeli, Waffeln und Nussgipfeln neben Züpfe und Brot auf Hungrige warten. «Alles selbst gemacht», versichert die Verkäuferin. Auch die Konfitüre, Sirup, Most und die Apfelschnitze. Nicht nur Basarfrauen, nein, das ganze Dorf habe mitgeholfen. Und das Resultat ist delikat.

Im Reich der Lismerfrauen

Im oberen Stock, im Reich der Lismerfrauen, gibt es viel zu schauen. Rund um die währschaften Militärschuhe reihen sich Wollsocken, perfekt handgestrickt und garantiert wärmespendend, von Grösse 0 bis 47. Auch Bettsocken gibt es noch in dieser Welt. Und Zipfelmützen. Daneben aber auch trendigere Beanies. An den Wänden hängen Kränze zum Dekorieren von Tür, Tisch und Fensterbank, aus dürrem Laub und grünem Kraut – einfach wunderschön.

Wie auch die fein umstrickten Flaschenlaternen. Man findet Nadelkissen, Topflappen und Massagepads neben Küchentüchern und Schürzen. Mit den Stick- und Häkeleinsätzen sind sie viel zu schade zum Gebrauchen. Und erst die Baby- und Bäbikleider: So süss und knuddelig. Die Erschafferin der Knubbelzwerge heisst Erika Erhard. Woher nimmt sie nur die Ideen und die Strickmuster? Etwa aus Grossmutters «Lismerheftli»? «Woher? Ich schaue mich im Internet um», verrät die Seniorin. Und weil sie fast nichts mehr sah, aber jetzt nach einer Operation wieder handarbeiten kann, tut sies mit doppelter Freude.

Ein Merci für den lieben Gott

«Wir haben es so lustig zusammen in der Lismerrunde», sagt sie. Hinzu komme der wohltätige Aspekt, mit dem sie dem lieben Gott Merci sagen könne. Martha Dellenbach als Leiterin der Gruppe pflichtet Erika Erhard bei: «Wir 15 Frauen schätzen das monatliche Treffen in der Pfrundscheune.» Gerade für Bauersfrauen von abgelegenen Gehöften seien sie wichtig. «Da wir gerne handarbeiten und es gewohnt sind, auch beim Plaudern die Finger zu beschäftigen, ergab sich unsere Runde.»

Der alljährliche Basar stellt dann jeweils sicher, dass die dabei entstandenen Sachen gebraucht und getragen werden. Und er schafft Platz für Neues. «Die Rendite ist nebensächlich, drum sind die Preise so tief», sagt Martha Dellenbach. Die vielen begeisterten Besucher greifen denn auch kräftig zu. Der Erlös wird an wohltätige Organisationen aus der Region oder dem In- und Ausland gespendet. Dieses Jahr geht er an ein Ausbildungsprojekt für Kinder und Jugendliche in Rumänien. 

(Berner Zeitung)

Erstellt: 05.11.2018, 06:13 Uhr

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