Ein Bubentraum als rettende Idee

Sumiswald

Als der begeisterte Motorradfahrer Erich Rüfenacht gesundheitliche und finanzielle Schwierigkeiten bekam, gab es für ihn eine naheliegende Lösung: die Eröffnung der eigenen Töfflibude.

Von jeher vom Töffli begeistert: Mit dieser blauen Maschine ist Erich Rüfenacht vor mehr als 30 Jahren bis nach Rimini gefahren.

Von jeher vom Töffli begeistert: Mit dieser blauen Maschine ist Erich Rüfenacht vor mehr als 30 Jahren bis nach Rimini gefahren.

(Bild: Thomas Peter)

Sheila Matti

Ein Foto nach dem anderen reiht sich an Erich Rüfenachts Werkstattwand. Die darauf abgebildeten Motorräder und Töffli haben alle eine eigene Vergangenheit. Die meisten Geschichten beginnen in einer alten Scheune, unter einem Heustock oder bei der Altmetallsammlung, wo Rüfenacht die alten Zweiräder gefunden und geborgen hat.

Der Sumiswalder hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie zu restaurieren. Beispielsweise das umgebaute Suzuki-Mofa, welches mit der langen Sitzbank – vier Personen finden darauf Platz – eher an eine Limousine erinnert als an ein Töffli.

Schon als kleiner Junge entwickelte Erich Rüfenacht eine Leidenschaft für motorisierte Zweiräder. «Ich war eigentlich immer mit dem Töffli unterwegs, egal bei welchem Wetter, egal in welcher Jahreszeit», erinnert sich der heute 48-Jährige und erzählt, wie er einmal mit einem Freund sogar bis nach Rimini gefahren sei.

Das blaue Töffli, das ihn vor mehr als 30 Jahren an die italienische Küste brachte, steht heute noch in der Werkstatt in Sumiswald – inklusive des Schlafsacks, den Rüfenacht dabei hatte.

Kein Jahr ohne Operation

Seit diesem Sommer hat Rüfenacht seine hauseigene Werkstatttür auch für Kunden geöffnet. Wer nach einem individuellen Modell sucht oder sein eigenes Gefährt reparieren oder restaurieren lassen will, ist bei Richu’s Töfflibude an der richtigen Adresse. Mit dem Betrieb erfüllt sich Rüfenacht nicht nur einen Bubentraum, sondern versucht auch, sich selbst aus einer misslichen Lage zu befreien.

Bereits während seiner Ausbildung zum Automechaniker tauchten die ersten gesundheitlichen Probleme auf. Bis heute musste er insgesamt 34 Operationen über sich ergehen lassen: Ein versteifter Fuss, ein beidseitiger Leistenbruch oder ein kaputtes Knie sind nur Auszüge aus Rüfenachts Krankengeschichte. «Es verging kaum ein Jahr, in dem ich nicht operiert werden musste», sagt der vierfache Vater.

Schliesslich waren es starke Hüftprobleme, die ihn vor vier Jahren endgültig arbeitsunfähig machten und unter die Obhut der Invalidenversicherung stellten. Von deren Vorgehensweise ist Rüfenacht alles andere als begeistert: «Die IV schickte mich von einer Untersuchung zur nächsten, ordnete weitere Operationen an und verlor sogar meine Patientenunterlagen.»

«Ich hatte die Nase voll»

Besonders schlimm sei es für ihn gewesen, dass er während dieses ganzen Prozederes kaum finanzielle Unterstützung erhalten habe. Es habe etwa eine Zeit gegeben – von Oktober 2014 bis Januar 2015 –, in der Rüfenacht gar keinen Zuschuss bekam und seine Familie nur durch den Verkauf der geliebten Maschinen über Wasser halten konnte.

«Irgendwann hatte ich die Nase voll», meint Rüfenacht. Er entschloss sich dazu, durch die Öffnung seiner Werkstatt etwas Geld dazuzuverdienen. Aus eigenem Antrieb verfasste er für die IV ein Dossier mit der Geschäftsidee und konnte die Versicherung damit, wenn auch nicht auf Anhieb, überzeugen: Bis nächsten Frühling unterstützt ihn die IV beim Geschäftsaufbau.

Eine unsichere Zukunft

Erich Rüfenacht ist gleichzeitig Chef und einziger Angestellter der Töfflibude. So erledigt er alle Arbeiten selbst. Wenn er, aufgrund seines Gesundheitszustandes, etwas nicht alleine bewältigen kann, hilft ihm sein ältester Sohn Michel Rüfenacht.

Die Aufträge hielten sich bislang jedoch in Grenzen, gesteht Rüfenacht: «Die Einnahmen reichen nicht aus, um mich und meine Familie zu finanzieren.» Entsprechend unsicher ist auch die Zukunft der Töfflibude. Wenn die IV den Geldhahn nächsten Frühling zudreht, muss er sich etwas Neues einfallen lassen.

Der begeisterte Schrauber hat bereits mehrere Ideen, etwa die Vermietung seiner Motorräder an Fahrschulen oder die Zusammenarbeit mit einem regionalen Gärtnereibetrieb. Bereits jetzt würde er sein Angebot gerne auf weitere Maschinen, wie etwa Rasenmäher oder Kleingeräte, ausweiten. «Ich kann alles reparieren, was surrt», sagt Rüfenacht mit einem Lachen.

Berner Zeitung

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