Heimiswil

«Ein Familienbetrieb ist kostbar»

HeimiswilAlfred Widmer ist Bauer durch und durch. In der achten Generation hat er den Hof auf Gutisberg mit seiner Frau Maya bewirtschaftet. Nun haben die Jungen das Zepter übernommen.

Drei Generationen: Alfred Widmer (l.), Schwiegersohn Maël Matile, Ehefrau Maya Widmer, Tochter Sabine Matile und Enkelkinder.

Drei Generationen: Alfred Widmer (l.), Schwiegersohn Maël Matile, Ehefrau Maya Widmer, Tochter Sabine Matile und Enkelkinder. Bild: Thomas Peter

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Vier Herren der SVP sowie vier Herren und eine Frau der unabhängigen Wähler treten am 25. November zu den Gemeinderatswahlen an. Wohnsitz haben sie in den Ortsteilen Kaltacker und Heimiswil, Rotenbaum und Busswil. Just dort, wo auch die Landgasthöfe Hirschen, Lueg und Löwen stehen. Unerwähnt bleibt der Weiler Gutisberg.

Dabei ist die Siedlung, die auf knapp 700 Meter über Meer aus einer Handvoll stattlicher Bauernhäuser besteht, schön gelegen, mit weiter Sicht zur ersten Jurakette. Einen Bushalt gibt es, je nach Wohnsituation, nicht gerade in der Nähe. Wer hier wohnt, ist auf das Auto angewiesen. Die Kindergärteler und Primarschüler gehen zu Fuss oder mit dem Velo im Kaltacker zur Schule. Die Sekundarschule muss in einer der vier Nachbargemeinden Burgdorf, Oberburg, Rüegsauschachen oder Wynigen besucht werden.

Drei Töchter

Muss man sich da als Bewohner von Gutisberg nicht als «Abrächete» der Gemeinde Heimiswil vorkommen? «Absolut nicht», sagt Alfred Widmer. Der 65-Jährige ist hier aufgewachsen. Mit seiner Frau Maya hat er drei Töchter grossgezogen. In achter Generation haben sie den stattlichen Bauernbetrieb seit Jahrzehnten geführt. «Als wir den Hof übernahmen, waren es sechs Vollbetriebe – heute sind es noch drei», erinnert sich der Landwirt. Wer sein Land nicht mehr selbst bestellt, sei pensioniert oder gehe auswärts zur Arbeit. Auch auf dem Betrieb von Alfred Widmer hat sich einiges geändert. Kühe und Schweine gibt es im Gebäude mit der Nummer 364 nicht mehr, dafür Lege- und Junghennen. Und Engadinerschafe.

Maya und Alfred Widmer haben den Betrieb unlängst an Tochter Sabine und Schwiegersohn Maël Matile übergeben. In neunter Generation führen sie nun den Hof. Noch zu klein sind ihre Kinder Emelie Lou und Noa Aimé, um zu wissen, ob es auch eine zehnte Generation geben wird. «Es ist schön, wenn man Seite an Seite mit den Grosskindern lebt. Man kann die Enkel intensiver geniessen als damals die eigenen Kinder», erklärt der Senior.

Alle wohnen sie unter einem Dach. Ein Familienbetrieb sei etwas so Kostbares, ein grosses Privileg, ist Maya Widmer überzeugt. «Vor 34 Jahren», als das Fernsehen auf dem Gutisberg eine Reportage gedreht habe, «sagte unser Grosi, sie könne nicht begreifen, dass junge Bäuerinnen auswärts zur Arbeit gehen, wo doch das Bauern so ein vielfältiger und erfüllender Job sei.»

Zeit bleibt nicht stehen

Vieles hat sich seither verändert, auch auf Gutisberg. Trotzdem sagt Alfred Widmer: «Ich trauere nichts nach. Die Zeit bleibt nicht stehen. Veränderungen muss man akzeptieren.» Auch wenn es heute im Stall nicht mehr Muh macht, sondern Mäh. Oder wenns gackert. Hauptsache, das Leben auf dem Hof bleibt erhalten. «Ich habe an jeder Person Freude, die der Landwirtschaft die Treue hält und die Tradition weiterführt.»

Und seine Frau ergänzt: «Jetzt sind die Jungen am Werk. Sie haben neue Ideen, die auch zum Ziel führen können. Das Schönste ist doch, wenn es funktioniert – im Betrieb und in der Familie.» Die Freude, dass es auf dem Hof weitergehe, sei grösser als die Trauer über Vergangenes. «Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, wenn die Kinder den Betrieb übernehmen. Trotz Direktzahlungen kann man keine grossen Sprünge machen», betont Maya Widmer.

Ins zweite Glied zurückgetreten ist Alfred Widmer zwar, doch ganz an den Nagel hängen will er seinen Beruf nicht, er kann es nicht, zu sehr liebt er die Landwirtschaft, den Ackerbau im Speziellen. «Die Kartoffeln waren meine Lieblingskultur.» Daran will er festhalten. Allerdings würden die Kartoffeln nur noch im Hofladen verkauft – an sieben Tagen pro Woche, von 7 bis 22 Uhr. Neben den Engadinerschafen sowie den Lege- und Junghennen ist der Hofladen seit 2015 ein weiteres Standbein des Betriebs. Und der Ackerbau: Weizen, Gerste, Dinkel, Raps und Sonnenblumen wachsen und gedeihen auf den Feldern der Familie Matile-Widmer.

Vergangenen Zeiten nachtrauern wollen Alfred und Maya Widmer zwar nicht. Etwas Wehmut schwingt aber mit, wenn die Bauersfrau sich an die früher weit stärker gelebte Gemeinschaft auf Gutisberg erinnert. Eine Zeit, zu der die Betriebe ähnlich gelagert waren – bezüglich Produkten und Grösse. «Wenn man beim Kalbern Hilfe nötig hatte oder beim Heueinfahren Regen drohte, ist man sich gegenseitig zu Hilfe gesprungen.»

Heute sei das kaum mehr möglich, weil die Betriebe ganz anders strukturiert seien. Fünfzig und mehr Kühe pro Hof sind keine Seltenheit. Die Maschinen sind so gross, dass sie nicht mehr überall eingesetzt werden können. «Wir kommen immer noch gut miteinander aus, aber die Zusammenarbeit ist schwieriger geworden», ergänzt der Landwirt. Spärlicher ist auch das Zwischenmenschliche. Die Viehschau im Kaltacker wird nicht mehr durchgeführt, und die Käserei ist stillgelegt. «Solche Treffpunkte, an denen man sich austauschen konnte, gingen verloren», meint Maya Widmer.

«Der Name Gutisberg kommt nicht von nichts. Es ist ein guter Berg. Das Land ist gut, der Boden fruchtbar. Darum ist es so wichtig, dass man dazu Sorge trägt», sinniert Widmer. Landwirte, die mit schweren Maschinen arbeiteten, müssten zum Land schauen. «Der Boden ist unser Gold, man sollte ihn so weitergeben, wie wir ihn bekommen haben. Wir erbten ihn von unseren Eltern und verwalteten ihn für unsere Kinder, damit auch die Grosskinder noch etwas haben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.11.2018, 07:45 Uhr

Die Serie

40 Gemeinden umfasst das Emmental. Es sind Ortschaften, die meist aus Ortsteilen und Weilern bestehen. Diesen kleineren Einheiten widmen wir eine Serie: «Die Unerwähnten» heisst sie, weil sich ihre Bezeichnungen der Gemeindehierarchie
unterwerfen.

«Etwas Besonderes»

Im mehr als 400 Seiten starken Heimatbuch der Gemeinde Heimiswil ist auch dem Weiler Gutisberg ein Kapitel gewidmet. In scherzhafter Weise habe man zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesagt, «die Gutisberger seien apartige Leute. Sie hielten sich für mehr als die anderen Heimiswiler».

Diese gar nicht boshaft gemeinte Behauptung habe indessen einen wahren Grund, ist im Werk von 1967 zu lesen. Und weiter: «Die Gutisberger waren einmal etwas Besonderes, und ihr Status unterschied sich von dem ihrer Gemeindegenossen.» Alfred Widmer kann sich einen Reim auf diese Aussage machen: «Als die Kirche Heimiswil noch nicht
erbaut war, gingen die Gutisberger nach Kirchberg zur Kirche.»

Und da es dort wohlhabende Bauern gegeben habe, könne es sein, «dass sich unsere Leute für etwas Mehrbesseres hielten.» Heute sei das natürlich nicht mehr so: «Wir gehen in Heimiswil zur Kirche, aber auch in die Pfingstgemeinde.» (ue)

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