Langnau

Ein emotionaler Abend für Endo Anaconda

LangnauAm Samstag hatte Endo Anaconda, der seit einem Jahr im Emmental wohnt, ei­nen speziellen Auftritt: Er sass in der Jury der Vorlesemeisterschaft für Kinder bis 12 Jahre. Der Sänger von Stiller Has war vom Können der Kleinen begeistert.

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Es war ein Marathon, und am Ende verwarf vor allem einer die Hände, seufzte, schüttelte den Kopf und war doch selig.

Am Samstag fand in der Regionalbibliothek Langnau die zweite Vorlesemeisterschaft für Kinder bis 12 Jahre statt. Zehn Kinder aus Arni, Biglen, Emmenmatt, Zäziwil und Langnau lasen und lasen, als gäbe kein Morgen – mit zitternden Stimmen und schauspielerischen Hochleistungen.

Ein solch hochkarätiger Wettbewerb kam natürlich nicht ohne eine illustre Fachjury aus. Dort sassen: Verlegerin und Autorin Verena Zürcher, Autor Gabriel Anwander und kein Geringerer als Endo Anaconda, Frontsänger von Stiller Has, Autor, Kolumnist und seit kurzem offiziell Emmentaler. Vor gut einem Jahr ist er in seine Ferienwohnung in Trub gezogen.

Verbunden mit den Hügeln

Endo Anaconda hat eigentlich viel zu tun derzeit. Er ist auf Tournee für sein neues Album «Endosaurusrex». «Ich finde es toll, wenn Kinder Freude an der Sprache haben, dass sie lesen. Und das nicht nur aus ökonomischen Gründen, damit sie später einen besseren Job finden, sondern es geniessen», sagt der Liedermacher eine Stunde vor dem Anlass.

Endo Anaconda, der mit bürgerlichem Namen Andreas Flückiger heisst, ist mit den hiesigen Hügeln tief verbunden. Er ist zwar in Biel geboren und dann im österreichischen Kärnten aufgewachsen. Die Sommerferien aber verbrachte er als Jugendlicher bei seinen Grosseltern in Trachselwald. «Resu, innen drin bist du ein Emmentaler», habe die Grossmutter jeweils gesagt.

«Meine Grossmutter pflegte zu sagen: ‹Resu, innen drin bist du ein Emmentaler.›»Endo Anaconda

Der Bäcker und der Metzger

Tatsächlich sind da noch viele Erinnerungen an das Emmental. «Das beste Brot, das ich jemals ­gegessen habe», sagt er und schwärmt von der Bäckerei Schürch in Trachselwald. Er erinnert sich, wie der Metzger das Fleisch noch mit dem Mofa in den Dorfladen brachte, an das leckere Joghurt aus der Käserei, ans Spielen im Schloss. «Ich bin mit dieser Gegend emotional verwurzelt. Erklären kann ich das nicht», sagt er. «Vielleicht ist es der Geruch, das Essen oder die Leute.»

Er möge die Emmentaler einfach, die Art, wie sie redeten, die knappe, konzentrierte Sprache. «Die kommt aus einer Zeit, als man noch sein Leben riskierte, wenn man seine Meinung sagte.» Sein Haus in Trub sei seine Höhle geworden, meint er. Dort ziehe er sich zurück, um zu lesen und zu schreiben, aber vor allem: um zu schlafen.

Apropos. Er sei gerade erst aufgestanden. Es sei spät geworden am Abend zuvor. Er war im Theater. Im Gasthof Löwen in Trub hat er sich das Stück «Schrattenflueh» des Jodlerchors angeschaut.

Gut, hat Endo Anaconda genug geschlafen. Weil der Samstagabend es in sich hat. Drei Stunden lang heisst es für die Kinder höchste Konzentration. Zuerst stehen selber gewählte Texte auf dem Vorleseprogramm. Die jüngste Teilnehmerin etwa, Eline Stettler aus Zäziwil, ist in der zweiten Klasse und liest «Das Einhorn und das Meer» von Fiona Moodie mit zarter Stimme und professionellen Blicken ins Publikum.

Der einzige Junge in der Runde, Leandro Kohlbrenner aus Biglen, gibt «Gregs Tagebuch» von Jeff Kinney zum Besten, als würde er das hauptberuflich tun. Und die Fünftklässlerin Noémi Rentsch aus Arni liest aus Michael Endes «Wunderpunsch», als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Daneben werden allerhand Märchen oder Texte von Astrid Lindgren, Lukas Hartmann und Peter Bichsel präsentiert.

Kein Zweifel, alle Darbietungen sind meisterhaft. Hier und da stocken zwar die zarten Stimmchen noch bei schweren Wörtern wie Litfasssäule, Blinklichtampel oder Bahnhofsvorsteher. An anderen Stellen aber brillieren die Kleinen, intonieren wie echte Vorleser, schauspielern, lachen und weinen, wenn es der Text verlangt.

«Es ist so schwierig»

Es ist ein intensiver Abend für alle Beteiligten. Denn es ist eben nicht nur ein lustiges Vorlesen, sondern ein knallharter Wettbewerb. Man sieht es dem Jurymitglied Endo Anaconda an, dass er leidet und es ungerecht findet, dass er Punkte verteilen muss. Am Ende stehen nur noch drei Kinder auf der Bühne für das grosse Finale.

Alle drei meistern ihren doch anspruchsvollen Abschnitt aus «Florenz Tschinglbell» von Christine Nöstlinger mit Bravour und glänzen nochmals mit einer eigenen Textwahl. Aber es ist, wie es ist. «Im Leben muss man kämpfen», sagt Anaconda bei einer Zigarettenpause. Es kann nur einen geben.

Und so verwirft am Schluss der grosse, alte Moudi vorne in der Jury die Hände, rauft sich die Haare und sagt laut: «Das ist so schwierig.» Er betont: «Die Punkte entscheiden. Das bin nicht ich.» Dann kürt die Jury Noémie Rentsch aus Arni zur Vorlesemeisterin.

«Du bist so präsent beim Lesen, so professionell, du nimmst das Publikum mit», schwärmt der Liedermacher. «Grossartig!» Die tapferen Kinder erhalten ihre Pokale, Gutscheine, eine Meisterschoggi – und einen festen Händedruck von einem sichtlich aufgewühlten Endo Anaconda. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.03.2017, 17:32 Uhr

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