Drücken, drehen, mixen – aber nur für Frauen

Burgdorf

In der Kulturhalle Sägegasse fand ein Crashkurs im DJing statt, extra für junge Frauen. Denn sie sind in dieser Sparte untervertreten, sind die Organisatorinnen überzeugt.

Dominique Zumstein und Gionina Kruger (von links) probieren sich am DJ-Pult aus. Fotos:Raphael Moser

Dominique Zumstein und Gionina Kruger (von links) probieren sich am DJ-Pult aus. Fotos:Raphael Moser

Nadja Noldin

«Umts-umts». «Bum-bum-bum». «Bum-bum-täng». Aus drei kleinen Boxen schallt Techno. Dann werden Beats kurze Zeit übereinander gelegt, der eine Song wird ausgeblendet, ein anderer schiebt sich darüber. Der Rhythmus wird langsamer, der Bass stärker. Die junge Frau dreht an einem Regler des Controllers, dem typischen Gerät eines DJ. «Ich höre noch nicht so einen grossen Unterschied. Warte, jetzt.» Der Ton wird noch tiefer. «Ja, jetzt höre ich es deutlich. Das fägt. Willst du auch mal probieren?» Das andere Mädchen spielt mit den Tempoknöpfen. «Ou, so ist es mega schnell.» Beide lachen. Dann schrauben sie munter und experimentierfreudig weiter herum, schieben den Fader – den Überblendungsregler – nach oben, bearbeiten die Frequenzen mit dem Equalizer, verändern die Geschwindigkeit des Tracks. Dabei erhalten sie Tipps und Hilfe von Juli Lee und Melisa Su. Die beiden Leiterinnen sind erfahrene Discjockeys. Sie legen beruflich in Clubs und an Festivals auf und produzieren selbst eigene (elektronische) Musik.

Unter kundiger Leitung: Das DJ-Daseins scheint Spass zu machen.

Sechs junge Frauen nehmen an diesem Schnupperkurs für DJing in der Burgdorfer Kulturhalle an der Sägegasse teil. Sie haben kaum oder keine Erfahrung im Mixen und Auflegen von Musik. In Zweiergruppen stehen sich nach einer Einführung der Coachs hinter den Tischen mit dem ihnen zur Verfügung gestellten DJ-Equipment: Nebst Controller und den Boxen haben sie auch einen Laptop mit einem speziellen Programm vor sich. Die Atmosphäre ist locker, zwanglos, freundschaftlich. Die Frauen sind unter sich, der Kurs ist nur für Mädchen und Frauen von 12 bis 25 Jahren bestimmt.

Helvetia soll rocken

Eigentlich wäre ein einwöchiger Workshop im DJing sowie nächste Woche einer in Beatmaking geplant gewesen, beide von der Stadt Burgdorf unterstützt. Doch beide Kurse mussten aus Mangel an Anmeldungen abgesagt werden. Als Alternative wurde der eintägige kostenlose Schnupperkurs angeboten. Organisiert wurde dieser vom Verein Helvetiarockt. Der Verein wurde vor zehn Jahren gegründet und hat sich der Frauenförderung in der Musikbranche verschrieben. Er versteht sich als Koordinationsstelle und Vernetzungsplattform für junge Musikerinnen in den Sparten Rock, Pop und Jazz und bietet schweizweit Bandworkshops oder Songwriting-Camps für Frauen an, betreibt aber auch Lobbying und Verbandsarbeit, um die Veranstalter zu sensibilisieren. «Frauen sind in der Schweiz im Musikbusiness stark unterrepräsentiert», sagt Co-Geschäftsführerin Manuela Jutzi. Nach eigenen Schätzungen betrage die weibliche Bühnenpräsenz in Pop, Rock und Jazz 15 Prozent, in der Musikproduktion seien gerade noch 2 Prozent weiblich. Nicht zuletzt wegen der #MeToo-Debatte und dem Frauenstreik sei das Thema Gleichstellung in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, nun müsse die Diversität auch in der Musik weiter vorangetrieben werden.

«Frauen sind in der Schweiz im Musikbusiness stark unterrepräsentiert»Manuela Jutzi, Co-Geschäftsführerin Helvetiarockt

Junges Projekt

Um jungen Frauen den Zugang zur Musikszene zu erleichtern und ihnen die Angst vor der Technik und dem Exponiertsein zu nehmen, ist das Projekt «Female* Music Lab» ins Leben gerufen worden. Dieses startete letztes Jahr in Luzern mit Angeboten in DJing, Beatmaking und Song-Sketchs und soll auch Mädchen aus weniger guten Verhältnissen offen stehen: Die Kurskosten für eine Woche betragen laut Manuela Jutzi 100 Franken. Vorkenntnisse sind keine nötig.

Heuer sollten bereits an den vier Standorten Basel, Luzern, Genf und Burgdorf Kurse stattfinden. Aber eben, das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, wie Organisatorin Manuela Jutzi zu spüren bekam:Nicht nur in Burgdorf, auch in Genf musste der DJing-Kurs wegen mangelnder Nachfrage verschoben werden. Die Lützelflüherin ist aber überzeugt, dass das Bedürfnis da ist. «Wir müssen einfach in der Region bekannter werden. Denn mit steigendem Bekanntheitsgrad des Projekts können wir unsere Zielgruppe besser erreichen und viele Mädchen und junge Frauen für die Musik begeistern.» Nächstes Jahr im Frühling oder im Sommer werde man einen weiteren Anlauf für Workshops in Burgdorf nehmen.Unverbindlich anmelden könne man sich via Website Helvetiarockt.ch bereits heute.

Mehr als nur auf Play drücken

Die Frauen in der Kulturhalle sind unterdessen mit Loops beschäftigt. «Indem ihr sie mit diesem Knopf markiert, könnt ihr eine bestimmte Anzahl von Beats immer wieder laufen lassen», erklärt Coach JuliLee. «Welche, ist Gefühls- und Geschmackssache. Es gibt keine Regeln, solange es gut tönt. Aber esgibt Tipps, die am Anfang hilfreich sind.»

So gehts: Die jungen Frauen werden in die Geheimnisse einer Djane eingeweiht.

«Sehr cool, mal selbst rumzudrücken», finden die beiden 19-jährigen Kursteilnehmerinnen Dominique Zumstein aus Rubigen und Gionina Kruger aus Münsingen. Sie hätten zufällig in einem Frauenchat davon erfahren und sich spontan entschieden, nach Burgdorf zu kommen. Sie würden oft in den Ausgang gehen und in Clubs tanzen. Nun hätten sie mal hinter die Fassade blicken und die Tätigkeit eines DJ kennen lernen wollen. «Ein DJ muss mehr können als nur auf Play drücken. Es erfordert Arbeit und Talent», stellt Dominique Zumstein fest. Freundin Gionina Kruger ergänzt: «Dass die Coachs weiblich sind, ist super.» Die Männer seien in dieser Sparte in der Überzahl, jetzt hätten sie mal Frauen als Vorbilder, womit sie sich besser identifizieren könnten.

Weitere Beiträge aus der Region Emmental

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...